Flüchtlinge

All posts tagged Flüchtlinge

Ich identifiziere mich mit “diesen Menschen”, weil auch ich in meiner Kindheit von meiner weißen Umwelt oft als Bedrohung – als ein Vorbote des Feindes, jener fremdländischen Gefahr – wahrgenommen wurde.
Wenn ich zum Beispiel im Fernsehen sah, wie der weiße Tarzan seine Frau vor bösen Urwaldnegern retten musste, oder wir als Kinder „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ spielten, musste ich dabei immer an meinen Vater denken. Warum man wohl Angst vor ihm haben sollte?

Wie das Deutschland der Zukunft aussehen wird, darüber lesen Sie hier.
Wikipedia definiert Verdruss als „spontane, innere, negativ-emotionale Reaktion auf eine unangenehme oder unerwünschte Situation, Person oder Erinnerung“.
Da ich nie aktiv in der Politik tätig war, wähnte ich mich ergo auf der sicheren Seite, was die Gefahr von “Politverdrossenheit” anlangte – bis vor zwei Tagen. An eben jenem Mittwoch wurde ich von einem Lokalpolitiker – bereits zum zweiten Mal – in einer derart routinierten Art und Weise abgekanzelt und heruntergemacht, dass ich davon ausgehen muss, dass besagter “Herr” sich regelmäßig so gegen alle die verhält, welche nicht seiner Meinung sind.

Ich war für ein paar Wochen im kleinen Städtchen Rheda untergekommen, das sich einigermaßen malerisch in das platte Land Westfalens schmiegt. Und weil ich für eine gewisse Zeit nichts anderes zu tun hatte, als auf mein nächstes Projekt zu warten, meldete ich mich zur freiwilligen Mitarbeit bei der lokalen Flüchtlingshilfe.
Was mir aus früheren Tagen als engagiertes Projekt ehrenamtlicher Mitarbeiter im Gedächtnis geblieben war, entpuppte sich nun schon nach wenigen Wochen als – immer noch engagiertes – Werk einer ziemlich insulären Kerntruppe, die sich felsenfest in der Hand der lokalen Gruppe jener Volkspartei mit dem hehren Monopolanspruch auf soziale Gerechtigkeit befindet.
Zwar interessiere ich mich schon aus reinem Eigeninteresse “fürs politische”, jedoch ist mir meine geistige Unabhängigkeit viel zu kostbar, um sie irgendeiner Parteidisziplin zu opfern. Und da ich in dem Verein ja nur ein Freiwilliger auf Zeit war, entschloss ich mich den Mund zu halten, wenn ich sah wie Flüchtlinge ganz offen für Wahlkampfzwecke eingespannt wurden – um für die Partei Plakate zu kleben, Flugblätter zu verteilen oder Stände aufzubauen. „Selber Schuld“, sagte ich mir, „wenn keine der anderen (Parteien) hier ist, um auch aus diesem Pool billiger Arbeitskraft zu schöpfen“. Aber die fast schon regelrecht dogmatische Ausrichtung des lokalen “Aufpassers” ging mir am Ende dann doch über die Hutschnur. Vor allem weil ich Deja Vu Erlebnisse hasse.
Besagter Herr ist so ein nassforscher Typ, der zwar selber zugibt von den meisten Dingen über die er schwadroniert keine Ahnung zu haben, aber trotzdem keinen (politischen) Widerspruch duldet: „Ich muss keine Frau oder schwanger sein, um übers Babykriegen zu reden“ oder „Ich muss kein Arzt oder Patient sein, um über Krebs zu reden“, sind nur ein paar seiner jederzeit abrufbereiten Evergreens.

Zuerst dachte ich noch „Schröder in jungen Jahren, bevor der sich russifiziert hatte“, doch als er eines Abends bei den Flüchtlingen damit Eindruck schindete, dass er einen von ihnen in seinem flotten Italo-Cabrio (passend zu seiner eigenen italienischen Vorgeschichte) auf dem Parkplatz umherflitzen ließ – kurz, nachdem er mir einen aggressiven Vortrag über meinen angeblichen Mangel an sozialer Solidarität gehalten hatte („ab in die FDP mit dir!“), nur weil ich mich gegen eine primitiv formelhafte Beschränkung von Managergehältern aussprach – da dachte ich nur noch still „Oskar Lafontaine“ bei mir!
Brot und Wasser predigen und selber Sekt & Kaviar konsumieren – das waren für mich noch nie Vorzeichen großer Glaubwürdigkeit.

