Rassismus

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Anfang März 2016; Wetter im platten Land Westfalens nördlich des Rheins: Kalt aber züchtig — eine Aussage, die mehr Sinn macht, als der geistige Erguss über welchen ich hernach berichten möchte.

Zu Samsons Zeiten galt eine stattliche Haarpracht als Zeichen ausgeprägter Potenz, daher fragte ich mich, als ich mich heute hier in Rheda auf den Weg zum Frisör machte, in welchem Ansehen damals wohl die Barbiere bei ihren männlichen Kunden standen — denn in Vorbereitung auf mein nächstes Projekt halte ich mich momentan noch in dieser Musterstadt norddeutscher Biedermänner auf. Solch verworrenem Gedankengang zum Trotz war es eine Frau, die mich heute am nachhaltigsten beeindruckte.
Die “magischen Hände” in jenem Frisiersalon hatten zwar allesamt türkische Besitzer, doch waren die junge Mutter und ihr Kind — ein Dreikäsehoch im Vorschulalter, den sie kurz zuvor auf den Kindersitz des Salons platziert hatte — eindeutig germanischen Ursprungs. Und ich sage dies nicht nur weil die kaum 25-jährig erscheinende Frau, ebenso wie der sie begleitende Mann gleichen Alters und ihr gemeinsamer Stammhalter, akzentfreies Deutsch sprachen. Nein, sondern vor allem, weil die leuchtend blonde Erscheinung — sowohl von ihr wie auch die ihres Jungen — dem Hochglanzprospekt eines arischen Herrenmenschenmagazins hätte entsprungen sein können.
Sie bewegte sich mit der unprätentiösen Grazie einer proletarischen Loreley, denn neben den gelben Plastikturnschuhen zu schwarzen Stoffhosen verriet auch ihre sonstige Ausdrucksweise einen “bildungsfernen Hintergrund”, während meine darbende Libido verzweifelt nach der Zeitmaschine suchte, welche mich flugs gute zwei Jahrzehnte jünger machen sollte.
Die gute Frau wollte eine hochgesteckte Ponyfrisur für ihren süßen Sprössling und war sehr darum besorgt, dass jeder Schnitt im Haupthaar ihres Kindes auch richtig platziert sein möge. Ich hatte mittlerweile für meine eigene Kopfrasur direkt neben dem Kleinen Platz genommen und war also nicht überrascht, dass sie mehrmals neben mir auftauchte, um sich in die Regie von Schere und Schneideapparat einzumischen.
Und doch stockte mir der Atem, als eben jener blonde Engel unverbraucht mütterlicher Tugend erneut nach vorne eilte, um dem Frisör beim Zurechtschneiden der Stirnpartie Einhalt zu gebieten: „Halt, nicht so schneiden. Er sieht ja sonst noch aus wie ein Jude“.
Vielleicht habe ich mir die darauf einsetzende beklemmende Stille nur eingebildet, jedenfalls versuchte die junge Mutter ihren Einwand erklärend zu entschuldigen – und machte dadurch alles nur noch schlimmer. Zuerst auf die Stirnpartie ihres Zöglings deutend, zwirbelte sie sich unmittelbar darauf imaginäre Locken entlang der eigenen Schläfen, und meinte, „das sieht ja sonst nachher aus wie bei den Juden. Ich meine, er soll doch gut aussehen, soll doch nicht schlecht ausschauen, mein Junge“. Dabei streichelte ein blonder Engel dem anderen übers Haupt, während mir die Haare geschoren wurden, auch die, die mir mittlerweile schon zu Berge standen.
Nach dem Paradigmenwechsel der Kölner Silvesternacht hatte ich besseres zu tun, als mich mit dem Prototypen des arischen Muttertiers, auf fremden Terrain, in ein Streitgespräch über die Nachhaltigkeit der geistigen Nahrung einzulassen, welche diese dem Spross ihres Schosses da so unverhohlen ins Ohr träufelte. Nur fragte ich mich, was wohl der nächste jüdische Mitschüler des Knaben von diesem zu hören bekommen würde, sollte er es jemals wagen, mit Schläfenlocken zum Unterricht zu erscheinen?
Aber die Frage, die mich am meisten beunruhigte war, ob diese Mutter, die mir plötzlich nur noch proletenhaft und gar nicht mehr betörend schön erschien, bekennende Anti-Semitin oder einfach nur eine praktizierende Ignorantin war. Jedenfalls hatte sie ihrem Jungen an diesem Nachmittag, mit kaum vier Sätzen, ein Geschenk für seinen Weg durchs Leben gegeben, an dem so manch anderer nicht-blonder Mitmensch noch zu knabbern haben dürfte.
Während meiner Zeit in England letztes Jahr verbrachte ich sechs Monate auf der Insel der isolierten [Un]Glückseligkeit und war dabei bemerkenswerterweise Teil eines IT-Projektes, dessen Belegschaft kaum internationaler hätte sein können, wenn Kofi Annan die Mannschaftsauswahl getroffen hätte.
Auch wenn die “vor Brexit” Stimmung überall auf den Straßen und in den Medien zu spüren war – und Schande über jeden angelsächsischen Insulaner, der im Nachhinein behauptet vom Ausgang des Referendums überrascht worden zu sein – auf dem Projekt waren wir alle eine fröhlich integrierte multikulti Völkerfamilie.
Moslem saß neben Hindu, saß neben Christ, saß neben Atheist und man unterhielt sich über alle Rassen, Klassen und Kastengrenzen hinweg sprichwörtlich über “Gott und die Welt”.

