Anfang März 2016; Wetter im platten Land Westfalens nördlich des Rheins: Kalt aber züchtig — eine Aussage, die mehr Sinn macht, als der geistige Erguss über welchen ich hernach berichten möchte.

Zu Samsons Zeiten galt eine stattliche Haarpracht als Zeichen ausgeprägter Potenz, daher fragte ich mich, als ich mich heute hier in Rheda auf den Weg zum Frisör machte, in welchem Ansehen damals wohl die Barbiere bei ihren männlichen Kunden standen — denn in Vorbereitung auf mein nächstes Projekt halte ich mich momentan noch in dieser Musterstadt norddeutscher Biedermänner auf. Solch verworrenem Gedankengang zum Trotz war es eine Frau, die mich heute am nachhaltigsten beeindruckte.
Die “magischen Hände” in jenem Frisiersalon hatten zwar allesamt türkische Besitzer, doch waren die junge Mutter und ihr Kind — ein Dreikäsehoch im Vorschulalter, den sie kurz zuvor auf den Kindersitz des Salons platziert hatte — eindeutig germanischen Ursprungs. Und ich sage dies nicht nur weil die kaum 25-jährig erscheinende Frau, ebenso wie der sie begleitende Mann gleichen Alters und ihr gemeinsamer Stammhalter, akzentfreies Deutsch sprachen. Nein, sondern vor allem, weil die leuchtend blonde Erscheinung — sowohl von ihr wie auch die ihres Jungen — dem Hochglanzprospekt eines arischen Herrenmenschenmagazins hätte entsprungen sein können.
Sie bewegte sich mit der unprätentiösen Grazie einer proletarischen Loreley, denn neben den gelben Plastikturnschuhen zu schwarzen Stoffhosen verriet auch ihre sonstige Ausdrucksweise einen “bildungsfernen Hintergrund”, während meine darbende Libido verzweifelt nach der Zeitmaschine suchte, welche mich flugs gute zwei Jahrzehnte jünger machen sollte.
Die gute Frau wollte eine hochgesteckte Ponyfrisur für ihren süßen Sprössling und war sehr darum besorgt, dass jeder Schnitt im Haupthaar ihres Kindes auch richtig platziert sein möge. Ich hatte mittlerweile für meine eigene Kopfrasur direkt neben dem Kleinen Platz genommen und war also nicht überrascht, dass sie mehrmals neben mir auftauchte, um sich in die Regie von Schere und Schneideapparat einzumischen.
Und doch stockte mir der Atem, als eben jener blonde Engel unverbraucht mütterlicher Tugend erneut nach vorne eilte, um dem Frisör beim Zurechtschneiden der Stirnpartie Einhalt zu gebieten: „Halt, nicht so schneiden. Er sieht ja sonst noch aus wie ein Jude“.
Vielleicht habe ich mir die darauf einsetzende beklemmende Stille nur eingebildet, jedenfalls versuchte die junge Mutter ihren Einwand erklärend zu entschuldigen – und machte dadurch alles nur noch schlimmer. Zuerst auf die Stirnpartie ihres Zöglings deutend, zwirbelte sie sich unmittelbar darauf imaginäre Locken entlang der eigenen Schläfen, und meinte, „das sieht ja sonst nachher aus wie bei den Juden. Ich meine, er soll doch gut aussehen, soll doch nicht schlecht ausschauen, mein Junge“. Dabei streichelte ein blonder Engel dem anderen übers Haupt, während mir die Haare geschoren wurden, auch die, die mir mittlerweile schon zu Berge standen.
Nach dem Paradigmenwechsel der Kölner Silvesternacht hatte ich besseres zu tun, als mich mit dem Prototypen des arischen Muttertiers, auf fremden Terrain, in ein Streitgespräch über die Nachhaltigkeit der geistigen Nahrung einzulassen, welche diese dem Spross ihres Schosses da so unverhohlen ins Ohr träufelte. Nur fragte ich mich, was wohl der nächste jüdische Mitschüler des Knaben von diesem zu hören bekommen würde, sollte er es jemals wagen, mit Schläfenlocken zum Unterricht zu erscheinen?
Aber die Frage, die mich am meisten beunruhigte war, ob diese Mutter, die mir plötzlich nur noch proletenhaft und gar nicht mehr betörend schön erschien, bekennende Anti-Semitin oder einfach nur eine praktizierende Ignorantin war. Jedenfalls hatte sie ihrem Jungen an diesem Nachmittag, mit kaum vier Sätzen, ein Geschenk für seinen Weg durchs Leben gegeben, an dem so manch anderer nicht-blonder Mitmensch noch zu knabbern haben dürfte.