Aber in meiner letzten Woche “freier Lebenszeit” (denn wenn erst mal wieder auf Projekt schufte, wird mir kaum noch Zeit zum Naseputzen bleiben) da schoss der Herr mit dem edlen Flitzer – passend zum Vornamen und dem schnellzüngigen Auftreten – auch für mein durchaus flexibles Verständnis von engagierter Diskussion weit übers Ziel hinaus. Und wie viele unangenehme Erinnerungen so fing auch diese harmlos genug an: Während des allwöchentlichen “Sprachcafés” – einer Übungsstunde in der eine immer gleiche 2-3 Mann/Frau Truppe mit einer wechselnden Schar von Flüchtlingen über Allah und die Welt zu reden sucht – wurde über den katastrophalen (wie in faktisch nicht mehr exististierendem) Familiennachzug resümiert. Am Anfang ging es noch recht gesittet zu, weil sich alles entlang der offiziellen Linie bewegte: Die Lage ist schlimm und kann nur besser werde, wenn unsere Seite die Wahlen gewinnt. Die Welt war in Ordnung. Doch dann beging ich den großen Fehler, die derzeit als allein selig machend attestierte Russlandpolitik zu hinterfragen. Es ergibt für mich einfach keinen Sinn, dass man mit menschenverachtenden Diktaturen wie Saudi Arabien, Ägypten oder Pakistan Deals macht, ja sogar zugibt, sich mit Erdogans Türkei einfach einigen zu müssen, aber bei Putin die Regel aufstellt, dass jede Art von Zugeständnis an „diesen zweiten Hitler“ (O. Zitat des Experten in Nichts und Einpeitschers in allem) einen Akt des Hochverrats an der westlichen Wertegemeinschaft darstelle.

Meine Idee war so simpel, wie vielleicht auch närrisch: Der ganze Ärger mit dem einstmals „lupenreinen Demokraten“ Putin fing an, als die NATO beschloss sich direkt bis vor seine Haustür auszudehnen. Und weil ich nun mal ein absoluter Fan von aus der Geschichte gezogenen Lehren bin, schlug ich in meiner Unbedarftheit vor, dass man der Ukraine einen Staatsvertrag wie seinerzeit die Alliierten mit Österreich anbieten sollte:
Die Völkerrechtlich garantierte militärische Neutralität im Gegenzug für politische Unabhängigkeit von Russland und freien Zugang zu westlichen Märkten. Hernach von seinen Einkreisungsängsten befreit, sollte Putin sich nun seinerseits bereit erklären Syrien den Syrern zu überlassen und Assad kommt auf den Abfallhaufen der Geschichte, wo er hingehört.

Das mag ja alles naiv sein, was ich mir da vorstelle – nur macht es für mich absolut keinen Sinn fortwährend Friedensgespräche über Syrien zu führen, die schon vom Ansatz her zum Scheitern verurteilt sind, weil die beiden Hauptakteure (USA und Russland) viel zu sehr damit beschäftigt sind sich gegenseitig an der Gurgel zu liegen, als das sie sich noch groß um die lokale Bevölkerung kümmern könnten.
Doch war ich nicht darauf gefasst anschließend lautstark und vor allen Anwesenden ob meines „moralischen Relativismus“, meines „Verrats an Europa“ als „Antidemokrat“ und „Putinversteher“ gebrandmarkt zu werden.
Meine Vergleiche seien von Böswilligkeit geprägt, denn der mörderische Diktator Ägyptens Fattah as-Sisi sei ein guter Mann, im fundamentalistischen Saudi Arabien „würden lediglich legitime Interessen vertreten“ und es sei überhaupt eine Frechheit die Handlungen des „moralisch überlegenen Westens“ (wie z.B. extrajudicial killings oder die Tötungsdrohungen gegen den – seiner Ansicht nach „zwielichtigen“ – Julian Assange) mit den Handlungen eines Mordbuben wie Putin auf gleicher Höhe zu vergleichen. Wohl gemerkt, dieser Experte in allen Fragen der Weltpolitik war noch nie in den USA, Russland, Ägypten oder in sonst einer der Gegenden dieses verbalen Gewaltmarsches gewesen. Seine durchaus bemerkenswerte Herabkanzelung meiner Person wurde schließlich damit gekrönt, dass der Herr Parteifunktionär quer durch den Saal lief und lauthals verkündete, dass er „bei Leuten wie mir einfach nur noch die Kräze bekämme“.