Der Star unseres Langtisches war ein jung gebliebener Inder in seinen späten Vierzigern, der den für ihn passenden Spitznamen “Jazz” sein eigen nannte. Er war dauernd zu Scherzen aufgelegt, dabei hochintelligent und wissenschaftlich, wie kulturell sehr bewandert. Ja er nahm den nicht zu unterschätzenden Stress auf sich, der schon mit kleinsten Reisen von und auf die Insel verbunden sein kann, um übers Wochenende nach Athen zu fliegen und sich die Akropolis anzusehen.
Ein echter europäischer Kulturreisender und dabei einer, der nicht mal in Europa geboren ward.
Doch gelegentlich stolperte man über seinen ironisch-sarkastischen Humor, bei dem Versuch miteinander über Ernsthafteres als den lokalen Wetterbericht ins Gespräch zu kommen. Eine Art Schutzmechanismus, der oft von denen benutzt wird, die um die Vergeblichkeit wissen sich seriös über allzu vorurteilsbehaftete Themenkomplexe zu unterhalten.
So brauchte es eine Weile, bis wir einander nahe genug kamen, dass er mir sein Religionsbekenntnis offenbarte. Er gab an ein gläubiger Sikh zu sein, doch fiel es mir anfangs schwer dies zu akzeptieren, ja ich hielt dieses Statement nur für einen weiteren seiner vielen Scherze. Denn Jazz trug keinen Turban, hatte seine Kopfbehaarung sorgsam abrasiert, und er hatte auch kein Problem damit, gelegentlich Fleisch zu essen.
Jeder, der sich mit Sikhismus auskennt, weiß das er damit gegen die Grundsätze der religiösen Orthodoxie seines Glaubens verstieß – einer Religionsgemeinschaft, die interessanterweise ursprünglich geformt worden war, um den Menschen des nördlichen Indien eine friedfertige Alternative zu den einengenden Orthodoxien von Islam und Christentums zu offerieren.
Jazz offenbarte mir, dass ihm vor vielen Jahren sein – streng religiöser – Großvater die gleichen Vorhaltungen gemacht hatte. Er jedoch sah nirgendwo in seinem heiligen Buch – dem Guru Granth Sahib – geschrieben, dass langes Haupthaar und ein voller Bart, nebst Turban, zwingend erforderlich seien, um ein guter Sikh zu werden. Damit hatte er zweifelsohne ebenso recht, so wie viele Moslems welche die Vollverschleierung von Frauen ablehnen oder Christen, welche mit Homophobie nichts am Hut haben. Aber was in den heiligen Büchern steht, ist eine Sache, was die Mehrheit der Gläubigen daraus macht ist jedoch eine ganz andere.
So insistierte ich Jazz gegenüber: „Du kannst dich doch nicht als Einzelner gegen die Glaubensüberzeugung der ganzen Gemeinde stellen – da verlierst Du doch!“
In einem seiner seltenen tiefernsten Momente lehnte Jazz sich zu mir herüber und meinte: „Diese Regeln wurden ursprünglich eingeführt damit sich meine Leute in Zeiten von gegen uns gerichteten Feindseligkeiten und Kriegen untereinander erkennen und miteinander identifizieren konnten. Solange ich unbedrängt in einer offenen und toleranten Gesellschaft meinen Glauben unbedrängt praktizieren kann, brauche ich diese ‘Erkennungsmerkmale’ nicht – doch in dem Moment, wo man mir das Tragen des Turbans oder eines Vollbartes verleiden oder gar verbieten wollte, würde ich bis zu meinem Tod dafür kämpfen, weithin sichtbar als Sikh durch die Lande zu schreiten.“

Ein altes Gesetz der Physik besagt, dass jeder Druck Gegendruck erzeugt – so einfach ist das und doch so kompliziert.

So musste ich heute Morgen an Jazz denken, als ich auf dem Weg zur Arbeit im Autoradio von einem neuen geplanten TV Auftritt des viel gefeierten deutschen Fernsehrüpels Jan Böhmermann erfuhr. Vor vielen Wochen war auch ich entsetzt, als man mir in den Medien davon erzählte, wie ein übler Schurke aus Ankara sich erdreistete, einem deutschen Denker das Dichten verbieten zu wollen.
Meine uninformiert wütende Entrüstung hielt bis zu dem Moment an, da sich ein übereifriger CDU Bundestagsabgeordneter dazu verstieg, besagtes “Gedicht” in voller Länge im Plenum zu zitieren. Und auch wenn ich für mich selbst nicht einmal den Status eines begnadeten Hobby Poeten in Anspruch nehme, so konnte ich doch dieser böhmermannschen Ekeltirade beim besten Willen nichts “künstlerisch wertvolles” abgewinnen.
Die “Freiheit der Kunst” hat bei mir da ihre Grenzen, wo künstlich, krampfhaft darauf Wert gelegt wird, jemand anderen persönlich zu beleidigen. In seinem Schmähtext beschimpft der besagte deutsche Medienstar nicht Erdogan den Politiker, nicht einmal den osmanischen Gernegroß und Möchtegernsultan vom Bosporus – obgleich sich da trefflich anknüpfen ließe.
Nein, Herr Böhmermann legte besonderen Wert darauf, den Menschen Erdogan, mit der türkischen Flagge als Hintergrund, als Päderasten und Sodomiten mit extrem-erotischer Hingabe zum Hornvieh, darzustellen – inklusive der erkenntnisreichen Unterstellung, dass es in Erdogans Unterhose stark nach Döner rieche.
Man stelle sich den Entrüstungssturm im deutschen Blätterwald vor, hätte sich das polnische Parlament derart schützend vor einen Schmähredner von der Weichsel gestellt, welcher Merkel zuvor dichtenderweise als Kinderschänderin abtitulierte hätte.
Ja, auch und gerade in Polen muss man sich als deutscher Politiker viele Demütigungen durch die Medien gefallen lassen – nur erhalten diese keine offiziellen Weihen aus den Reihen des Sejm und bleiben in der Regel auch nördlich der Gürtellinie stehen.

All diese Gedanken gingen mir heute Morgen durch den Kopf – und mir wurde klar, warum ich in Herrn B. jetzt nur noch einen unwürdigen Verbalschmieranten sehe, obgleich ich ihn noch vor wenigen Wochen als Helden „meiner Meinungsfreiheit“ empfand. Es waren die dümmlichen Islamophobien, welche sich auch auf meiner Facebook-Seite austoben wollten – und dabei bin ich nicht mal Moslem und schon gar kein Türke.
Wie gesagt, Druck erzeugt Gegendruck – und so denke ich mittlerweile ernsthaft darüber nach, mal wieder eine Moschee zu besuchen und im Koran zu lesen.
Perspektivlosigkeit ist nicht immer von Nachteil, jedenfalls dann nicht, wenn einem erst ein Wechsel der Blickrichtung die Sinnlosigkeit des eigenen Strebens offenbart.
Einfacher formuliert: Der Hamster dreht so lange fröhlich am Rad, wie er noch meint sein Kreisrennen gewinnen zu können. Erst wenn so ein übereifriger Nager aus seiner Exerziermaschine heraus tritt und erkennt, dass er sich, trotzt allen Gerennes, nicht einen Zoll von der Stelle bewegt hat und ergo immer noch im gleichen Käfig gefangen ist, dürften vielleicht bei dem ein oder anderen Exemplar seiner Art gewisse Zweifel ob der Sinnhaftigkeit solchen Tuns aufkommen – oder vielleicht auch nicht.
Auch wenn meine Ernährung nicht aus Mohrrüben und infantilen Streicheleinheiten besteht, so habe auch ich einen Käfig – “Büro” genannt – und drehe darin gleichfalls täglich am Rad, mindestens so viel, wie jeder Hamster der was auf sich hält.
Nach einem derart unerfreulich langen und exquisit unproduktiven Arbeitstag freute ich mich auch heute darauf, wenigstens dem Abend noch einen sonnendurchwirkten Spaziergang abzuringen.
Inmitten des Grenzlandes, zwischen urbaner Vorstadt und kleinbäuerlichem Ackerland, das meine derzeitige Heimstatt auf Zeit ausmacht, nahm ich also meinen vierbeinigen Kumpel an die Leine und zusammen machten wir uns auf den Weg die Waldstraße entlang. Kaum hatten wir die erste Biegung aus der Siedlung heraus hinter uns gebracht, da bemerkte ich auch schon eine ältere blonde Frau, welche uns mit ihrem großen Setterhund entgegenkam.

