Mischlingskind

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Ich habe mein Buch geschrieben, weil ich endlich will, dass über den Hass, über die Art, wie er „vererbt“ wird, über Fremdenfeindlichkeit und ihre Ursachen geredet wird. Damit allen klar wird, was für dauerhafte Schäden Politiker, Staatslenker, Kirchenfürsten aber auch Dorflehrer, Straßenbahnschaffner, ja jeder Elternteil mit schnell und gedankenlos dahingeworfenen Floskeln anrichten.
Der Hass, den sie dir in deiner Kindheit beibringen, denn trägst du ein Leben lang mit dir herum – und das kleine Raubtier will raus, um sich in ein großes, menschen- und glückverschlingendes Monster zu verwandeln.
Der Hass wird sich ein Ziel suchen – irgendein Ziel, welches ist ihm dabei ganz egal.
Denn Hass will nichts bewirken, er will nichts aufbauen und auch nichts bewahren.
Was er will, das ist die Welt in Flammen setzen, damit „da draußen“ alles so kaputt aussieht, wie in einem selber innen drin. Dann erst weiß man, dass man im Zuhause der eigenen Seele angekommen ist.

Wo ich gerne sein möchte, erfahren Sie hier.
Während meiner Zeit in England letztes Jahr verbrachte ich sechs Monate auf der Insel der isolierten [Un]Glückseligkeit und war dabei bemerkenswerterweise Teil eines IT-Projektes, dessen Belegschaft kaum internationaler hätte sein können, wenn Kofi Annan die Mannschaftsauswahl getroffen hätte.
Auch wenn die “vor Brexit” Stimmung überall auf den Straßen und in den Medien zu spüren war – und Schande über jeden angelsächsischen Insulaner, der im Nachhinein behauptet vom Ausgang des Referendums überrascht worden zu sein – auf dem Projekt waren wir alle eine fröhlich integrierte multikulti Völkerfamilie.
Moslem saß neben Hindu, saß neben Christ, saß neben Atheist und man unterhielt sich über alle Rassen, Klassen und Kastengrenzen hinweg sprichwörtlich über “Gott und die Welt”.

Der Star unseres Langtisches war ein jung gebliebener Inder in seinen späten Vierzigern, der den für ihn passenden Spitznamen “Jazz” sein eigen nannte. Er war dauernd zu Scherzen aufgelegt, dabei hochintelligent und wissenschaftlich, wie kulturell sehr bewandert. Ja er nahm den nicht zu unterschätzenden Stress auf sich, der schon mit kleinsten Reisen von und auf die Insel verbunden sein kann, um übers Wochenende nach Athen zu fliegen und sich die Akropolis anzusehen.
Ein echter europäischer Kulturreisender und dabei einer, der nicht mal in Europa geboren ward.
Doch gelegentlich stolperte man über seinen ironisch-sarkastischen Humor, bei dem Versuch miteinander über Ernsthafteres als den lokalen Wetterbericht ins Gespräch zu kommen. Eine Art Schutzmechanismus, der oft von denen benutzt wird, die um die Vergeblichkeit wissen sich seriös über allzu vorurteilsbehaftete Themenkomplexe zu unterhalten.
So brauchte es eine Weile, bis wir einander nahe genug kamen, dass er mir sein Religionsbekenntnis offenbarte. Er gab an ein gläubiger Sikh zu sein, doch fiel es mir anfangs schwer dies zu akzeptieren, ja ich hielt dieses Statement nur für einen weiteren seiner vielen Scherze. Denn Jazz trug keinen Turban, hatte seine Kopfbehaarung sorgsam abrasiert, und er hatte auch kein Problem damit, gelegentlich Fleisch zu essen.
Jeder, der sich mit Sikhismus auskennt, weiß das er damit gegen die Grundsätze der religiösen Orthodoxie seines Glaubens verstieß – einer Religionsgemeinschaft, die interessanterweise ursprünglich geformt worden war, um den Menschen des nördlichen Indien eine friedfertige Alternative zu den einengenden Orthodoxien von Islam und Christentums zu offerieren.
Jazz offenbarte mir, dass ihm vor vielen Jahren sein – streng religiöser – Großvater die gleichen Vorhaltungen gemacht hatte. Er jedoch sah nirgendwo in seinem heiligen Buch – dem Guru Granth Sahib – geschrieben, dass langes Haupthaar und ein voller Bart, nebst Turban, zwingend erforderlich seien, um ein guter Sikh zu werden. Damit hatte er zweifelsohne ebenso recht, so wie viele Moslems welche die Vollverschleierung von Frauen ablehnen oder Christen, welche mit Homophobie nichts am Hut haben. Aber was in den heiligen Büchern steht, ist eine Sache, was die Mehrheit der Gläubigen daraus macht ist jedoch eine ganz andere.
So insistierte ich Jazz gegenüber: „Du kannst dich doch nicht als Einzelner gegen die Glaubensüberzeugung der ganzen Gemeinde stellen – da verlierst Du doch!“
In einem seiner seltenen tiefernsten Momente lehnte Jazz sich zu mir herüber und meinte: „Diese Regeln wurden ursprünglich eingeführt damit sich meine Leute in Zeiten von gegen uns gerichteten Feindseligkeiten und Kriegen untereinander erkennen und miteinander identifizieren konnten. Solange ich unbedrängt in einer offenen und toleranten Gesellschaft meinen Glauben unbedrängt praktizieren kann, brauche ich diese ‘Erkennungsmerkmale’ nicht – doch in dem Moment, wo man mir das Tragen des Turbans oder eines Vollbartes verleiden oder gar verbieten wollte, würde ich bis zu meinem Tod dafür kämpfen, weithin sichtbar als Sikh durch die Lande zu schreiten.“

Ein altes Gesetz der Physik besagt, dass jeder Druck Gegendruck erzeugt – so einfach ist das und doch so kompliziert.