Auch wenn gewisse “PöbElnde mitGlieder bIlDungsferner notgemeinschAften” sich von der schreibenden Zunft zu Unrecht verfolgt sehen, so habe ich hinsichtlich dieser Chronisten der “human condition” hier zweifach Gutes zu berichten.
Artikel aus dem Bonner Generalanzeiger: Und sollten sich zufällig einige, jener zuvor erwähnten, fremdenfeindlichen Anhänger des intellektuellen Tiefliegertums auf meine Webseite verirrt haben — was die Zeitung da berichtet ist die lautere Wahrheit, ganz eeehrlich 🙂
Heute Morgen wurde ich auf dem Weg zur Arbeit Zeuge einer jener Gutmenschlichkeiten, die “guild ridden white liberals” des Öfteren begehen, um damit Leuten wie mir einen Gefallen zu tun. In eben solchen Momenten wünsche ich mir immer inständig, dasss man “meiner einem” aus dieser Ecke bitte keine Gefallen mehr (an)tun möge:
Im Radio unterhielten sich zwei Reporter über die guten Vorsätze, zu welchen sie sich, anlässlich des anstehenden Nelson Mandela Days, selbst verpflichten wollten.
Und wie um jedes Klischee, das über “die Lügenpresse” kursiert, Wahrheit zu strafen, posaunte der eine der Beiden lauthals in die Welt hinaus, dass er von nun an, in seinen Berichten und Nachrichtenbeiträgen, das Wort “Rasse” unter allen Umständen vermeiden werde. „Es gibt ja in Wirklichkeit gar keine Rassen, sondern wir sind doch alle nur Menschen.“
„Jawohl!“, pflichtete ihm sein unsichtbares Gegenüber sofort bei, „das Wort ‘Rasse’ ist definitiv eines jener Worte, dass aus unserem Wortschatz entfernt gehört.“
Ich fuhr mit 180 km/h auf der Autobahn, während ich dieser abenteuerlichen Selbstbezichtigung zweier Journalisten lauschte – sonst hätte ich wohl in jenem Moment angefangen, das Radio in meiner Verzweiflung zu würgen. Ein Journalist soll(te) der Wahrheit verpflichtet sein und nichts anderem. Und wer die Tatsache (verbal) ignorieren will, dass sich große Gruppen von Menschen über ihre Ethnie und Hautfarbe definieren, darf sich nicht mehr Berichterstatter der Wahrheit nennen. Und auch wenn die, im Volksmund oft so verbreitete, Gleichsetzung von Hautfarbe, ja oft sogar von Akzent und Religion, mit “Volk & Rasse” ebenso unwissenschaftlich wie unlogisch ist, so ist der daraus resultierende Rassismus nun mal eine absolute Tatsache des täglichen Lebens.
Ich habe mich oft gefragt, welcher Teufel die Erstberichterstatter, über die unseligen Vorgänge der Kölner Silvesternacht, wohl geritten haben mag, in ihren Kommentaren jedweden Bezug zur geografischen Herkunft der Täter zu verschweigen – und damit eben jene Herkunft, bei der unvermeidbar kurz darauf folgenden Enthüllung dieser Umstände, überhaupt erst zum Thema zu machen. Als ob es irgendeinen halbwegs zurechnungsfähigen Migrantenvertreter oder Fürsprecher für die Sache der Flüchtlinge gäbe, der behaupten würde “meiner einer” sei nicht zu einer Straftat fähig.
Nicht-Weiße sind auch nur Menschen und natürlich gibt es auch unter uns jede Menge Leute, die sich nur so lange an die Regeln halten, soweit sie Angst haben müssen, anderweitig erwischt und bestraft zu werden. Wenn man sich dann noch klar macht, dass das deutsche Strafrecht jemandem, der gerade eben erst einer brutalen Diktatur entronnen ist, wohl eher ein müdes Lächeln abringt, so erschrecken mich zwar die Vorfälle von Köln, aber sie sind mir nicht unbegreiflich.
Der beste Greifer um einen straffälligen Migranten zur Rechenschaft zu ziehen, ist ein anderer Migrant – denn auch unter “Eingewanderten” kennt man seine Pappenheimer. Deshalb wäre der beste Weg Silvester- und andere Nächte sicherer zu machen, nicht die deutsche Sprache farblos, sondern die hiesigen Polizeikräfte farbiger zu machen. Soll heißen, mehr Polizeikräfte mit Migrationshintergrund braucht das Land.