Wichtel Äffchen – ich hab dich ganz doll lieb
Mein Witbooi ist ein Findelkind, den ich als kleinen Welpen inmitten der Ödnis der Wüstenreservation der Navajos im nördlichen Neu Mexiko fand. Dort halten sich die Einheimischen Hunde als lebende Alarmanlagen, ohne dabei viel Emotion an das Tier an sich zu vergeuden. Und halbe Tage vom nächsten Polizeirevier entfernt, ist es überlebenswichtig, dass die Hunderasse, welche man sich für diesen Zweck heranzüchtet, extremst aufmerksam, neugierig und doch auch allen Fremden gegenüber misstrauisch ist. Zugleich sollten sie aus dem Stand heraus bereit sein, sich jedes Angreifers, egal ob Mensch oder Tier, zu erwehren.
Kurz gesagt, mein kleiner Kumpel ist sehr speziell in der Wahl seiner Freunde und das haben wir zwei gemeinsam. Leider begreift das nicht jeder Couch verwöhnte Vorstadtschoßhund und so halte zumindest ich mich mit ideologischer Inbrunst an die Leinenpflicht in stadtnahen Gebieten. Da ich ihn außerdem in solchen Situationen in Ruhestellung verharren lasse, gäbe es eigentlich keine Probleme – wenn, ja wenn es da nicht immer wieder, neben vielen denen die Leinenpflicht eh am Allerwertesten vorbeizugehen scheint, nicht auch solche gäbe, die meinten, nur weil sie mal drei Folgen vom Hundeflüsterer in Reihe gesehen haben, nun selbst Experten in Sachen Hundeerziehung zu sein.
Nebenbei bemerkt, mein vierbeiniger Freund war bereits in einem guten Dutzend Hundeschulen, sogar in einer, die von einem Adepten von Cesar Millan geführt wird. Dort haben mir alle Experten bestätigt, dass mein Hund weder bösartig noch überhaupt in “Problemhund” sei, sondern einfach nur seiner Natur gemäß agiert. Und in der Tat sind die Vorgärten der Siedlung hier, voll von Kläffern, die regelrecht durchdrehen, wenn ich mit meinem Kleinen ganz ruhig an “ihrem Gartenzaun” vorbeigehe.
Doch sind deren Besitzer gute, weiße Deutsche. Ich dagegen bin, in den Augen vieler, ein Farbiger weiß-der-Geier-was, mit einem schwarz glänzenden Hund, der eine Reihe blitzblank polierter und zugegebenermaßen beeindruckend großer Zähne sein eigen nennt. Dabei ist er von Haus aus weder aggressiv noch kämpferisch veranlagt, aber er besteht darauf zu ergründen, was einer der sich ihm nähert, im Schilde führt – egal ob Mensch oder Tier. Er tut also genau das, wofür seine Vorfahren einst gezüchtet wurden.
Zwar hat sogar mein Vermieter einen noch größeren Hund, mit noch bemerkenswerteren Zähnen, der regelrechte Knurrorgien hinlegt, ohne dass es dafür irgendeines besonderen Anlasses bedürfte. Doch ist sein Herrchen ein Deutscher, der auch so aussieht und er genießt dementsprechend eine größere Narrenfreiheit, als ich sie hierzulande in Anspruch nehmen kann.

Und so geschah heute – mal wieder – das wohl von Zeit zu Zeit Unvermeidliche:
Ich stand ganz ruhig am Waldesrand, mit meinem ebenfalls ruhigen Hund fest unter Kontrolle und in Habachtstellung und bedeutete der Frau auf der anderen Straßenseite, dass sie bitte einfach nur weitergehen möge. Sie jedoch glaubte sich berufen direkt vor mir anzuhalten, um mich darüber zu belehren, dass mein Hund wohl noch einer entsprechenden Abrichtung bedürfe: „Na, Sozialverhalten müssen wir wohl erst noch lernen, gelle?
Bei diesen Worten sah sie mich an und ihr Hund starrte meinen an – woraufhin Letzterer seiner Natur gemäß reagierte und ich meine liebe Mühe hatte, die Kontrolle zu behalten bzw. nicht selbst die Beherrschung zu verlieren. Dies wiederum spornte Frau Besserwisser dazu an, mir erst recht die Leviten lesen zu wollen, woraufhin ich dann ihr die Grenzen meiner Geduld anzeigte.
Was als problemfreier, sonniger Spaziergang angedacht war, endete beinahe in Geschrei und Gekreische und fand mich mit einem viel höheren Blutdruck den Weg entlang stampfen, als ihn mir all der vorhergegangene Frust im Büro hatte bescheren können.
Warum erzähle ich nun davon? Fürwahr, dies war weder das erste noch wird es das letzte Mal sein, das mir jene typisch teutonische Kombination von sozialer Schnüffelei und besserwisserischer Hysterie den Tag vermiest.

Aber genau das ist es ja – so etwas widerfuhr mir, in meinen vielen Jahrzehnten der Weltenwanderschaft, immer nur in Deutschland. Niemals in England, Schottland, Tschechien, Polen, dem Baltikum, Italien, den USA, Kanada oder Mexiko – ja selbst im hundeunfreundlichen Ägypten ist mir so etwas nicht vorgekommen – und wäre dort wohl auch ziemlich undenkbar.
Denn in solchen Ländern steckt man aus Prinzip seine Nase nicht in anderer Leute Angelegenheiten und gibt Fremden keine “schlauen” Ratschläge, um welche diese nicht zuvor gebeten haben. Und wer es doch macht, der ist auch sogleich als “Busybody” verschrien.
Ein Schimpfwort, für Leute, die sich allzu sehr ob anderer Leute Augensplitter erregen, und ein Begriff, für den es bezeichnenderweise im Deutschen keine rechte Entsprechung gibt – denn hierzulande gilt ein solches Verhalten nicht als verdammenswert.
Im Gegenteil, es herrscht in Deutschland, bei weiten Teilen der einheimischen Bevölkerung, eine kulturelle Blockwartmentalität vor, die einen unnachgiebigen Druck zur Ein- und oft auch Unterordnung des Individuums unter die Verhaltensnormen des Kollektivs für erstrebenswert hält und dabei die Aufgabe der eigenen Persönlichkeit mit “Integration” verwechselt.