Vielleicht sollte er mit seinem flotten Cabrio mal den Hautarzt aufsuchen, denn irgendwo juckt es ihn offensichtlich so sehr, dass ihm jedwedes Verständnis für Meinungsfreiheit abhandengekommen ist. Was ich bei einem Vertreter der zweitgrößten Volkspartei Deutschlands doch schon für recht bedenklich halte. Jedenfalls ist mir nun für ein paar weiter Jahre jedwedes Interesse daran „Politik zu machen“ abhanden gekommen.
Wer sich zum Kaffeekranz begibt, der hat was zu erzählen. Das ist zwar kein Originalzitat, aber trotzdem so manches mal wahr. Heute waren die Nachbarn der alten Dame, bei der ich einige Wochen Gast sein darf, bei uns zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Und obwohl ich explizit darum bat, dass Thema auszusparen insistierte der Mann der beiden darauf, den Ausgang der Bundestagswahl zum Gespräch zu machen.
Die zwei sind ein älteres Ehepaar, Hausbesitzer und “gut situiert” wie man so sagt. Er Ingenieur und beides biedere Vertreter der autochthonen deutschen Mittelschicht.
Ich ahnte was jetzt kommen würde – und konnte es trotzdem nicht verhindern. Erst noch beschränkte sich der, nun hochrot angelaufene, Herr von gegenüber auf plakative Verdammungen des derzeitigen deutschen Status Quo, gepfeffert mit altbekannten Ressentiments. Doch schon bald konnte er der Frage, wenn er oder gar sie beide den nun gewählt haben, nicht mehr ausweichen. Da wurde der grade noch so putzmunter Mitfünfziger defensiv und meinte, „nicht, dass ihr das am Ende noch herum erzählt und ich dadurch berufliche Nachteile erleide“.
Ich wollte das Thema immer noch vermeiden, doch meine Gastgeberin insistierte „ihr habt doch nicht etwa diese Haderlumpen von der AfD gewählt, oder?“ Da platze es endlich aus den beiden unisono heraus: „Natürlich haben wir AfD gewählt. Das sind doch die einzigen, die den Laden hier mal aufmischen werden“.
Jetzt wollte auch ich mich nicht mehr zurückhalten und fuhr meine ganze Phalanx verbaler Verteidigungswaffen für eben diesen Status Quo auf – wie ein General der seine Truppen wieder besseres Wissen der Vernichtung preisgibt, denn der Dummheit kann man nun mal nicht mit schlauen Argumenten Herr werden. Und so begann ich, „Deutschland geht es heute so gut wie nie zuvor“ – woraufhin er entgegnete: „ja aber wenn meine Frau ihren Rentenbescheid sieht, dann ist das eine Schande! Und die Flüchtlinge kriegen alles“.
Da argumentierte ich: „Früher mussten die Menschen mit noch viel weniger auskommen, haben aber auch nicht so lange gelebt und nicht so viele Ansprüche an den Staat gestellt. Und glaubt ihr wirklich, dass ihr mehr Rente kriegt, wenn die Flüchtlinge alle weg sind?
Nun fiel sie ein: „ja aber damals hielt das Geld viel länger und die alten haben ja auch den Krieg und so viele Entbehrungen mitgemacht, die hatten das Geld ja auch verdient“. „Meine eigene deutsche Großmutter“, sagte ich nun, „hatte Krieg und Vertreibung von A-Z, inklusive Russenterror und DDR Diktatur, durchgemacht und sich trotz allem nie von Extremisten einfangen lassen. Die hätte nie die AfD gewählt.