Auch ich möchte nicht ausschließlich über meine Hautfarbe definiert werden – aber ich bin nun mal nicht wie alle anderen, meine gemischtrassige Abstammung ist so unverrückbar Teil meiner Persönlichkeit, wie es Auschwitz für einen deutschen Juden ist. Mein ganzes Leben wäre anders verlaufen, wäre ich “weiß” geboren worden – und in der Tat es gibt so gut wie keinen Teil meines Ichs, der nicht von davon berührt ist.
Ja ich will, dass man in mir zuerst den Menschen sieht – aber eben einen Menschen mit Vorfahren aus Deutschland und Afrika, aus Schottland und Ostpreußen, mit Wurzeln in Europa, Afrika und Amerika. All das ist Teil von mir und nichts davon möchte ich missen.
Nur das hasserfüllte Gekreische und Gejohle, die rassistisch motivierten Schimpfwörter und kruden Klischees, die wäre ich gerne los. Ich mag “Kartoffel” als Bezeichnung für meine Mitmenschen ebenso wenig hören, wie “Neger” oder “Polake”.
Aber warum sollte ich etwas dagegen haben, z. B. “Afro-Deutsch” genannt zu werden? Denn schämen werde ich mich meiner afrikanischen Wurzeln nie!
Ein wütender Mann schreit seinen Zorn in die Welt:
„Ich bin arm und alleine und hatte nie Geld!“
Ein Anderer prügelt den Nachbarn, weil ihm sein Gesicht nicht gefällt.
Hass ist ein endloses Feuer, das sich selber erhält.

Wer Hass kennt, der weiß, er fühlt sich warm an und gut
und fließt durch die Adern wie wärmende Glut.
Er strömt aus dem Herzen, direkt in die Faust,
dieselbe mit der du dem Nächsten die Fresse einhaust.

Zwischen Worten und Taten steht oft nur noch die Scham,
die mag der Hass nicht, denn sie macht alt und sehr gram.
Doch wo Weltanschauungen goldene Brücken servieren,
kann man sich schamlos und fröhlich die Schnauzen polieren.

Der Mord und der Totschlag, die zwei kennen sich gut.
Wer tötet, muss heiß oder kalt sein, aber braucht wenig Mut.
Wir marschieren getrennt und schlagen zusammen.
Wir sind Kinder der Wut und im Reigen aus Hass auf ewig gefangen.
Während meiner Zeit in England letztes Jahr verbrachte ich sechs Monate auf der Insel der isolierten [Un]Glückseligkeit und war dabei bemerkenswerterweise Teil eines IT-Projektes, dessen Belegschaft kaum internationaler hätte sein können, wenn Kofi Annan die Mannschaftsauswahl getroffen hätte.
Auch wenn die “vor Brexit” Stimmung überall auf den Straßen und in den Medien zu spüren war – und Schande über jeden angelsächsischen Insulaner, der im Nachhinein behauptet vom Ausgang des Referendums überrascht worden zu sein – auf dem Projekt waren wir alle eine fröhlich integrierte multikulti Völkerfamilie.
Moslem saß neben Hindu, saß neben Christ, saß neben Atheist und man unterhielt sich über alle Rassen, Klassen und Kastengrenzen hinweg sprichwörtlich über “Gott und die Welt”.