Schon als Kind erfuhr ich, dass die Gemeinschaft, die ja angeblich immer alles besser weiß als der Einzelne, glaubte meiner einen besonders intensiv darauf hinweisen zu müssen “wo es lang geht”. Selbst wenn diese Volksgenossen bereits gezeigt hatten, dass sie nicht mal wussten, wo vorne und wo hinten war in ihrem eigenen Leben.
Dabei musste ich auch schon lange vor Gustl Mollath & Co vorsichtig sein, mich mit solchen Beschwerden nicht in die Nähe von paranoiden Verfolgungsängsten zu begeben.
Denn eines der beliebtesten Totschlagsargumente von Protagonisten des konformistischen Status quo war von jeher: „Das bildest du dir alles nur ein!
Nur in Deutschland passiert es mir, dass vollkommen Fremde, vom Dating Portal bis hin zum Spaziergang auf der Straße, absolut unvermittelt meinen, mich ob meines vorgeblichen “Cowboyhuts” zur Rede stellen zu können:
„Auf so einen wie dich haben wir hier gerade noch gewartet …“, war dabei noch eine der gemäßigteren Ansagen, welche ich mir anzuhören hatte. So etwas passiert mir in D immer wieder: Bei der Fahrt im Bus, beim Gang durch die Stadt oder auf der Arbeit auf dem Weg zur Kantine. Hingegen hat sich nie jemand in Assuan, London, Rom, Kopenhagen, Antwerpen oder Glasgow darüber erregt, dass ich einen Hut trage und in Fünf-Finger Schuhen durch die Landschaft schreite. Die “autochthonen Teutschen” tuen dies hingegen mit beständig unangenehm hoher Häufigkeit. Dabei ist offensichtlich, dass sich hierzulande auch viele Weiße einen Hut erlauben, von den krachledernen Urtümlichkeiten bajuwarischer Kleiderfolklore ganz zu schweigen. Nur sind jene anderen Kleiderträger halt “gute weiße Deutsche”.
Von jemandem wie mir erwartet man jedoch, dass ich meine “Loyalität zur Leitkultur” (woraus auch immer diese bestehen mag) durch eine besonders konforme Kleiderwahl und entsprechend devotes Auftreten in der Öffentlichkeit (nebst unterwürfigem Wauwau) kundtue.
Nur gibt es da ein nicht so kleines Problem: Ich kann nämlich Onkel Tom nicht ausstehen und behalte mir das (Menschen)Recht vor, jedem Dumm zu kommen der mir so kommt. Ja, ich bin ein unbotmäßiger “Neger”, denn mich hat niemand gefragt, ob ich in Deutschland geboren werden wollte oder dort aufwachsen möchte. Also habe ich auch wirklich nicht die geringste Motivation, untertänigst meine Dankbarkeit dafür vor mich herzutragen, “hier leben zu dürfen”.
Ich kann hier sein, weil dies mein Geburtsrecht ist – und ein verdammt teuer Bezahltes dazu.

Gestern Abend lief im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mal wieder eines jener “Hart aber (Un)Fair” TV Rituale ab, in denen reflexhaft auf den jeweils zum kollektiven Abschuss freigegebenen Emmanuel Goldstein verbal eingedroschen wird – dieses Mal personifiziert durch einen Testosteron geschädigten Midlife Crisler namens Erdogan, der nicht einmal in Deutschland, sondern im fernen Ankara sein Unwesen treiben soll, und dabei immer noch offiziell, als einer der engsten Verbündeten Deutschlands gilt.
Was man bei anderen Völkern und Weltenlenkern allzu gerne als Heuchelei brandmarkt, wird in Deutschland nun schon seit vielen Monaten mit einem Formalismus praktiziert, der in ekelhafter Weise vorhersagbar ist:
Man pikiert sich über den, immerhin frei gewählten, Mann vom Bosporus, ohne selber auch nur die geringste Ahnung von der Türkei zu haben, obgleich man vielleicht selbst gerade noch im letzten Urlaub dort war und nutzt praktischerweise die Gelegenheit auch noch gleich zum Rundumschlag, gegen alle Burkaträger, Fünfmal-am-Tag-Gottanbeter und dunkelhäutigen Doppelpässler.
Wohlgemerkt, gute, hellhäutige Russen mit Deutschem Schäferhund im Stammbaum (aka “Russlanddeutsche”), dürfen ruhig mit so vielen Pässen, wie es der Zarin gefällt, durchs Leben laufen – denn wahrhaft Deutscher kann nur sein, wer deutschen oder artverwandten Blutes ist.
So was weiß man doch, gelle?!

Ein böser Schelm, wer etwa daran dächte Siebenbürger Sachsen ihre, über die Jahrhunderte sorgsam gepflegte, Integrationsunfähigkleit vorzuwerfen, oder von den USA die Abschaffung der Todesstrafe als Vorbedingung für TTIP und visafreien Reiseverkehr verlangte.
Wer wollte es wagen, katholischen Nonnen das Betreten öffentlicher Plätze in ihrer Ordenstracht zu untersagen, oder ostdeutschen FKK’lern ihren Nacktbadespleen abspenstig zu machen.
Sollte aber einer Muslima der Sinn danach stehen, sich nicht an der neuzeitlich hedonistischen Fleischbeschau a la Vogue und Cosmopolitan zu beteiligen und sich gar per Kopftuch und anderen Bekleidungstücken dem streng urteilenden Blick der Leitkultur zu entziehen, dann, ja dann muss die herrschende Kultur (der Herrenmenschen?) den Beherrschten zeigen, was in Deutschland wahre Freiheit ist.

Im Lande des Arminius hat jeder Ausländer – oder wer auch nur so aussieht – die “Freiheit” sich bedingungslos unterzuordnen, oder die Koffer zu packen und abzuhauen!

Und gegen Ende der Sendung wurde dann auch noch der sprichwörtlich leisetreterische türkisch-deutsche Jungakademiker vorgeführt, der geziemend devot um Verständnis für seinesgleichen bat.
Da wollte ich schon ausrufen „Allah, wie ekelhaft ist alles das!“ – nur muss man als braunhäutiger Mensch heutzutage vorsichtig sein, den Namen einer imaginären Gottheit, der mit ‘A’ beginnt, allzu laut von sich zu geben.

Warum kroch dieser Nachfahre Süleymans und des großen Atatürk da so unnatürlich zu Kreuze?
Weil er zwar in Deutschland aufgewachsen ist, hier zur Schule ging und seine Steuern zahlt und auch bald schon kränkelnden Schrumpfgermanen helfen soll, ihr Leben zu verlängern – aber eben kein Thilo Sarrazin ist.

