Flüchtlinge

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Ich identifiziere mich mit “diesen Menschen”, weil auch ich in meiner Kindheit von meiner weißen Umwelt oft als Bedrohung – als ein Vorbote des Feindes, jener fremdländischen Gefahr – wahrgenommen wurde.
Wenn ich zum Beispiel im Fernsehen sah, wie der weiße Tarzan seine Frau vor bösen Urwaldnegern retten musste, oder wir als Kinder „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ spielten, musste ich dabei immer an meinen Vater denken. Warum man wohl Angst vor ihm haben sollte?

Wie das Deutschland der Zukunft aussehen wird, darüber lesen Sie hier.
Wikipedia definiert Verdruss als „spontane, innere, negativ-emotionale Reaktion auf eine unangenehme oder unerwünschte Situation, Person oder Erinnerung“.
Da ich nie aktiv in der Politik tätig war, wähnte ich mich ergo auf der sicheren Seite, was die Gefahr von “Politverdrossenheit” anlangte – bis vor zwei Tagen. An eben jenem Mittwoch wurde ich von einem Lokalpolitiker – bereits zum zweiten Mal – in einer derart routinierten Art und Weise abgekanzelt und heruntergemacht, dass ich davon ausgehen muss, dass besagter “Herr” sich regelmäßig so gegen alle die verhält, welche nicht seiner Meinung sind.

Ich war für ein paar Wochen im kleinen Städtchen Rheda untergekommen, das sich einigermaßen malerisch in das platte Land Westfalens schmiegt. Und weil ich für eine gewisse Zeit nichts anderes zu tun hatte, als auf mein nächstes Projekt zu warten, meldete ich mich zur freiwilligen Mitarbeit bei der lokalen Flüchtlingshilfe.
Was mir aus früheren Tagen als engagiertes Projekt ehrenamtlicher Mitarbeiter im Gedächtnis geblieben war, entpuppte sich nun schon nach wenigen Wochen als – immer noch engagiertes – Werk einer ziemlich insulären Kerntruppe, die sich felsenfest in der Hand der lokalen Gruppe jener Volkspartei mit dem hehren Monopolanspruch auf soziale Gerechtigkeit befindet.
Zwar interessiere ich mich schon aus reinem Eigeninteresse “fürs politische”, jedoch ist mir meine geistige Unabhängigkeit viel zu kostbar, um sie irgendeiner Parteidisziplin zu opfern. Und da ich in dem Verein ja nur ein Freiwilliger auf Zeit war, entschloss ich mich den Mund zu halten, wenn ich sah wie Flüchtlinge ganz offen für Wahlkampfzwecke eingespannt wurden – um für die Partei Plakate zu kleben, Flugblätter zu verteilen oder Stände aufzubauen. „Selber Schuld“, sagte ich mir, „wenn keine der anderen (Parteien) hier ist, um auch aus diesem Pool billiger Arbeitskraft zu schöpfen“. Aber die fast schon regelrecht dogmatische Ausrichtung des lokalen “Aufpassers” ging mir am Ende dann doch über die Hutschnur. Vor allem weil ich Deja Vu Erlebnisse hasse.
Besagter Herr ist so ein nassforscher Typ, der zwar selber zugibt von den meisten Dingen über die er schwadroniert keine Ahnung zu haben, aber trotzdem keinen (politischen) Widerspruch duldet: „Ich muss keine Frau oder schwanger sein, um übers Babykriegen zu reden“ oder „Ich muss kein Arzt oder Patient sein, um über Krebs zu reden“, sind nur ein paar seiner jederzeit abrufbereiten Evergreens.

Zuerst dachte ich noch „Schröder in jungen Jahren, bevor der sich russifiziert hatte“, doch als er eines Abends bei den Flüchtlingen damit Eindruck schindete, dass er einen von ihnen in seinem flotten Italo-Cabrio (passend zu seiner eigenen italienischen Vorgeschichte) auf dem Parkplatz umherflitzen ließ – kurz, nachdem er mir einen aggressiven Vortrag über meinen angeblichen Mangel an sozialer Solidarität gehalten hatte („ab in die FDP mit dir!“), nur weil ich mich gegen eine primitiv formelhafte Beschränkung von Managergehältern aussprach – da dachte ich nur noch still „Oskar Lafontaine“ bei mir!
Brot und Wasser predigen und selber Sekt & Kaviar konsumieren – das waren für mich noch nie Vorzeichen großer Glaubwürdigkeit.