Der Star unseres Langtisches war ein jung gebliebener Inder in seinen späten Vierzigern, der den für ihn passenden Spitznamen “Jazz” sein eigen nannte. Er war dauernd zu Scherzen aufgelegt, dabei hochintelligent und wissenschaftlich, wie kulturell sehr bewandert. Ja er nahm den nicht zu unterschätzenden Stress auf sich, der schon mit kleinsten Reisen von und auf die Insel verbunden sein kann, um übers Wochenende nach Athen zu fliegen und sich die Akropolis anzusehen.
Ein echter europäischer Kulturreisender und dabei einer, der nicht mal in Europa geboren ward.
Doch gelegentlich stolperte man über seinen ironisch-sarkastischen Humor, bei dem Versuch miteinander über Ernsthafteres als den lokalen Wetterbericht ins Gespräch zu kommen. Eine Art Schutzmechanismus, der oft von denen benutzt wird, die um die Vergeblichkeit wissen sich seriös über allzu vorurteilsbehaftete Themenkomplexe zu unterhalten.
So brauchte es eine Weile, bis wir einander nahe genug kamen, dass er mir sein Religionsbekenntnis offenbarte. Er gab an ein gläubiger Sikh zu sein, doch fiel es mir anfangs schwer dies zu akzeptieren, ja ich hielt dieses Statement nur für einen weiteren seiner vielen Scherze. Denn Jazz trug keinen Turban, hatte seine Kopfbehaarung sorgsam abrasiert, und er hatte auch kein Problem damit, gelegentlich Fleisch zu essen.
Jeder, der sich mit Sikhismus auskennt, weiß das er damit gegen die Grundsätze der religiösen Orthodoxie seines Glaubens verstieß – einer Religionsgemeinschaft, die interessanterweise ursprünglich geformt worden war, um den Menschen des nördlichen Indien eine friedfertige Alternative zu den einengenden Orthodoxien von Islam und Christentums zu offerieren.
Jazz offenbarte mir, dass ihm vor vielen Jahren sein – streng religiöser – Großvater die gleichen Vorhaltungen gemacht hatte. Er jedoch sah nirgendwo in seinem heiligen Buch – dem Guru Granth Sahib – geschrieben, dass langes Haupthaar und ein voller Bart, nebst Turban, zwingend erforderlich seien, um ein guter Sikh zu werden. Damit hatte er zweifelsohne ebenso recht, so wie viele Moslems welche die Vollverschleierung von Frauen ablehnen oder Christen, welche mit Homophobie nichts am Hut haben. Aber was in den heiligen Büchern steht, ist eine Sache, was die Mehrheit der Gläubigen daraus macht ist jedoch eine ganz andere.
So insistierte ich Jazz gegenüber: „Du kannst dich doch nicht als Einzelner gegen die Glaubensüberzeugung der ganzen Gemeinde stellen – da verlierst Du doch!“
In einem seiner seltenen tiefernsten Momente lehnte Jazz sich zu mir herüber und meinte: „Diese Regeln wurden ursprünglich eingeführt damit sich meine Leute in Zeiten von gegen uns gerichteten Feindseligkeiten und Kriegen untereinander erkennen und miteinander identifizieren konnten. Solange ich unbedrängt in einer offenen und toleranten Gesellschaft meinen Glauben unbedrängt praktizieren kann, brauche ich diese ‘Erkennungsmerkmale’ nicht – doch in dem Moment, wo man mir das Tragen des Turbans oder eines Vollbartes verleiden oder gar verbieten wollte, würde ich bis zu meinem Tod dafür kämpfen, weithin sichtbar als Sikh durch die Lande zu schreiten.“

Ein altes Gesetz der Physik besagt, dass jeder Druck Gegendruck erzeugt – so einfach ist das und doch so kompliziert.