Von einem wie uns wird erwartet, dass man die “Leitkulturdeutschen” mit gesenktem Kopf und leiser Stimme anspricht, keinen Stolz auf eigene Leistung oder gar die einer Kultur an den Tag legt, welche der Leitenden suspekt erscheint.
Dabei hätte ich mir gewünscht, dass er der versammelten Runde von teutonischen Weltgenesern – plus einem Alibitürken und dem sprichwörtlich unbedarften Blondinchen – den rhetorischen Fehdehandschuh hinwirft: „Wer seit ihr denn, dass ihr mir meiner einem die Freiheiten in Abrede stellt, die ihr jeden Tag ganz selbstverständlich in Anspruch nehmt? Ich kleide mich und gehe auf öffentlichen Wegen spazieren wie ich will und habe genau dasselbe Recht, darob von aller Welt in Ruhe gelassen zu werden, dass ihr auch für euch in Anspruch nehmt!
Gesetze und Verordnungen zu verabschieden, die eine spezifische Kleiderordnung nur für Angehörige bestimmter Religionsgemeinschaften oder Ethnien kodifizieren, wäre nicht nur diskriminierend, es wiederspräche auch den Prinzipien der freien Religionsausübung und verletzte die grundlegendsten Menschenrechte.
Wer Kutten in der Öffentlichkeit verbieten will, der tue dies für alle Religionen. Wer der Muslima ihre Burka und den Niqab abspenstig machen will – um selbst jene zu “befreien”, die nie um Befreiung gebeten haben – der befreie gleichermaßen auch katholische Ordensschwestern oder trauernde italienische Witwen von deren grottenähnlicher Kluft.
Erst heute Morgen kam mir ein Motorradfahrer entgegen, der seine Gesichtszüge nicht nur vermittels einer extra stark getönten Sonnenbrille, sondern auch noch gleich hinter einem Mad Max artigem Mundschutz nebst Bandana verbarg.
Verstehe ich diese ganzen “Muslimabefreiungsversuche” richtig, dass von nun an jeder (weiße) Mann mit nachtschwarzer Sonnenbrille und tief in die Stirn gezogener Sturmkappe in die Bankfiliale darf, aber eine Muslima mit Kopftuch und – Jesus Christus beschütze uns – Gesichtsschleier, nicht mal mehr an der Gemüsetheke bedient werden soll?
Das also bleibt von Freiheit und Menschenrechten übrig, wenn sich die Leitkultur erst mal der beiden bemächtigt hat.
Da ist mir Erdogan lieber, der ist zumindest ehrlich, was seine Dominanzansprüche anlangt. Aber unterordnen würde ich mich keinem dieser “Herrenmenschen”, denn ich bin nicht so wie alle anderen, war es nie und werde es nie sein.

Ich werde von dieser deutschen Leitkultur an mein Anderssein erinnert, seit ich alt genug zum Laufen bin – und mittlerweile gebe ich den Autochthonen Teutonen in diesem einen Punkt recht, denn:
If you are color blind, then you can’t see me!


PS: Mittlerweile wurde ich von meinem Vermieter informiert, dass besagte “Dame” mich, bzw. meinen Hund, beim Ordnungsamt denunziert hat. Da ich nicht vorhabe, mich solch unprovozierten Anfeindungen unterwürfig zu fügen, wird das ganze jetzt also auch noch ein juristisches Nachspiel haben.
Erneute Klarstellung zu meiner Selbstbezeichnung als “Mischlingskind”.

Leider sehe ich mich aus gegebenem Anlass zu weiteren Erläuterungen diesen Punkt betreffend genötigt. “Leider”, weil ich mit Bestimmtheit nicht einzusehen vermag, warum ich mich (noch immer) zu meinem eigenen Ursprung rechtfertigen sollte.
Immer wieder verirren sich Gutmenschen auf meiner Facebook-Seite, die allen Ernstes darauf bestehen – ohne sich dabei von meinem diesbezüglichen Widerspruch auch nur im geringsten Beindrucken zu lassen – das “wir doch alle nur Menschen seien”, “Mischling ein fürchterlicher Ausdruck wäre” (dessen Gebrauch ich dann auch dementsprechend bitte unterlassen sollte) und für gewöhnlich gipfelt das alles in der Aussage: Man sollte das Vergangene ruhen lassen, um hernach umso fröhlicher in die helle, lichte Zukunft zu schreiten.

Weniger blümerant ausgedrückt: Ich hätte mir meine Autobiografie auch gleich sparen können, Schwamm über 5 Jahrzehnte Lebenserfahrung und so tun als hätte es all dass nicht gegeben.
Ich nehme mal stark an, dass die Eltern und Großeltern jener gut meinenden Gedächtnisbereiniger auch schon 1918 und 1945 sehr aktiv zu Gange waren.
Meine Erwiderung, dass meine gemischtrassige Abstammung nun einmal ebenso eine Tatsache darstellt, wie die damit verbundenen einzigartigen Lebenserfahrungen, welche jemand, der nie in solchen Schuhen lief, gar nicht nachvollziehen kann – selbst wenn er/sie dass wirklich wollte (dass wäre so, als ob ich behauptete, ich wüsste, was es hieße “schwanger” zu sein) – wird dabei gemeinhin ziemlich gönnerhaft abgetan. Frei nach dem Motto, “jetzt stell dich mal nicht so an”.
Ich stelle mich aber so an, und wenn ich im sechsten Jahrzehnt meines Lebens noch immer mit den gleichen rassistischen “Volksweisheiten” konfrontiert werde, die mir bereits am Anfang meines Erdendaseins das Leben zur Hölle machten, dann habe ich mir das Recht verdient “mich so anzustellen”.

Ich bin ein farbiger Afro–Deutscher und wer da behauptet er hätte einen farbenblinden Blick auf alle Menschen, der nimmt mich gar nicht wahr!
An einem sonnigen Dienstagabend steckte ich hinter einer Kolone aus schon in die Jahre gekommenen Wohnwagengespannen auf einer ebenso engen wie unübersichtlichen Landstraße fest. Der zweite Tag meiner ersten Arbeitswoche auf dem neuen Projekt war lang und die noch folgenden dürften kaum kürzer werden. Im Gegensatz zu den in Ehren ergrauten Familienvätern vor mir, welche mühselig genug versuchten ihren ebenfalls nicht mehr ganz neuen Mittelklassewagen ein Zugvermögen zu entlocken, für das diese nie konstruiert worden waren, rührte meine Verzweiflung nicht vom mechanischen Unvermögen meines Gefährts her, als sie vielmehr der Tatsache geschuldet ist, dass der Gedanke an einen weiteren Monat in irgendeinem Hotelzimmer an wieder so einem gottverlassenen Winkel der Welt in mir nicht die geringste Vorfreude auszulösen vermag.