Nun beide zusammen: „Das weißt du doch gar nicht!“, daraufhin wurde ich nun etwas aufgebrachter: „ich werde ja wohl noch meine eigene Großmutter kennen!“ Er nun wieder: „Und überhaupt, 6 Millionen Wähler darf man nicht so pauschal als Nazis bezeichnen, das ist Verleumdung. Wir sind hier alle das Volk!“. Da warf ich ein: „Bei ihrer AfD sprechen aber einige mir genau das ab. Die sagen klar das einer wie ich gar nicht Teil des deutschen Volkes sein kann.“ Hierauf zuckte er nur mit den Schultern und zog eine Schnute a’la Gauland.
Dann wieder beide zusammen: „Also dieses System ist einfach nur noch korrupt. Die Flüchtlinge kriegen alles und wir haben einfach kein Geld. Es ist halt nicht genug für alle da. Und überhaupt, den Asylanten, Ausländern, äh … Flüchtlingen geht es hier doch viel zu gut, während deutsche Rentner aus der Abfalltonne leben müssen.“ Meine letzte Barrikade bröckelte unter dem Ansturm von so viel Ignoranz: „In einem Land, in dem man sich Opernhäuser für fast eine Milliarde Euro und >Bahnhöfe für fast 9 Milliarden leistet, da ist Geld für Rentner und Flüchtlinge da.“.
Da fuhr der nun wahrhaft prachtrot angelaufene wutbürgerliche Nachbar seine schärfsten Sturmtruppen ins Feld, während ihm seine getreue Gemahlin eifrigst sekundierte: „die wahren Flüchtlingszahlen hält die Regierung doch geheim, weil sie sonst die Bevölkerung beunruhigen würden. Wenn die Menschen wüssten was da wirklich abläuft. Die sind doch alle korrupt.“ „Ja aufmischen muss man das alles mal“. „Jawohl ja, damit frischer Wind reinkommt“, „Ja doch, aufmischen und dann wird schon eine rechte Lösung gefunden werden“.
Ich hatte meine finale Rückzuglinie gegen die Horden der Idiotie erreicht: „Das letzte Mal, als alles so wie von ihnen gewünscht ‘aufgemischt’ wurde, da blieben ein paar Millionen auf der Strecke, unter anderem so welche wie ich.“. „Jeden von uns kann es da erwischen, in so einer Situation“, meinte der scharlachrote Puter nur dazu, „mich hätten damals auch die englischen Fliegerbomben töten können, die haben ja so viele deutsche Städte bombardiert und überhaupt wage niemand der heute lebenden die von damals zu kritisieren. Denn niemand von heute weiß, ob er damals nicht auch Nazi geworden wäre.“.
Jemand wie ich wäre damals wohl kaum im Bombenhagel umgekommen, mit einem wie mir hat man da radikaler Schluss gemacht. Und außerdem hat der Herr Schnauzbart aus Österreich bei Coventry ja mit der ganzen Städtebombardiererei angefangen.“, mein schon fast verzweifelter Einwand fand nicht mal ansatzweise Gehör
Also nicht schon wieder diese Nazivergleiche, wir sind Patrioten und ich liebe mein Land und ich lasse mich nicht so verleumden!“, „Ja, wie mein Mann sagt, wir sind alle Demokraten, aber hier muss mal frischer Wind rein in das Ganze, um mal kräftig aufzuräumen.“.
Wenn ihre AfD’ler hier aufräumen, werden solche wie ich weggeräumt …“ und damit verließ ich den Kaffeetisch und das dazugehörige Selbstdarstellungstheater dieses bizarren Possenspiels: Zwei Wutbürger mit Prostata und Durchblutungsstörungen, grauem Haar und falschen Zähnen, die allen Ernstes meinen, dass wenn “hier mal alles kräftig aufgemischt wird”, sie dann irgendwie zu den Gewinnern zählen würden.

