Eliten

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Psychologen alter Schule bezichtigen die Liebhaber von Sonnenuntergängen gerne depressiver Neigungen. Eine analytische Steilvorlage, die ich schon deshalb bemerkenswert finde, weil mir gerade diese Tageszeit Refugien der Entspannung bietet, welche mir der lichtdurchflutete Arbeitstag allzu oft vorenthält. Für mich hat das Zwielicht der Dämmerung etwas Exklusives, wenn man es im rechten Rahmen genießt – wie zum Beispiel am Ecktisch der Außenterrasse eines guten Restaurants.
Dort ziehe ich mich dann zurück in den Halbschatten meiner imaginären Loge und genieße das Treiben auf dem Bürgersteig, bei gutem Essen und Trinken, als sei es eine Darbietung der Opera buffa.

Jedenfalls hatte ich mir so den Ausklang meines drittletzten Wochenendes auf dem Projekt vorgestellt, als ich mich an diesem Sonntag zu einem kleinen Ristorante begab, um “beim Italiener” mal wieder so richtig gutes “Manjare” zu kosten. Ich bin hier in einer kleinen Stadt in der norddeutschen Tiefebene untergekommen und so malerisch der weitere Einzugskreis um Oldenburg auch sein kann, die Toskana ist es nicht.

Derart motiviert sprach ich den Kellner an, welcher leider wesentlich weniger italienisch verstand, bzw. war, als ich erhofft hatte. Gleichwohl versuchte ich die Namen der romanischen Speisen so originalgetreu auszusprechen, wie mir dies nach über einem Jahr Abwesenheit, vom Land wo die Zitronen blühen, noch möglich war – denn ich habe diese Sprache während meines Aufenthalts an den Ufern des Arno ebenso lieben gelernt, wie die alte Kultur die sie repräsentiert. So hatten wir zwei zwischen Funghi Porcini und Bistecca a’la Fiorentina ein kurzes tête-à-tête über die Cuisine südlich der Alpen, während mir der freundliche Kellner seine eigene Liebe zum Geburtsland seiner sizilianischen Ex-Frau beichtete.
Am Ende bestellte ich mir das teuerste und beste Stück des Menüs, denn dies sollte eines meiner letzten Wochenenden hier vor Ort sein und ein derartiges “privates Abschiedsessen” gehört nun mal zu meiner eigenen kleinen Ritualsammlung. Am Tisch nebenan saß ein deutsches Pärchen, ein Mann nebst Frau mittleren Alters mit ihren zwei kleinen Kindern, alle weiß und bieder, wie es sich gehört. Jeder von uns schien mit sich selbst beschäftigt, was mir nur recht war und so konzentrierte ich mich auf “meine abendliche Theatervorführung“, welche auf dem Boulevard des Lebens (der Straße) an uns vorbeiflankierte.
Das Pärchen stand auf, sammelte seine Kinder ein und beim Herausgehen, auf der Höhe meines Tisches, sagte die Frau, mit dem selbstverständlichsten Tonfall der Welt, zu ihrem Mann gewandt: „Also das ist hier bald wie in Sachsen-Anhalt mit den ganzen Ausländern, die bekommen immer nur das Beste“. Woraufhin ihr Göttergatte in der gleichen ruhigen Tonlage feststelle: „Ja, bald werden wir hier Bürger zweiter Klasse sein. Die sind dann die Elite und wir dürfen denen nur noch dienen“. So schritten beide in die Nacht hinein und ließen mich ziemlich verwirrt zurück.
Denn ich hatte erst zur Jahresmitte noch ein Projekt im Osten der Republik beendet, daher war für mich die Vorstellung absurd, dass es dort irgendein Bundesland gäbe in dem Ausländer (oder solche die auch nur so aussehen), Deutschen gegenüber bevorzugt behandelt würden. Ganz im Gegenteil, in dem Dorf, wo ich abgestiegen war, musste ich mich schon beim Anstellen an der Eisbude vorsehen, nicht von Thor Steinar Liebhabern (wie wär es mal damit, diese Kleidungsstücke zu verbieten?) unsanft an die Unerwünschtheit meiner Präsenz vor Ort erinnert zu werden.

Daneben hätten die beiden wegen ihrer Impertinenz selbst dann nicht als meine Dienerschaft getaugt, wenn ich mir denn jemals eine solche leisten wollte – etwas was mir schon aus Prinzip zutiefst zuwider ist.
Wodurch, anders als durch mein Aussehen und die paar Brocken Italienisch welche ich mit dem Kellner gewechselt hatte, mochte ich diesen Ausbruch wochenendlicher Depression in den beiden wohl ausgelöst haben?
Brachten an dem Abend wahrlich zwei deutsche Eltern ihre Kinder mit dem Gutenachtgruß zu Bett: „Der halbe Neger da im Restaurant, dem werdet ihr in Zukunft dienen müssen!“ ???

Meine nächsten Tischnachbarn waren danach ein zwar sehr viel älteres, aber ebenso treudeutsches Ehepaar, dieses Mal ohne kindlichen Anhang. Sie war lautstark darum bemüht ihrem Ehemann die intellektuelle Unterlegenheit der Amerikaner zu verdeutlichen, denn ihr neulicher Urlaub „da drüben“ hatte sie offenbar zur Expertin für alles Kulturfragen westlich des Atlantiks gemacht: „Diese Amerikaner, die sind so dämlich, na ja vielleich nicht alle von denen, aber ich habe da in der Auslage im Supermarkt Zeitungen gesehen, wo die davon berichtet haben, dass Elvis lebt und von UFOs und so einem Zeug. Also das lesen diese Amis und glauben das auch noch“.
Offenbar war der guten Frau die eine oder andere Ausgabe der Weekly World News oder eines look-alike davon, unangenehm aufgestoßen, denn entgegen dem Wikipedia Eintrag hierzu, erfreuen sich diese “Nonsense Newspapers” immer noch großer Beliebtheit in den USA.

Doch um des lieben Friedens willens behielt ich meine “schlaue Weisheit” für mich, dass die überwiegende Mehrheit der amerikanischen Leser diese “Zeitungen” als genau das ansieht, als was sie gedacht sind: MAD Magazine für Erwachsene.
Nicht mal ein Hillbilly käme auf die Idee so ein Blättchen einer inhaltlichen Kritik zu würdigen, geschweige denn sich nun flugs auf die Suche nach dem wiederauferstandenen Elvis Costello Presley zu machen.
Zu solchen intellektuellen Großtaten bedarf es schon einer deutschen Touristin auf Besserwissertour.

Was mancher über manch andere zu wissen glaubt, würde alle Meerestiefen dieser Welt zum Überfließen bringen.
Doch was davon wahr ist, könnte hingegen nicht mal einen Fingerhut füllen.