Dafür habe ich nun also studiert und die Nase an den Wochenenden die Bücher statt ins Cocktailglas gesteckt?“ Und wie so oft war die ernüchternde Antwort auf die mir selbst gestellte Frage: „Ja du Trottel – genau dafür!
Just in diesem Moment fuhr auf der freien Gegenspur ein in knallfarbiger Sommermontur gekleideter Mopedfahrer den kleinen Tross entlang, welchen die sonnige Luft zu fröhlicher Lenkerakrobatik anzuspornen schien. Jedenfalls reckte der muntere Sommerfrischler während der gesamten Steigung den dahinkriechenden Autofahrern seinen ausgestreckten Arm mit flacher Hand zu etwas entgegen, dass ich ansonsten nur als “Hitlergruß” kenne. Wohlgemerkt, der Zweiradakrobat hatte weder ein bestimmtes Fahrzeug gegrüßt, noch mit der Hand gewinkt. In einer Posse wie Adolf auf dem Eierbräter fuhr er gemächlich einen nach dem anderen ab und ich fühle mich befleißigt ihn meinerseits mit dem einzigen Gruß zu antworten, zu dem meine denkerlahmte Großhirnrinde sich aufzurappeln imstande war:

Jeder Führergruß verdient zumindest mal den Stinkefinger und so gab ich meinem Mittelfinger gleich reichlich Gelegenheit zurückzugrüßen – ohne dass es den so bedachten auch nur in der geringsten Art angefochten hätte.
Jetzt könnte ich das alles einfach unter der Rubrik “osthessischen Landleben im ehemaligen Zonenrandgebiet” ablegen und gut ist – aber es ist eben nicht gut, nicht mal ansatzweise. Denn ich bin es leid und mag nicht mehr!

Die vergangenen Wochen habe ich als Gast im Hause eines Buchfans zugebracht, der ich auf einer meiner Lesungen begegnet war. Sie ist die Witwe eines ehemals selbst schriftstellerisch tätigen Musikwissenschaftlers, doch leider erwies sich meine Annahme, dass auch der Rest ihrer Verwandschaft aus intellektuellen Geistesgrößen bestünde, als fataler Trugschluss.
Und so gibt es auch hier einen Dibbuk, den Aufhocker in der Nacht, dem Harmonie und “leben und leben lassen” schon deshalb gegen den Strich gehen, weil er mit seiner eigenen Existenz von Grund auf unzufrieden ist. Ihr Schwager Axel war, nach dem frühzeitigen Exodus des Bruders, seinerzeit nicht nur geografisch hinter dem Eisernen Vorhang zurückgeblieben, er konnte auch, trotz zeitweiliger Anstellung im ostdeutschen Kulturbetrieb, nie eigene Erfolge wirtschaftlicher oder akademischer Art vorweisen.
So hat er sich im Laufe der Jahre zum Abziehbild eines Jammer-Ossi entwickelt – und wie das Klischee es verlangt, sieht er überall Verschwörer, die “sein Vaterland” mit Einwanderern überschwemmen, deutsche Frauen „ungestraft von Asylanten belästigen lassen“ und überhaupt „geht die Gefahr für das Vaterland von den Linken aus. Jetzt kann die Rettung für Deutschland nur noch von der nationalen Rechten kommen!

Mit derartigen Hirnlosigkeiten überschüttete dieser geistige Tiefflieger des ewig Gestrigen während meines Aufenthalts uns per E-Mail und am Telefon, sobald er überhaupt Gelegenheit dazu bekam irgendetwas von sich zu geben. Mit seinem Fanatismus in dieser Sache ist der Kerl, als begeisterter AfD Anhänger, eine regelrechte Plage und so bin ich auf seine fremdenfeindliche Korrespondenz, welche er regelmäßig mit der Alternativen Oberrassistin Beatrix von Storch austauscht, sogar unter der literarischen Hinterlassenschaft seines Bruders gestoßen. Ebenso wie er unaufhörlich Werbung für das rechte Propagandaportal Junge Freiheit macht und bei den Telefongesprächen bei denen ich selber Ohrenzeuge war, mit seinen fremdenfeindlichen Tiraden derart unerträglich jedem über den Mund fuhr, dass ich dem Kerl am liebsten eine geklebt hätte. Denn trotz seines fortgeschrittenen Alters, sind Anstand und Respekt vor den Gefühlen anderer ein absolutes Fremdwort für diesen Grobian.

Dieser Unmensch hat es doch tatsächlich fertig gebracht einen Satz wie „ich bin doch kein Rassist, ich war doch mal selbst mit einer Negerin zusammen!“ hinauszuposaunen, ohne dabei auch nur ins Stottern zu geraten.
Als mich die alte Dame eines Tages bat ihr zu helfen, Axels ganzen rechten Unflat aus ihrer Inbox zu entfernen, da war ich ebenso überrascht wie entsetzt, ob der menschenverachtenden Natur des Hasses der sich in jeder seiner Mitteilungen ausdrückte. Dies hier ist lediglich ein kleiner Ausschnitt des rechtsradikalen Propagandamaterials, mit welchem er ungefragt jeden zumüllt, bei dem er damit durch den SPAM-Blocker kommt:
Egal ob Farbige, Ausländer oder Asylsuchende, ob ethnische, religiöse oder sexuelle Minderheiten – jede Gruppe deren Hauptmerkmal die Verwundbarkeit ist, die das Ausgegrenzt sein mit sich bringt, sie alle kriegen bei Axels Massenmailings “ihr Fett weg”.
Ja, ich bin nur aufgrund der Bitte der eigentlichen Adressatin, in ihrer Inbox aufzuräumen, über diesen Dreck gestolpert und wäre das Telefon nicht dauernd auf Lautsprecher geschaltet gewesen, hätte ich wohl auch von seinen gesprochenen Hasstiraden wenig mitbekommen. Aber wie bereits zu Anfang erwähnt – ich bin es leid und mag nicht mehr!
Bei jedem meiner Projekte betreue ich Computersysteme und Server die Millionen € wert sind – jetzt gerade wieder befindet sich die die IT eines der größten Logistikdienstleister Europas in meinen Händen. Wäre ich inkompetent – oder gar noch schlimmer ein böser Terrorist und Übeltäter – dann könnte ich Hunderttausende mit einem Kommandozeilenbefehl von ihren Post- und Materiallieferungen abschneiden und damit Folgekosten für die Volkswirtschaft in einem mehrstelligen Millionenbetrag verursachen. Doch in meinen zwei Jahrzehnten als Systemadministrator in der Großrechner IT ist mir dies noch nie passiert – und dass nach einem Berufsleben, welches drei Kontinente und mehr Länder umspannt, als ich hier aufzuzählen Zeit habe. Und auch dieses Mal arbeite ich mit Kollegen aus allen Teilen der Welt zusammen, gerade jetzt sitzt hinter mir ein schwarzer Einwanderer (Axel aufgepasst, deine schlimmsten Albträume werden war!) aus Eritrea und kümmert sich um die Buchhaltung im System.
Wir “Neger” vermehren das deutsche Bruttosozialprodukt seit mehr als drei Jahrzehnten und ich mag es nicht mehr leiden, dass jeder dahergelaufene Verlierer meint, sein Mütchen straflos an meiner einem kühlen zu dürfen.

