AfD

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Wer sich zum Kaffeekranz begibt, der hat was zu erzählen. Das ist zwar kein Originalzitat, aber trotzdem so manches mal wahr. Heute waren die Nachbarn der alten Dame, bei der ich einige Wochen Gast sein darf, bei uns zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Und obwohl ich explizit darum bat, dass Thema auszusparen insistierte der Mann der beiden darauf, den Ausgang der Bundestagswahl zum Gespräch zu machen.
Die zwei sind ein älteres Ehepaar, Hausbesitzer und “gut situiert” wie man so sagt. Er Ingenieur und beides biedere Vertreter der autochthonen deutschen Mittelschicht.
Ich ahnte was jetzt kommen würde – und konnte es trotzdem nicht verhindern. Erst noch beschränkte sich der, nun hochrot angelaufene, Herr von gegenüber auf plakative Verdammungen des derzeitigen deutschen Status Quo, gepfeffert mit altbekannten Ressentiments. Doch schon bald konnte er der Frage, wenn er oder gar sie beide den nun gewählt haben, nicht mehr ausweichen. Da wurde der grade noch so putzmunter Mitfünfziger defensiv und meinte, „nicht, dass ihr das am Ende noch herum erzählt und ich dadurch berufliche Nachteile erleide“.
Ich wollte das Thema immer noch vermeiden, doch meine Gastgeberin insistierte „ihr habt doch nicht etwa diese Haderlumpen von der AfD gewählt, oder?“ Da platze es endlich aus den beiden unisono heraus: „Natürlich haben wir AfD gewählt. Das sind doch die einzigen, die den Laden hier mal aufmischen werden“.
Jetzt wollte auch ich mich nicht mehr zurückhalten und fuhr meine ganze Phalanx verbaler Verteidigungswaffen für eben diesen Status Quo auf – wie ein General der seine Truppen wieder besseres Wissen der Vernichtung preisgibt, denn der Dummheit kann man nun mal nicht mit schlauen Argumenten Herr werden. Und so begann ich, „Deutschland geht es heute so gut wie nie zuvor“ – woraufhin er entgegnete: „ja aber wenn meine Frau ihren Rentenbescheid sieht, dann ist das eine Schande! Und die Flüchtlinge kriegen alles“.
Da argumentierte ich: „Früher mussten die Menschen mit noch viel weniger auskommen, haben aber auch nicht so lange gelebt und nicht so viele Ansprüche an den Staat gestellt. Und glaubt ihr wirklich, dass ihr mehr Rente kriegt, wenn die Flüchtlinge alle weg sind?
Nun fiel sie ein: „ja aber damals hielt das Geld viel länger und die alten haben ja auch den Krieg und so viele Entbehrungen mitgemacht, die hatten das Geld ja auch verdient“. „Meine eigene deutsche Großmutter“, sagte ich nun, „hatte Krieg und Vertreibung von A-Z, inklusive Russenterror und DDR Diktatur, durchgemacht und sich trotz allem nie von Extremisten einfangen lassen. Die hätte nie die AfD gewählt.
Nun beide zusammen: „Das weißt du doch gar nicht!“, daraufhin wurde ich nun etwas aufgebrachter: „ich werde ja wohl noch meine eigene Großmutter kennen!“ Er nun wieder: „Und überhaupt, 6 Millionen Wähler darf man nicht so pauschal als Nazis bezeichnen, das ist Verleumdung. Wir sind hier alle das Volk!“. Da warf ich ein: „Bei ihrer AfD sprechen aber einige mir genau das ab. Die sagen klar das einer wie ich gar nicht Teil des deutschen Volkes sein kann.“ Hierauf zuckte er nur mit den Schultern und zog eine Schnute a’la Gauland.