So musste ich heute Morgen an Jazz denken, als ich auf dem Weg zur Arbeit im Autoradio von einem neuen geplanten TV Auftritt des viel gefeierten deutschen Fernsehrüpels Jan Böhmermann erfuhr. Vor vielen Wochen war auch ich entsetzt, als man mir in den Medien davon erzählte, wie ein übler Schurke aus Ankara sich erdreistete, einem deutschen Denker das Dichten verbieten zu wollen.
Meine uninformiert wütende Entrüstung hielt bis zu dem Moment an, da sich ein übereifriger CDU Bundestagsabgeordneter dazu verstieg, besagtes “Gedicht” in voller Länge im Plenum zu zitieren. Und auch wenn ich für mich selbst nicht einmal den Status eines begnadeten Hobby Poeten in Anspruch nehme, so konnte ich doch dieser böhmermannschen Ekeltirade beim besten Willen nichts “künstlerisch wertvolles” abgewinnen.
Die “Freiheit der Kunst” hat bei mir da ihre Grenzen, wo künstlich, krampfhaft darauf Wert gelegt wird, jemand anderen persönlich zu beleidigen. In seinem Schmähtext beschimpft der besagte deutsche Medienstar nicht Erdogan den Politiker, nicht einmal den osmanischen Gernegroß und Möchtegernsultan vom Bosporus – obgleich sich da trefflich anknüpfen ließe.
Nein, Herr Böhmermann legte besonderen Wert darauf, den Menschen Erdogan, mit der türkischen Flagge als Hintergrund, als Päderasten und Sodomiten mit extrem-erotischer Hingabe zum Hornvieh, darzustellen – inklusive der erkenntnisreichen Unterstellung, dass es in Erdogans Unterhose stark nach Döner rieche.
Man stelle sich den Entrüstungssturm im deutschen Blätterwald vor, hätte sich das polnische Parlament derart schützend vor einen Schmähredner von der Weichsel gestellt, welcher Merkel zuvor dichtenderweise als Kinderschänderin abtitulierte hätte.
Ja, auch und gerade in Polen muss man sich als deutscher Politiker viele Demütigungen durch die Medien gefallen lassen – nur erhalten diese keine offiziellen Weihen aus den Reihen des Sejm und bleiben in der Regel auch nördlich der Gürtellinie stehen.

All diese Gedanken gingen mir heute Morgen durch den Kopf – und mir wurde klar, warum ich in Herrn B. jetzt nur noch einen unwürdigen Verbalschmieranten sehe, obgleich ich ihn noch vor wenigen Wochen als Helden „meiner Meinungsfreiheit“ empfand. Es waren die dümmlichen Islamophobien, welche sich auch auf meiner Facebook-Seite austoben wollten – und dabei bin ich nicht mal Moslem und schon gar kein Türke.
Wie gesagt, Druck erzeugt Gegendruck – und so denke ich mittlerweile ernsthaft darüber nach, mal wieder eine Moschee zu besuchen und im Koran zu lesen.
Perspektivlosigkeit ist nicht immer von Nachteil, jedenfalls dann nicht, wenn einem erst ein Wechsel der Blickrichtung die Sinnlosigkeit des eigenen Strebens offenbart.
Einfacher formuliert: Der Hamster dreht so lange fröhlich am Rad, wie er noch meint sein Kreisrennen gewinnen zu können. Erst wenn so ein übereifriger Nager aus seiner Exerziermaschine heraus tritt und erkennt, dass er sich, trotzt allen Gerennes, nicht einen Zoll von der Stelle bewegt hat und ergo immer noch im gleichen Käfig gefangen ist, dürften vielleicht bei dem ein oder anderen Exemplar seiner Art gewisse Zweifel ob der Sinnhaftigkeit solchen Tuns aufkommen – oder vielleicht auch nicht.
Auch wenn meine Ernährung nicht aus Mohrrüben und infantilen Streicheleinheiten besteht, so habe auch ich einen Käfig – “Büro” genannt – und drehe darin gleichfalls täglich am Rad, mindestens so viel, wie jeder Hamster der was auf sich hält.
Nach einem derart unerfreulich langen und exquisit unproduktiven Arbeitstag freute ich mich auch heute darauf, wenigstens dem Abend noch einen sonnendurchwirkten Spaziergang abzuringen.
Inmitten des Grenzlandes, zwischen urbaner Vorstadt und kleinbäuerlichem Ackerland, das meine derzeitige Heimstatt auf Zeit ausmacht, nahm ich also meinen vierbeinigen Kumpel an die Leine und zusammen machten wir uns auf den Weg die Waldstraße entlang. Kaum hatten wir die erste Biegung aus der Siedlung heraus hinter uns gebracht, da bemerkte ich auch schon eine ältere blonde Frau, welche uns mit ihrem großen Setterhund entgegenkam.