Dieser Dresdner Hinterwäldler hat in seinem Leben nichts zu Stande gebracht, außer eine Frau zu schwängern. Mein Vater war Zahnarzt und promovierter Allgemeinmediziner, sein älterer Bruder ist einer der angesehensten Mediziner des Landes und war sogar im Auftrag ihrer Majestät in Übersee tätig. Der jüngere Bruder meines Vaters war Zeit seines Berufslebens Chefingenieur für eine der größten Brauereien der Welt – und das von Lagos bis auf die Bahamas.
In meiner afrikanischen Familie gibt es weder Bettler noch Diebe oder Sozialhilfeempfänger und ich fordere diesen ostdeutschen Lümmel und seine hochnäsig verstorchte Briefreundin öffentlich auf, mir auch nur eine einzige(!) “ihrer” weißen autochthonen Familien zu zeigen, welche der meinige in Fragen von Anstand, Moral oder auch nur einfach persönlich erarbeitetem Erfolg das Wasser reichen könnte.
Ja ich bin ein Mischling und die Hälfte meiner Familie läuft seit jeher schwarz wie die Nacht durchs Leben – und Axel, wir sind alle miteinander besser als du, deine AfD und deine von dir so hoch verehrte Madame Beatrix. Wir haben mehr im Leben geleistet, es weiter gebracht und von dort wo wir die multikulturelle Welt betrachten, da seid ihr einfach nur die politischen Ratten aus der Kanalisation der Gesellschaft.
Ich bewegt euch euer ganzes, vom Rest der Menschheit subventioniertes, Leben verbal in der Gosse weil ihr euch da wohlfühlt. Und noch etwas Axel: Ich war viele Jahrzehnte vor dir steuerzahlender Bürger des freien Teils von Deutschland. Ja wir Farbigen, Schwarzen, Türken, Moslems, Hindus, Asiaten weiss-der-Geier-woher stämmigen MultiKultis – wir alle waren bereits lange vor euch AfD-Ossis hart arbeitende Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Wer zum Shaitan hat eigentlich euch Zuspätkommer der Geschichte dazu berechtigt uns, die wir von Anfang an dabei waren, die Tür zu weisen? Was fällt diesen ewig Jammernden eigentlich ein, knapp 20% der bundesdeutschen Bevölkerung zu unerwünschten Elementen zu erklären?

In aller Welt hat es erneut solche die meinen sich aufgrund einer angeblich besonders “edlen Abstammung” über andere als weniger wertvoll erachtete Ethnien und Kulturen – sogar als Teil des eigenen Landes – erheben zu dürfen:
Egal ob Kaczyński in Polen, Orbán in Ungarn, Erdoğan in der Türkei, Putin in Russland oder Trump in Amerika. Auf allen Erdteilen kommen die rechtsnationalen Nager aus dem Versteck, um ihre schmutzigen Beißer am Gerüst einer von gleichgültigen Eliten im Stich gelassenen Gesellschaft zu wetzen. Aber immer noch werden jeden Morgen die Straßen gefegt, wird die Milch geliefert und die Zeitung ausgetragen, arbeiten Millionen ehrlicher Menschen aus aller Herren Länder – weiß, braun, gelb, schwarz und grün gepunktet – einen langen harten Tag um dieses Land und viele andere am Leben zu erhalten. Ich mag es nicht mehr leiden, dass die ewig gestrigen uns dauernd in die Suppe spucken, nie praktikable Lösungen anbieten, sondern immer nur Hass, Hass und wieder Hass predigen. Dauernd nur Zwietracht säen, Uneinigkeit stiften und den einen gegen den anderen hetzen, weil dessen Eltern woanders geboren wurden, oder „der da“ zum lieben Gott in eine andere Himmelsrichtung betet als man selber.
Die Polkappen schmelzen fast noch schneller als unsere vom Negativzins bedrohten Altersrücklagen, alle Welt erbebt im Waffenkaufrausch, Idioten bedrohen uns von vorne mit Terror, von hinten mit dem Überwachungsstaat und von beiden politischen Extremen her mit Gewaltexzessen und Axel nebst Konsorten fällt die ganze Zeit nichts Besseres ein, als jeden der es nicht hören will vor dem bösen Neger in der Nachbarschaft zu warnen?
Wer so dämlich ist, dass er in brauner Haut mehr Gefahr zu erkennen meint, als in brauner Gesinnung, der verdient das nächste 1945 dreimal über. Aber das Land besteht eben nur zu einem Teil aus solch geistigen Dinosauriern und zum überwiegend anderen aus ehrlichen, anständigen Menschen und ich will, dass sich diese Akteure des Guten nicht länger von den Schreihälsen am Rande des Spielfeldes ins Bockshorn jagen lassen. Die Welt gehört denen, die daran arbeiten sie zu verbessern – jeden Tag ein bisschen mehr – und nicht den Nihilisten des Untergangs, welche immer nur die Apokalypse predigen und im Grunde nur Kaputniks sind, die alles um sich herum genauso fertig gemacht sehen wollen, wie sie es selber sind.

Ich will, dass der Hass ebenso geächtet wird wie die, die ihn verbreiten. Ich will, dass ein Mensch nach seinen Taten und nicht nach seiner Herkunft oder der Gruppe welcher man ihn zuordnet, beurteilt wird. Ich bin Richard Fraysier, ein Individuum und kein identitätsloses Stück brauner Haut. “Wir” stecken nicht alle unter einer Decke und gleich aussehen (oder denken) tun wir schon mal gar nicht.