Dann wieder beide zusammen: „Also dieses System ist einfach nur noch korrupt. Die Flüchtlinge kriegen alles und wir haben einfach kein Geld. Es ist halt nicht genug für alle da. Und überhaupt, den Asylanten, Ausländern, äh … Flüchtlingen geht es hier doch viel zu gut, während deutsche Rentner aus der Abfalltonne leben müssen.“ Meine letzte Barrikade bröckelte unter dem Ansturm von so viel Ignoranz: „In einem Land, in dem man sich Opernhäuser für fast eine Milliarde Euro und >Bahnhöfe für fast 9 Milliarden leistet, da ist Geld für Rentner und Flüchtlinge da.“.
Da fuhr der nun wahrhaft prachtrot angelaufene wutbürgerliche Nachbar seine schärfsten Sturmtruppen ins Feld, während ihm seine getreue Gemahlin eifrigst sekundierte: „die wahren Flüchtlingszahlen hält die Regierung doch geheim, weil sie sonst die Bevölkerung beunruhigen würden. Wenn die Menschen wüssten was da wirklich abläuft. Die sind doch alle korrupt.“ „Ja aufmischen muss man das alles mal“. „Jawohl ja, damit frischer Wind reinkommt“, „Ja doch, aufmischen und dann wird schon eine rechte Lösung gefunden werden“.
Ich hatte meine finale Rückzuglinie gegen die Horden der Idiotie erreicht: „Das letzte Mal, als alles so wie von ihnen gewünscht ‘aufgemischt’ wurde, da blieben ein paar Millionen auf der Strecke, unter anderem so welche wie ich.“. „Jeden von uns kann es da erwischen, in so einer Situation“, meinte der scharlachrote Puter nur dazu, „mich hätten damals auch die englischen Fliegerbomben töten können, die haben ja so viele deutsche Städte bombardiert und überhaupt wage niemand der heute lebenden die von damals zu kritisieren. Denn niemand von heute weiß, ob er damals nicht auch Nazi geworden wäre.“.
Jemand wie ich wäre damals wohl kaum im Bombenhagel umgekommen, mit einem wie mir hat man da radikaler Schluss gemacht. Und außerdem hat der Herr Schnauzbart aus Österreich bei Coventry ja mit der ganzen Städtebombardiererei angefangen.“, mein schon fast verzweifelter Einwand fand nicht mal ansatzweise Gehör
Also nicht schon wieder diese Nazivergleiche, wir sind Patrioten und ich liebe mein Land und ich lasse mich nicht so verleumden!“, „Ja, wie mein Mann sagt, wir sind alle Demokraten, aber hier muss mal frischer Wind rein in das Ganze, um mal kräftig aufzuräumen.“.
Wenn ihre AfD’ler hier aufräumen, werden solche wie ich weggeräumt …“ und damit verließ ich den Kaffeetisch und das dazugehörige Selbstdarstellungstheater dieses bizarren Possenspiels: Zwei Wutbürger mit Prostata und Durchblutungsstörungen, grauem Haar und falschen Zähnen, die allen Ernstes meinen, dass wenn “hier mal alles kräftig aufgemischt wird”, sie dann irgendwie zu den Gewinnern zählen würden.

Was ich noch an Zweifeln gegenüber der Entwicklung in diesem Lande hatte, sie wurde mir heute Nachmittag gründlich ausgeräumt. Ich kann sehen wohin diese Reise geht und ich weiß wo sie enden wird. Denn ich wuchs auf unter den letzten “Aufräumern” des heiligen Deutschlands
. Sie waren meine Lehrer, die “Respektspersonen” meiner durch Rassismus und Führerkult versauten Kindheit und die man – da angeblich bald zum Aussterben verurteilt – immer nur beschwichtigend “die ewig gestrigen” nannte. Doch auch heute noch sind diese Leute immer so brandaktuell und gefährlich, wie sie es gestern und vor tausend Jahren waren.
Ich habe genug von dieser Kultur der Beschwichtigung und Verharmlosung des ewig Bösen. Ich wandere aus diesem Deutschland aus – zum zweiten und wohl auch letztem Mal in meinem Leben.