Was ich noch an Zweifeln gegenüber der Entwicklung in diesem Lande hatte, sie wurde mir heute Nachmittag gründlich ausgeräumt. Ich kann sehen wohin diese Reise geht und ich weiß wo sie enden wird. Denn ich wuchs auf unter den letzten “Aufräumern” des heiligen Deutschlands
. Sie waren meine Lehrer, die “Respektspersonen” meiner durch Rassismus und Führerkult versauten Kindheit und die man – da angeblich bald zum Aussterben verurteilt – immer nur beschwichtigend “die ewig gestrigen” nannte. Doch auch heute noch sind diese Leute immer so brandaktuell und gefährlich, wie sie es gestern und vor tausend Jahren waren.
Ich habe genug von dieser Kultur der Beschwichtigung und Verharmlosung des ewig Bösen. Ich wandere aus diesem Deutschland aus – zum zweiten und wohl auch letztem Mal in meinem Leben.
Was haben eine Fata Morgana und große Teile der deutschen Flüchtlingspolitik gemeinsam? Das, dass was man sieht, oft nicht dem entspricht, was wirklich vor sich geht.

Allerorten hört man von der mangelnden, ja oft geradewegs verweigerten Integrationsbereitschaft der Flüchtlinge. So oft sogar, dass sich diese Version der Wirklichkeit mittlerweile unter viele andere „so was weiß man doch“ Stammtischweisheiten einreihen darf. Doch ich glaube nicht an die weisheitsfördernde Wirkung des Alkohols und bilde mir lieber selber eine Meinung. Ergo fuhr ich in der letzten Septemberwoche 2017 zum Bürgertag des runden Tisches Flüchtlingshilfe Bad Godesberg, um mir dort zwar nicht zum ersten, vielleicht aber doch vorerst letzten Male mein eigenes Bild von der Lage “vor Ort” zu machen.
Die Anfahrt war zwar kaum der Rede wert, doch wurden mir die letzten paar hundert Meter Fußweg, zum ganz und gar nicht ausgeschilderten Veranstaltungsort, beinahe zur regennassen Schnitzeljagd. Endlich angekommen erläuterte man mir das Prinzip der Veranstaltung wie folgt: Die Flüchtlinge agierten als “lebende Bücher”, man “lieh” sich eines davon aus und sprach mit ihm oder ihr, bis die Seiten keine Lust mehr hatten ihre Geschichte zu erzählen und man zum nächsten weiterging. Unverschämt frech wie ich nun mal bin, setzte ich mich sogleich zu einer kleinen Gruppe, die sich aus drei männlichen Flüchtlingen und einer deutschen Frau gebildet hatte.
Während die Herren, trotz ihrer guten Statur und des “besten erwachsenen Alters” in dem sie sich befanden, die Zeichen von Flucht und Entbehrung nicht vollständig aus ihren Gesichtszügen verbannen konnten, repräsentierte die Frau – sowohl vom Habitus wie auch Umfang her – angemessen den Wohlstand des deutschen Bildungsbürgertums. Und so gab sie recht freizügig Anekdoten ihres einst bewegten Lebens in der Andenregion Südamerikas zum Besten – doch war ich nicht hergekommen, um deutschen Globetrottern zuzuhören, denn ich bin ja selber einer. Was ich wollte, war den Geschichten dieser Flüchtlinge zu lauschen, dem Klang ihrer Stimmen und der Magie ihrer Erzählungen zu verfallen. Der dicken Dame neben mir passte mein Verlangen jedoch so gar nicht ins Konzept: „Jetzt überfordere ihn doch nicht dauernd“, keifte sie anfangs noch, um sich hinterher auf ein verbissenes „ich war aber zuerst hier“ zurückzuziehen.
Doch für mich waren dies keine infantilen Erstklässler, sondern Menschen die Krieg und Vertreibung durchgemacht und Situationen überlebt hatten, bei denen den meisten von uns das Blut in den Adern gefrieren würde. Es waren erwachsene Männer, die selbst entscheiden konnten, worüber sie mit wem reden wollten. Nach ca. 20 Minuten hatte die wohlmeinende Gutfrau neben mir ihr Repertoire an belanglosen Nettigkeiten erschöpft und verabschiedete sich kurz gebunden, um sich auf die Suche nach ihrer besseren Hälfte zu begeben. Jetzt konnten wir endlich loslegen!
Es brauchte nur wenige Augenblicke und zwischen uns hatte sich ein Band der Verständigung entwickelt, wie es nur gemeinsam durchlittenes Leid erzeugen kann. Ob mit Worten oder Händen und Füßen, wir verstanden einander und so erzählten mir Hussein und sein Freund Hassan (alle Namen geändert) die Geschichte ihrer eigenen Flucht und der ihrer Leute aus dem umkämpften syrischen Homs, von den Gärten die – von Generation zu Generation vererbt – einst vor den Toren der Stadt erblühten. Und wie sie dann alles, bis auf das sprichwörtliche Hemd am Rücken, zurücklassen mussten, um Hals über Kopf allein ihr Leben in der Flucht zu retten.
Durch Bürgerkrieg zerstörte Gebäude in Homs (Wikipedia)