Wichtel Äffchen – ich hab dich ganz doll lieb
Mein Witbooi ist ein Findelkind, den ich als kleinen Welpen inmitten der Ödnis der Wüstenreservation der Navajos im nördlichen Neu Mexiko fand. Dort halten sich die Einheimischen Hunde als lebende Alarmanlagen, ohne dabei viel Emotion an das Tier an sich zu vergeuden. Und halbe Tage vom nächsten Polizeirevier entfernt, ist es überlebenswichtig, dass die Hunderasse, welche man sich für diesen Zweck heranzüchtet, extremst aufmerksam, neugierig und doch auch allen Fremden gegenüber misstrauisch ist. Zugleich sollten sie aus dem Stand heraus bereit sein, sich jedes Angreifers, egal ob Mensch oder Tier, zu erwehren.
Kurz gesagt, mein kleiner Kumpel ist sehr speziell in der Wahl seiner Freunde und das haben wir zwei gemeinsam. Leider begreift das nicht jeder Couch verwöhnte Vorstadtschoßhund und so halte zumindest ich mich mit ideologischer Inbrunst an die Leinenpflicht in stadtnahen Gebieten. Da ich ihn außerdem in solchen Situationen in Ruhestellung verharren lasse, gäbe es eigentlich keine Probleme – wenn, ja wenn es da nicht immer wieder, neben vielen denen die Leinenpflicht eh am Allerwertesten vorbeizugehen scheint, nicht auch solche gäbe, die meinten, nur weil sie mal drei Folgen vom Hundeflüsterer in Reihe gesehen haben, nun selbst Experten in Sachen Hundeerziehung zu sein.
Nebenbei bemerkt, mein vierbeiniger Freund war bereits in einem guten Dutzend Hundeschulen, sogar in einer, die von einem Adepten von Cesar Millan geführt wird. Dort haben mir alle Experten bestätigt, dass mein Hund weder bösartig noch überhaupt in “Problemhund” sei, sondern einfach nur seiner Natur gemäß agiert. Und in der Tat sind die Vorgärten der Siedlung hier, voll von Kläffern, die regelrecht durchdrehen, wenn ich mit meinem Kleinen ganz ruhig an “ihrem Gartenzaun” vorbeigehe.
Doch sind deren Besitzer gute, weiße Deutsche. Ich dagegen bin, in den Augen vieler, ein Farbiger weiß-der-Geier-was, mit einem schwarz glänzenden Hund, der eine Reihe blitzblank polierter und zugegebenermaßen beeindruckend großer Zähne sein eigen nennt. Dabei ist er von Haus aus weder aggressiv noch kämpferisch veranlagt, aber er besteht darauf zu ergründen, was einer der sich ihm nähert, im Schilde führt – egal ob Mensch oder Tier. Er tut also genau das, wofür seine Vorfahren einst gezüchtet wurden.
Zwar hat sogar mein Vermieter einen noch größeren Hund, mit noch bemerkenswerteren Zähnen, der regelrechte Knurrorgien hinlegt, ohne dass es dafür irgendeines besonderen Anlasses bedürfte. Doch ist sein Herrchen ein Deutscher, der auch so aussieht und er genießt dementsprechend eine größere Narrenfreiheit, als ich sie hierzulande in Anspruch nehmen kann.

Und so geschah heute – mal wieder – das wohl von Zeit zu Zeit Unvermeidliche:
Ich stand ganz ruhig am Waldesrand, mit meinem ebenfalls ruhigen Hund fest unter Kontrolle und in Habachtstellung und bedeutete der Frau auf der anderen Straßenseite, dass sie bitte einfach nur weitergehen möge. Sie jedoch glaubte sich berufen direkt vor mir anzuhalten, um mich darüber zu belehren, dass mein Hund wohl noch einer entsprechenden Abrichtung bedürfe: „Na, Sozialverhalten müssen wir wohl erst noch lernen, gelle?
Bei diesen Worten sah sie mich an und ihr Hund starrte meinen an – woraufhin Letzterer seiner Natur gemäß reagierte und ich meine liebe Mühe hatte, die Kontrolle zu behalten bzw. nicht selbst die Beherrschung zu verlieren. Dies wiederum spornte Frau Besserwisser dazu an, mir erst recht die Leviten lesen zu wollen, woraufhin ich dann ihr die Grenzen meiner Geduld anzeigte.
Was als problemfreier, sonniger Spaziergang angedacht war, endete beinahe in Geschrei und Gekreische und fand mich mit einem viel höheren Blutdruck den Weg entlang stampfen, als ihn mir all der vorhergegangene Frust im Büro hatte bescheren können.
Warum erzähle ich nun davon? Fürwahr, dies war weder das erste noch wird es das letzte Mal sein, das mir jene typisch teutonische Kombination von sozialer Schnüffelei und besserwisserischer Hysterie den Tag vermiest.