Aber in meiner letzten Woche “freier Lebenszeit” (denn wenn erst mal wieder auf Projekt schufte, wird mir kaum noch Zeit zum Naseputzen bleiben) da schoss der Herr mit dem edlen Flitzer – passend zum Vornamen und dem schnellzüngigen Auftreten – auch für mein durchaus flexibles Verständnis von engagierter Diskussion weit übers Ziel hinaus. Und wie viele unangenehme Erinnerungen so fing auch diese harmlos genug an: Während des allwöchentlichen “Sprachcafés” – einer Übungsstunde in der eine immer gleiche 2-3 Mann/Frau Truppe mit einer wechselnden Schar von Flüchtlingen über Allah und die Welt zu reden sucht – wurde über den katastrophalen (wie in faktisch nicht mehr exististierendem) Familiennachzug resümiert. Am Anfang ging es noch recht gesittet zu, weil sich alles entlang der offiziellen Linie bewegte: Die Lage ist schlimm und kann nur besser werde, wenn unsere Seite die Wahlen gewinnt. Die Welt war in Ordnung. Doch dann beging ich den großen Fehler, die derzeit als allein selig machend attestierte Russlandpolitik zu hinterfragen. Es ergibt für mich einfach keinen Sinn, dass man mit menschenverachtenden Diktaturen wie Saudi Arabien, Ägypten oder Pakistan Deals macht, ja sogar zugibt, sich mit Erdogans Türkei einfach einigen zu müssen, aber bei Putin die Regel aufstellt, dass jede Art von Zugeständnis an „diesen zweiten Hitler“ (O. Zitat des Experten in Nichts und Einpeitschers in allem) einen Akt des Hochverrats an der westlichen Wertegemeinschaft darstelle.

Meine Idee war so simpel, wie vielleicht auch närrisch: Der ganze Ärger mit dem einstmals „lupenreinen Demokraten“ Putin fing an, als die NATO beschloss sich direkt bis vor seine Haustür auszudehnen. Und weil ich nun mal ein absoluter Fan von aus der Geschichte gezogenen Lehren bin, schlug ich in meiner Unbedarftheit vor, dass man der Ukraine einen Staatsvertrag wie seinerzeit die Alliierten mit Österreich anbieten sollte:
Die Völkerrechtlich garantierte militärische Neutralität im Gegenzug für politische Unabhängigkeit von Russland und freien Zugang zu westlichen Märkten. Hernach von seinen Einkreisungsängsten befreit, sollte Putin sich nun seinerseits bereit erklären Syrien den Syrern zu überlassen und Assad kommt auf den Abfallhaufen der Geschichte, wo er hingehört.

Das mag ja alles naiv sein, was ich mir da vorstelle – nur macht es für mich absolut keinen Sinn fortwährend Friedensgespräche über Syrien zu führen, die schon vom Ansatz her zum Scheitern verurteilt sind, weil die beiden Hauptakteure (USA und Russland) viel zu sehr damit beschäftigt sind sich gegenseitig an der Gurgel zu liegen, als das sie sich noch groß um die lokale Bevölkerung kümmern könnten.
Doch war ich nicht darauf gefasst anschließend lautstark und vor allen Anwesenden ob meines „moralischen Relativismus“, meines „Verrats an Europa“ als „Antidemokrat“ und „Putinversteher“ gebrandmarkt zu werden.
Meine Vergleiche seien von Böswilligkeit geprägt, denn der mörderische Diktator Ägyptens Fattah as-Sisi sei ein guter Mann, im fundamentalistischen Saudi Arabien „würden lediglich legitime Interessen vertreten“ und es sei überhaupt eine Frechheit die Handlungen des „moralisch überlegenen Westens“ (wie z.B. extrajudicial killings oder die Tötungsdrohungen gegen den – seiner Ansicht nach „zwielichtigen“ – Julian Assange) mit den Handlungen eines Mordbuben wie Putin auf gleicher Höhe zu vergleichen. Wohl gemerkt, dieser Experte in allen Fragen der Weltpolitik war noch nie in den USA, Russland, Ägypten oder in sonst einer der Gegenden dieses verbalen Gewaltmarsches gewesen. Seine durchaus bemerkenswerte Herabkanzelung meiner Person wurde schließlich damit gekrönt, dass der Herr Parteifunktionär quer durch den Saal lief und lauthals verkündete, dass er „bei Leuten wie mir einfach nur noch die Kräze bekämme“.

Vielleicht sollte er mit seinem flotten Cabrio mal den Hautarzt aufsuchen, denn irgendwo juckt es ihn offensichtlich so sehr, dass ihm jedwedes Verständnis für Meinungsfreiheit abhandengekommen ist. Was ich bei einem Vertreter der zweitgrößten Volkspartei Deutschlands doch schon für recht bedenklich halte. Jedenfalls ist mir nun für ein paar weiter Jahre jedwedes Interesse daran „Politik zu machen“ abhanden gekommen.