Durch Bürgerkrieg zerstörte Gebäude in Homs (Wikipedia)

Sie berichteten mir von ihren Familien, von denen sie sich irgendwo zwischen dem Libanon und der Türkei trennten, damit wenigstens einer von ihnen die Chance auf ein menschenwürdiges Asyl erhielte, um dem Elend der Lager zu entkommen. Viele von ihnen warten nun schon seit einem Jahr und mehr darauf die geliebten Verwandten erneut in ihre Arme schließen zu dürfen und die meisten werden auch weiterhin vergeblich warten.
Sie zeigten mir Bilder ihrer zerbombten Stadt und berichteten wie daheim die Rückkehrer nur überleben können, wenn sie genug Geld genug haben, um Assads korrupte Milizen zu bestechen.
Dann meldete sich Ahmed aus dem Jemen zu Wort und als wir uns zusammen durch die einstmals so wunderbar verzauberten Gassen des historischen Viertels seiner Heimatstadt Sana’a träumten, da kamen uns allen fast die Tränen.

Ansicht von Sana'a vor Kriegsausbruch (Wikipedia)

Ansicht von Sana’a vor Kriegsausbruch (Wikipedia)

In Ahmeds Heimat tobt seit vielen Jahren einer der blutigsten Bürgerkriege der Neuzeit, vom Westen zumeist vergessen und verdrängt und das obwohl einer der Hauptprotagonisten dieser Menschenschlächterei ein großer Verbündeter und der Hauptöllieferant des Westens ist: das alle Standards moderner Zivilisation verachtende Regime von Saudi Arabien.
Zerstörungen im Süden Sana'as nach Luftangriff (Wikipedia)

Zerstörungen im Süden Sana’as nach Luftangriff (Wikipedia)