Aber genau das ist es ja – so etwas widerfuhr mir, in meinen vielen Jahrzehnten der Weltenwanderschaft, immer nur in Deutschland. Niemals in England, Schottland, Tschechien, Polen, dem Baltikum, Italien, den USA, Kanada oder Mexiko – ja selbst im hundeunfreundlichen Ägypten ist mir so etwas nicht vorgekommen – und wäre dort wohl auch ziemlich undenkbar.
Denn in solchen Ländern steckt man aus Prinzip seine Nase nicht in anderer Leute Angelegenheiten und gibt Fremden keine “schlauen” Ratschläge, um welche diese nicht zuvor gebeten haben. Und wer es doch macht, der ist auch sogleich als “Busybody” verschrien.
Ein Schimpfwort, für Leute, die sich allzu sehr ob anderer Leute Augensplitter erregen, und ein Begriff, für den es bezeichnenderweise im Deutschen keine rechte Entsprechung gibt – denn hierzulande gilt ein solches Verhalten nicht als verdammenswert.
Im Gegenteil, es herrscht in Deutschland, bei weiten Teilen der einheimischen Bevölkerung, eine kulturelle Blockwartmentalität vor, die einen unnachgiebigen Druck zur Ein- und oft auch Unterordnung des Individuums unter die Verhaltensnormen des Kollektivs für erstrebenswert hält und dabei die Aufgabe der eigenen Persönlichkeit mit “Integration” verwechselt.

Schon als Kind erfuhr ich, dass die Gemeinschaft, die ja angeblich immer alles besser weiß als der Einzelne, glaubte meiner einen besonders intensiv darauf hinweisen zu müssen “wo es lang geht”. Selbst wenn diese Volksgenossen bereits gezeigt hatten, dass sie nicht mal wussten, wo vorne und wo hinten war in ihrem eigenen Leben.
Dabei musste ich auch schon lange vor Gustl Mollath & Co vorsichtig sein, mich mit solchen Beschwerden nicht in die Nähe von paranoiden Verfolgungsängsten zu begeben.
Denn eines der beliebtesten Totschlagsargumente von Protagonisten des konformistischen Status quo war von jeher: „Das bildest du dir alles nur ein!
Nur in Deutschland passiert es mir, dass vollkommen Fremde, vom Dating Portal bis hin zum Spaziergang auf der Straße, absolut unvermittelt meinen, mich ob meines vorgeblichen “Cowboyhuts” zur Rede stellen zu können:
„Auf so einen wie dich haben wir hier gerade noch gewartet …“, war dabei noch eine der gemäßigteren Ansagen, welche ich mir anzuhören hatte. So etwas passiert mir in D immer wieder: Bei der Fahrt im Bus, beim Gang durch die Stadt oder auf der Arbeit auf dem Weg zur Kantine. Hingegen hat sich nie jemand in Assuan, London, Rom, Kopenhagen, Antwerpen oder Glasgow darüber erregt, dass ich einen Hut trage und in Fünf-Finger Schuhen durch die Landschaft schreite. Die “autochthonen Teutschen” tuen dies hingegen mit beständig unangenehm hoher Häufigkeit. Dabei ist offensichtlich, dass sich hierzulande auch viele Weiße einen Hut erlauben, von den krachledernen Urtümlichkeiten bajuwarischer Kleiderfolklore ganz zu schweigen. Nur sind jene anderen Kleiderträger halt “gute weiße Deutsche”.
Von jemandem wie mir erwartet man jedoch, dass ich meine “Loyalität zur Leitkultur” (woraus auch immer diese bestehen mag) durch eine besonders konforme Kleiderwahl und entsprechend devotes Auftreten in der Öffentlichkeit (nebst unterwürfigem Wauwau) kundtue.
Nur gibt es da ein nicht so kleines Problem: Ich kann nämlich Onkel Tom nicht ausstehen und behalte mir das (Menschen)Recht vor, jedem Dumm zu kommen der mir so kommt. Ja, ich bin ein unbotmäßiger “Neger”, denn mich hat niemand gefragt, ob ich in Deutschland geboren werden wollte oder dort aufwachsen möchte. Also habe ich auch wirklich nicht die geringste Motivation, untertänigst meine Dankbarkeit dafür vor mich herzutragen, “hier leben zu dürfen”.
Ich kann hier sein, weil dies mein Geburtsrecht ist – und ein verdammt teuer Bezahltes dazu.