Wikipedia definiert eine optische Illusion als: „… eine Wahrnehmungstäuschung des Gesichtssinns. … Optische Täuschungen beruhen auf der Tatsache, dass die Wahrnehmung subjektiv ist und vom Gehirn beeinflusst wird.“

Oder umgangssprachlich ausgedrückt: Was man zu sehen glaubt, entspricht nicht dem, was da wirklich vor sich geht. Obwohl sich solche Phänomene für gewöhnlich auf Fehleinschätzungen der Sinnesorgane in der Interpretation einfacher geometrischer Strukturen beschränken, so gibt es doch hin und wieder Fälle von regelrechten Fata Morganas – die Wirklichkeit bis zur Unkenntlichkeit verzerrende Luftspieglungen, die einen dazu verleiten mögen, dem Boden zu misstrauen, auf dem man steht. Und erst gestern ist mir eben eine solche Spiegeltäuschung erschienen – eine augenscheinliche Unmöglichkeit welche mich – zumindest zeitweise – an der Klarheit meiner eigenen Wahrnehmung zweifeln lies.
Da ich mich gerne über das, was in Deutschland so vor sich geht, auch dann auf dem Laufenden halte, wenn ich im Rest der Welt unterwegs bin, sah ich mir die gestrige Bundestagsdebatte im Fernsehen an. Es gab den üblichen Schlagabtausch zwischen der Regierung, die bekundete nie etwas falsch zu machen und der Opposition, welche darauf bestand, dass immer alles falsch gemacht werde. Und dann trat ein Abgeordneter der AfD ans Rednerpult, bei dem ich dreimal hinschauen und die Farbeinstellung meines Fernsehers überprüfen musste, bevor ich glauben konnte, was ich sah:
Einen offensichtlich farbigen Mann mit eindeutig negroidem Einschlag in der Ahnenreihe, welcher vollmundig völkisch fremdenfeindliche Parolen von sich gab.
Harald Weyel ist der 58 jährige Spross eines schwarz-amerikanischen GI und einer weiß-deutschen Krankenhausköchin. Er wuchs als eine de facto Halbwaise auf, da sein Vater Mutter und Kind knapp ein Jahr nach seiner Geburt verließ um wieder in die USA zurück zukehren. Mit einer übermächtigen Fixierung auf seine preußisch konservativen deutschen Großeltern, dem nie verziehenen “Verrat” des schwarzen Vaters und der schon klischeehaft verzweifelten Suche nach Akzeptanz und männlichen Vorbildern hat sich H. Weyel nicht nur die rassistische Literatur der Großelterngeneration vorbehaltlos angeeignet. Früh schon identifizierte er sich mit den Mohrenzeichnungen im großväterlichen Geschichtsbuch und bezeichnet sich selber gar als “Kind der Luftwaffe” – nur weil seine Vorfahren auf beiden Seiten etwas mit der bewaffneten Luftfahrt zu tun hatten. Seine mangelnde Bereitschaft, hierbei zwischen “Air Force” und “Luftwaffe” zu unterscheiden, erstreckt er auch auf Aussagen über die Behandlung von Zwangsarbeitern im dritten Reich auf dem Hof seiner Großeltern: Das war “Kampf und Anstand” wie er sagt.
Überhaupt hat Weyel in seiner kritiklosen Verherrlichung – wenn nicht gar Anbetung – des konservativen Männlichkeitstypos sehr viel mehr Ähnlichkeit mit einem vaterlos halbstarken “Brother with an attitude” als ihm selber lieb sein dürfte. Und wie eben solche orientierungslos allein gelassenen jungen Schwarzen in den USA sich brutalen Gangs oder politisch extremen Splittergruppen anschließen – um endlich die Leitbilder und Anerkennung zu erfahren nach welchen sie sich ihre ganze Kindheit hindurch unerfüllt verzehrten – so hat Harald Weyel sich im fortgeschrittenen Alter nicht nur dazu entschlossen, dieser Suche seine (aus angeblich „politischen Gründen“ gescheiterte) Ehe zu opfern, sondern auch noch gleich den letzten Rest Selbstachtung und gesunden Menschenverstandes hinterher geschickt.