Wer sich zum Kaffeekranz begibt, der hat was zu erzählen. Das ist zwar kein Originalzitat, aber trotzdem so manches mal wahr. Heute waren die Nachbarn der alten Dame, bei der ich einige Wochen Gast sein darf, bei uns zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Und obwohl ich explizit darum bat, dass Thema auszusparen insistierte der Mann der beiden darauf, den Ausgang der Bundestagswahl zum Gespräch zu machen.
Die zwei sind ein älteres Ehepaar, Hausbesitzer und “gut situiert” wie man so sagt. Er Ingenieur und beides biedere Vertreter der autochthonen deutschen Mittelschicht.
Ich ahnte was jetzt kommen würde – und konnte es trotzdem nicht verhindern. Erst noch beschränkte sich der, nun hochrot angelaufene, Herr von gegenüber auf plakative Verdammungen des derzeitigen deutschen Status Quo, gepfeffert mit altbekannten Ressentiments. Doch schon bald konnte er der Frage, wenn er oder gar sie beide den nun gewählt haben, nicht mehr ausweichen. Da wurde der grade noch so putzmunter Mitfünfziger defensiv und meinte, „nicht, dass ihr das am Ende noch herum erzählt und ich dadurch berufliche Nachteile erleide“.
Ich wollte das Thema immer noch vermeiden, doch meine Gastgeberin insistierte „ihr habt doch nicht etwa diese Haderlumpen von der AfD gewählt, oder?“ Da platze es endlich aus den beiden unisono heraus: „Natürlich haben wir AfD gewählt. Das sind doch die einzigen, die den Laden hier mal aufmischen werden“.
Jetzt wollte auch ich mich nicht mehr zurückhalten und fuhr meine ganze Phalanx verbaler Verteidigungswaffen für eben diesen Status Quo auf – wie ein General der seine Truppen wieder besseres Wissen der Vernichtung preisgibt, denn der Dummheit kann man nun mal nicht mit schlauen Argumenten Herr werden. Und so begann ich, „Deutschland geht es heute so gut wie nie zuvor“ – woraufhin er entgegnete: „ja aber wenn meine Frau ihren Rentenbescheid sieht, dann ist das eine Schande! Und die Flüchtlinge kriegen alles“.
Da argumentierte ich: „Früher mussten die Menschen mit noch viel weniger auskommen, haben aber auch nicht so lange gelebt und nicht so viele Ansprüche an den Staat gestellt. Und glaubt ihr wirklich, dass ihr mehr Rente kriegt, wenn die Flüchtlinge alle weg sind?
Nun fiel sie ein: „ja aber damals hielt das Geld viel länger und die alten haben ja auch den Krieg und so viele Entbehrungen mitgemacht, die hatten das Geld ja auch verdient“. „Meine eigene deutsche Großmutter“, sagte ich nun, „hatte Krieg und Vertreibung von A-Z, inklusive Russenterror und DDR Diktatur, durchgemacht und sich trotz allem nie von Extremisten einfangen lassen. Die hätte nie die AfD gewählt.
Nun beide zusammen: „Das weißt du doch gar nicht!“, daraufhin wurde ich nun etwas aufgebrachter: „ich werde ja wohl noch meine eigene Großmutter kennen!“ Er nun wieder: „Und überhaupt, 6 Millionen Wähler darf man nicht so pauschal als Nazis bezeichnen, das ist Verleumdung. Wir sind hier alle das Volk!“. Da warf ich ein: „Bei ihrer AfD sprechen aber einige mir genau das ab. Die sagen klar das einer wie ich gar nicht Teil des deutschen Volkes sein kann.“ Hierauf zuckte er nur mit den Schultern und zog eine Schnute a’la Gauland.
Dann wieder beide zusammen: „Also dieses System ist einfach nur noch korrupt. Die Flüchtlinge kriegen alles und wir haben einfach kein Geld. Es ist halt nicht genug für alle da. Und überhaupt, den Asylanten, Ausländern, äh … Flüchtlingen geht es hier doch viel zu gut, während deutsche Rentner aus der Abfalltonne leben müssen.“ Meine letzte Barrikade bröckelte unter dem Ansturm von so viel Ignoranz: „In einem Land, in dem man sich Opernhäuser für fast eine Milliarde Euro und >Bahnhöfe für fast 9 Milliarden leistet, da ist Geld für Rentner und Flüchtlinge da.“.
Da fuhr der nun wahrhaft prachtrot angelaufene wutbürgerliche Nachbar seine schärfsten Sturmtruppen ins Feld, während ihm seine getreue Gemahlin eifrigst sekundierte: „die wahren Flüchtlingszahlen hält die Regierung doch geheim, weil sie sonst die Bevölkerung beunruhigen würden. Wenn die Menschen wüssten was da wirklich abläuft. Die sind doch alle korrupt.“ „Ja aufmischen muss man das alles mal“. „Jawohl ja, damit frischer Wind reinkommt“, „Ja doch, aufmischen und dann wird schon eine rechte Lösung gefunden werden“.
Ich hatte meine finale Rückzuglinie gegen die Horden der Idiotie erreicht: „Das letzte Mal, als alles so wie von ihnen gewünscht ‘aufgemischt’ wurde, da blieben ein paar Millionen auf der Strecke, unter anderem so welche wie ich.“. „Jeden von uns kann es da erwischen, in so einer Situation“, meinte der scharlachrote Puter nur dazu, „mich hätten damals auch die englischen Fliegerbomben töten können, die haben ja so viele deutsche Städte bombardiert und überhaupt wage niemand der heute lebenden die von damals zu kritisieren. Denn niemand von heute weiß, ob er damals nicht auch Nazi geworden wäre.“.
Jemand wie ich wäre damals wohl kaum im Bombenhagel umgekommen, mit einem wie mir hat man da radikaler Schluss gemacht. Und außerdem hat der Herr Schnauzbart aus Österreich bei Coventry ja mit der ganzen Städtebombardiererei angefangen.“, mein schon fast verzweifelter Einwand fand nicht mal ansatzweise Gehör
Also nicht schon wieder diese Nazivergleiche, wir sind Patrioten und ich liebe mein Land und ich lasse mich nicht so verleumden!“, „Ja, wie mein Mann sagt, wir sind alle Demokraten, aber hier muss mal frischer Wind rein in das Ganze, um mal kräftig aufzuräumen.“.
Wenn ihre AfD’ler hier aufräumen, werden solche wie ich weggeräumt …“ und damit verließ ich den Kaffeetisch und das dazugehörige Selbstdarstellungstheater dieses bizarren Possenspiels: Zwei Wutbürger mit Prostata und Durchblutungsstörungen, grauem Haar und falschen Zähnen, die allen Ernstes meinen, dass wenn “hier mal alles kräftig aufgemischt wird”, sie dann irgendwie zu den Gewinnern zählen würden.

Was ich noch an Zweifeln gegenüber der Entwicklung in diesem Lande hatte, sie wurde mir heute Nachmittag gründlich ausgeräumt. Ich kann sehen wohin diese Reise geht und ich weiß wo sie enden wird. Denn ich wuchs auf unter den letzten “Aufräumern” des heiligen Deutschlands
. Sie waren meine Lehrer, die “Respektspersonen” meiner durch Rassismus und Führerkult versauten Kindheit und die man – da angeblich bald zum Aussterben verurteilt – immer nur beschwichtigend “die ewig gestrigen” nannte. Doch auch heute noch sind diese Leute immer so brandaktuell und gefährlich, wie sie es gestern und vor tausend Jahren waren.
Ich habe genug von dieser Kultur der Beschwichtigung und Verharmlosung des ewig Bösen. Ich wandere aus diesem Deutschland aus – zum zweiten und wohl auch letztem Mal in meinem Leben.