So musste ich heute Morgen an Jazz denken, als ich auf dem Weg zur Arbeit im Autoradio von einem neuen geplanten TV Auftritt des viel gefeierten deutschen Fernsehrüpels Jan Böhmermann erfuhr. Vor vielen Wochen war auch ich entsetzt, als man mir in den Medien davon erzählte, wie ein übler Schurke aus Ankara sich erdreistete, einem deutschen Denker das Dichten verbieten zu wollen.
Meine uninformiert wütende Entrüstung hielt bis zu dem Moment an, da sich ein übereifriger CDU Bundestagsabgeordneter dazu verstieg, besagtes “Gedicht” in voller Länge im Plenum zu zitieren. Und auch wenn ich für mich selbst nicht einmal den Status eines begnadeten Hobby Poeten in Anspruch nehme, so konnte ich doch dieser böhmermannschen Ekeltirade beim besten Willen nichts “künstlerisch wertvolles” abgewinnen.
Die “Freiheit der Kunst” hat bei mir da ihre Grenzen, wo künstlich, krampfhaft darauf Wert gelegt wird, jemand anderen persönlich zu beleidigen. In seinem Schmähtext beschimpft der besagte deutsche Medienstar nicht Erdogan den Politiker, nicht einmal den osmanischen Gernegroß und Möchtegernsultan vom Bosporus – obgleich sich da trefflich anknüpfen ließe.
Nein, Herr Böhmermann legte besonderen Wert darauf, den Menschen Erdogan, mit der türkischen Flagge als Hintergrund, als Päderasten und Sodomiten mit extrem-erotischer Hingabe zum Hornvieh, darzustellen – inklusive der erkenntnisreichen Unterstellung, dass es in Erdogans Unterhose stark nach Döner rieche.
Man stelle sich den Entrüstungssturm im deutschen Blätterwald vor, hätte sich das polnische Parlament derart schützend vor einen Schmähredner von der Weichsel gestellt, welcher Merkel zuvor dichtenderweise als Kinderschänderin abtitulierte hätte.
Ja, auch und gerade in Polen muss man sich als deutscher Politiker viele Demütigungen durch die Medien gefallen lassen – nur erhalten diese keine offiziellen Weihen aus den Reihen des Sejm und bleiben in der Regel auch nördlich der Gürtellinie stehen.

All diese Gedanken gingen mir heute Morgen durch den Kopf – und mir wurde klar, warum ich in Herrn B. jetzt nur noch einen unwürdigen Verbalschmieranten sehe, obgleich ich ihn noch vor wenigen Wochen als Helden „meiner Meinungsfreiheit“ empfand. Es waren die dümmlichen Islamophobien, welche sich auch auf meiner Facebook-Seite austoben wollten – und dabei bin ich nicht mal Moslem und schon gar kein Türke.
Wie gesagt, Druck erzeugt Gegendruck – und so denke ich mittlerweile ernsthaft darüber nach, mal wieder eine Moschee zu besuchen und im Koran zu lesen.
Erneute Klarstellung zu meiner Selbstbezeichnung als “Mischlingskind”.

Leider sehe ich mich aus gegebenem Anlass zu weiteren Erläuterungen diesen Punkt betreffend genötigt. “Leider”, weil ich mit Bestimmtheit nicht einzusehen vermag, warum ich mich (noch immer) zu meinem eigenen Ursprung rechtfertigen sollte.
Immer wieder verirren sich Gutmenschen auf meiner Facebook-Seite, die allen Ernstes darauf bestehen – ohne sich dabei von meinem diesbezüglichen Widerspruch auch nur im geringsten Beindrucken zu lassen – das “wir doch alle nur Menschen seien”, “Mischling ein fürchterlicher Ausdruck wäre” (dessen Gebrauch ich dann auch dementsprechend bitte unterlassen sollte) und für gewöhnlich gipfelt das alles in der Aussage: Man sollte das Vergangene ruhen lassen, um hernach umso fröhlicher in die helle, lichte Zukunft zu schreiten.

Weniger blümerant ausgedrückt: Ich hätte mir meine Autobiografie auch gleich sparen können, Schwamm über 5 Jahrzehnte Lebenserfahrung und so tun als hätte es all dass nicht gegeben.
Ich nehme mal stark an, dass die Eltern und Großeltern jener gut meinenden Gedächtnisbereiniger auch schon 1918 und 1945 sehr aktiv zu Gange waren.
Meine Erwiderung, dass meine gemischtrassige Abstammung nun einmal ebenso eine Tatsache darstellt, wie die damit verbundenen einzigartigen Lebenserfahrungen, welche jemand, der nie in solchen Schuhen lief, gar nicht nachvollziehen kann – selbst wenn er/sie dass wirklich wollte (dass wäre so, als ob ich behauptete, ich wüsste, was es hieße “schwanger” zu sein) – wird dabei gemeinhin ziemlich gönnerhaft abgetan. Frei nach dem Motto, “jetzt stell dich mal nicht so an”.
Ich stelle mich aber so an, und wenn ich im sechsten Jahrzehnt meines Lebens noch immer mit den gleichen rassistischen “Volksweisheiten” konfrontiert werde, die mir bereits am Anfang meines Erdendaseins das Leben zur Hölle machten, dann habe ich mir das Recht verdient “mich so anzustellen”.

Ich bin ein farbiger Afro–Deutscher und wer da behauptet er hätte einen farbenblinden Blick auf alle Menschen, der nimmt mich gar nicht wahr!