Ahmed zeigte mir Fotografien der Schule in seinem Ortsteil – zuerst eines mit einem Klassenraum voll fröhlicher Kinder, gefolgt vom Bild eines gespenstisch menschenleeren, dunklen und verwüsteten Gebäudes. Eine Druckwelle schien sämtliche Einrichtungsgegenstände wie Herbstlaub im Sturm durcheinander gewirbelt zu haben, nur die Schiefertafel am Kopfende des Klassenzimmers stand noch. Sie war so sauber gewischt, als habe der Lehrer gerade die nächste Unterrichtseinheit vorbereiten wollen. In ihrer Mitte prangte das kreisrunde Einschussloch eines enormen Projektils, in das wohl drei Männerfäuste kinderleicht hinein gepasst hätten. Leise fragte ich mich, worüber der Lehrer seine Schüler an dem Morgen wohl unterrichten wollte?
Als sich dann noch Aziz aus Afghanistan dazu gesellte, da begannen wir uns auch über die Situation der Geflohenen in Deutschland zu unterhalten und alle wussten sie ähnliches zu berichten: „Die sperren uns im Heim ein, als seien wir Verbrecher. Den ganzen Tag sitzen wir da nur rum, wie in einer Gefängniszelle und haben nichts zu tun“. „Ich musste über ein Jahr lang darauf warten, überhaupt zu einem Sprachkurs zugelassen zu werden – und ich will doch Deutsch lernen!“ „Auf meinem Zimmer war ein Drogendealer, den habe ich immer wieder bei der Heimleitung angezeigt, ohne dass die irgendwas gemacht hätten. Ich will doch mit so einem nicht auf derselben Stube sitzen. Der hatte die ganze Schublade voller Stoff: ‘guckt da einfach mal rein’, habe ich der Leitung des Heimes immer wieder gesagt – vergeblich. Der Kerl hat dauernd laute Musik gespielt und seine Junkie-Kunden bedient, die ganze Nacht und ich wollte doch früh aufstehen um Deutsch lernen zu können. Am Ende habe ich mir ein paar Tüten geschnappt und bin als Obdachloser in den Stadtpark gegangen.“
Am unakzeptabelsten jedoch fand ich den immer wieder beklagten Mangel an Lernmaterial, ausgerechnet im Überflussland Deutschland: „Die geben uns keine Bücher zum mitnehmen, kein Lernmaterial für Hausaufgaben – rein gar nichts!“ „Ja, am Ende muss alles wieder abgegeben werden und während des Unterrichts müssen wir uns zu zweit oder dritt jeweils ein Buch teilen, “ „Und dann sind die Bücher manches mal in einer Sprache, die wir gar nicht verstehen oder der Lehrer selber spricht etwas ganz anderes als wir“
Auf einmal wurde mir klar, welchem Zufall des Lehrkörpers es zu verdanken war, dass einige fast schon perfekt Deutsch sprachen, während andere – obwohl gleichzeitig hier angekommen – kaum mehr als fünf Sätze pro Stunde in dieser Sprache zusammen bekamen. Da entschied ich: Zwar kann ich Homs nicht wieder aufbauen und nicht einmal die wunderbaren Haustore von Sanaa aus dem Feuer retten, aber Do-it-Yourself Sprachkurse in Arabisch und Urdu besorgen, dass könnte ich sehr wohl. Prompt unterbreitete ich meinen Vorschlag dem anwesenden Vertreter des lokalen Flüchtlingshilfevereins, der mich zuerst verdattert anstarrte, um mir dann am Ende – immer noch mehr oder weniger ratlos – seine Visitenkarte in die Hand zu drücken.
„So so, Sprachlernkurse für Flüchtlinge wollen sie spenden? Originelle Idee, so etwas habe ich auch noch nicht gehört“. Irgendwie gelang es mir nicht den Mann davon zu überzeugen, dass es Selbstlernkurse gab, die von namhaften Verlagen speziell auf die Bedürfnisse von Anfängern zugeschnitten waren. Ich gab ihm meine Kontaktdaten und verließ spät am Abend die zu Ende gehende Veranstaltung, nachdem ich meinen neu gewonnen Freunden versprochen hatte: „Hilfe ist auf dem Weg“.
Es verging eine Woche, dann zwei – und niemand rief an oder schickte mir eine eMail. Schließlich rief ich meinerseits bei dem Verein an, nur um am Telefon ein mir bereits bekanntes Hörspiel geboten zu bekommen: „Ich verstehe nicht, was meinen sie, was wollen sie? … Ach, so etwas hatten wir ja noch nie!“ Dann wurde ich belehrt, das *dieser* spezielle Verein sich ausschließlich um Jugendliche im noch schulpflichtigen Alter kümmere, wo man ausreichend Lehrmaterial verfügbar habe: „Die Erwachsenenbildung ist nicht unser Bereich, damit haben wir nichts zu tun. Versuchen sie es doch mal da und da
Also rief ich “da” an – und hinterließ eine Nachricht nach der anderen auf einem Anrufbeantworter, den offenbar nie jemand abzuhören scheint. Ich möchte mich ohrfeigen, dass ich mir damals nicht einfach die Telefonnummern bzw. Adressen meiner arabisch-afghanischen Gesprächspartner aufschrieb, um ihnen das versprochene Studienmaterial gleich selber direkt ins Flüchtlingsheim zu liefern. Die Desorganisation wohlmeinender aber oft eigenbrötlerischer Hilfsvereine, die nicht mal aktuelle Kontaktinformationen gleichgesinnter Gruppierungen einen Ort weiter vorzuhalten vermögen, hat mich nun zum Lügner Menschen gegenüber gemacht, die bereits viel zu oft auf ihrer Flucht belogen wurden – und ich mag mich nicht zum Lügner machen lassen 🙁