So stellt er sich seiner erzkonservativfremdenfeindlichen Klientel gerne als „optische Täuschung“ vor – ganz so als ob seine Mutter kurz vor der Geburt nur mal eben einen Sonnenbrand zu viel abbekommen hätte. Er verunglimpft die Bundesrepublik Deutschland, welche mit ihrer liberalen Gesinnung und freiheitlich demokratischen Grundordnung seiner und meiner einem das Überleben in einiger Würde überhaupt erst möglich gemacht hat – als „Provisorium“ und „Wirtschaftsform ohne Daseinszweck“ sowie als „DDR 2.0 mit Flachbildschirm“.
Als jemand der die DDR 1.0 in Echtzeit erlebt hat, nehme ich Hernn Weyel diesen Teil ebenso übel, wie seine absolut unverschämte Verharmlosung der deutschen Kolonialgräuel (siehe Boxerkrieg, Maji-Maji Aufstand, Völkermord an den Nama und Herero usw.). Tatsächlich liegt in seiner Verklärung der Realität des Kaiserreichs („wo noch Normalität geherrscht hat“) schon etwas selbstzerstörerisch pathologisches:
Denn im Kaiserreich galten Mischlinge – besonders zwischen Negerburschen und weißen Frauen als “Kinder des Teufels” und Farbige die es wagten sich wie Weiße zu kleiden und zu gebärden wurden als “Hosenneger” verunglimpft.
Harald Weyel mag ja als Wirtschaftsprofessor sein Geld wert sein (hoffe ich zumindest) aber von der Geschichte seiner Ahnen (der schwarzen wie der weißen) hat er so offensichtlich keine Ahnung, dass schon das Zuschauen wehtut: Ein farbiger Mann, der als reinweiß gesehen werden möchte und auch so gerne noch als Krieger fürs tausendjährige Vaterland in die Schlacht gezogen wäre.
Auch mein deutscher Großvater Hugo wurde in das große Völkermorden hineingezogen – direkt vom weltentrückten Acker seiner ostpreußischen Heimat in den Fleischwolf des Kurlandkessels. Er starb, Jahre nach der Kapitulation des tausendjährigen Monstrums, welches meine Mutter und ihre Geschwister als traumatisierte Vollwaisen zurückließ, in einem menschenleeren Winkel des Baltikum und liegt in einem namenlosen Massengrab auf dem Kriegsgräberfriedhof von Beberbeki begraben. Ich habe die letzte Ruhestätte von Großvater Hugo besucht und das einzige Gefühl welches mich dort befiehl, angesichts der grauen Kälte des lettischen Himmels und der stummen Wälder um mich herum, war die Erkenntnis der herzzerreißenden Sinnlosigkeit seines Todes. Wofür war Hugo dort in Elend, Nässe und Kälte krepiert? Wozu hatte man ihn seiner Frau und den Kindern entrissen? Ich empfinde Aussagen, die danach trachten in ein solches Elend irgendein Heldentum hinein zu interpretieren, als Beleidigung des Andenkens meiner Familie. Mein Großvater starb einen sinnlosen Tod auf Befehl eines Regimes welches das eigene Volk ebenso gnadenlos hinmetzeln lies wie alle anderen.
Eigentlich wäre Harald Weyel ein exzellentes Studienexemplar in Sachen Überkompensation von Minderwertigkeitskomplexen und dafür, dass man die seelischen Folgen einer kaputten Kindheit auch durch spätere berufliche Erfolge nicht mehr zu reparieren vermag. Aber dieser selbst ernannte Trittbrettfahrer des Bösen macht sich zum nützlichen Idioten derer, für die Fremdenhass selbst gegen Kinder zum täglichen Geschäft gehört – und da endet bei mir schlagartig jedwedes Verständnis. Wer sich aus eigenem Antrieb zum Sprachrohr der Unmenschlichkeit macht, der kann für sich keinen humanistischen Mitleidsbonus mehr in Anspruch nehmen.
Herr Weyel, sie mögen es politisch zu zweifelhaftem Ruhm gebracht haben, doch als Mensch sind sie gescheitert. Seien sie konsequent und deportieren sie sich selber!