Gestern Abend lief im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mal wieder eines jener “Hart aber (Un)Fair” TV Rituale ab, in denen reflexhaft auf den jeweils zum kollektiven Abschuss freigegebenen Emmanuel Goldstein verbal eingedroschen wird – dieses Mal personifiziert durch einen Testosteron geschädigten Midlife Crisler namens Erdogan, der nicht einmal in Deutschland, sondern im fernen Ankara sein Unwesen treiben soll, und dabei immer noch offiziell, als einer der engsten Verbündeten Deutschlands gilt.
Was man bei anderen Völkern und Weltenlenkern allzu gerne als Heuchelei brandmarkt, wird in Deutschland nun schon seit vielen Monaten mit einem Formalismus praktiziert, der in ekelhafter Weise vorhersagbar ist:
Man pikiert sich über den, immerhin frei gewählten, Mann vom Bosporus, ohne selber auch nur die geringste Ahnung von der Türkei zu haben, obgleich man vielleicht selbst gerade noch im letzten Urlaub dort war und nutzt praktischerweise die Gelegenheit auch noch gleich zum Rundumschlag, gegen alle Burkaträger, Fünfmal-am-Tag-Gottanbeter und dunkelhäutigen Doppelpässler.
Wohlgemerkt, gute, hellhäutige Russen mit Deutschem Schäferhund im Stammbaum (aka “Russlanddeutsche”), dürfen ruhig mit so vielen Pässen, wie es der Zarin gefällt, durchs Leben laufen – denn wahrhaft Deutscher kann nur sein, wer deutschen oder artverwandten Blutes ist.
So was weiß man doch, gelle?!

Ein böser Schelm, wer etwa daran dächte Siebenbürger Sachsen ihre, über die Jahrhunderte sorgsam gepflegte, Integrationsunfähigkleit vorzuwerfen, oder von den USA die Abschaffung der Todesstrafe als Vorbedingung für TTIP und visafreien Reiseverkehr verlangte.
Wer wollte es wagen, katholischen Nonnen das Betreten öffentlicher Plätze in ihrer Ordenstracht zu untersagen, oder ostdeutschen FKK’lern ihren Nacktbadespleen abspenstig zu machen.
Sollte aber einer Muslima der Sinn danach stehen, sich nicht an der neuzeitlich hedonistischen Fleischbeschau a la Vogue und Cosmopolitan zu beteiligen und sich gar per Kopftuch und anderen Bekleidungstücken dem streng urteilenden Blick der Leitkultur zu entziehen, dann, ja dann muss die herrschende Kultur (der Herrenmenschen?) den Beherrschten zeigen, was in Deutschland wahre Freiheit ist.

Im Lande des Arminius hat jeder Ausländer – oder wer auch nur so aussieht – die “Freiheit” sich bedingungslos unterzuordnen, oder die Koffer zu packen und abzuhauen!

Und gegen Ende der Sendung wurde dann auch noch der sprichwörtlich leisetreterische türkisch-deutsche Jungakademiker vorgeführt, der geziemend devot um Verständnis für seinesgleichen bat.
Da wollte ich schon ausrufen „Allah, wie ekelhaft ist alles das!“ – nur muss man als braunhäutiger Mensch heutzutage vorsichtig sein, den Namen einer imaginären Gottheit, der mit ‘A’ beginnt, allzu laut von sich zu geben.

Warum kroch dieser Nachfahre Süleymans und des großen Atatürk da so unnatürlich zu Kreuze?
Weil er zwar in Deutschland aufgewachsen ist, hier zur Schule ging und seine Steuern zahlt und auch bald schon kränkelnden Schrumpfgermanen helfen soll, ihr Leben zu verlängern – aber eben kein Thilo Sarrazin ist.

Von einem wie uns wird erwartet, dass man die “Leitkulturdeutschen” mit gesenktem Kopf und leiser Stimme anspricht, keinen Stolz auf eigene Leistung oder gar die einer Kultur an den Tag legt, welche der Leitenden suspekt erscheint.
Dabei hätte ich mir gewünscht, dass er der versammelten Runde von teutonischen Weltgenesern – plus einem Alibitürken und dem sprichwörtlich unbedarften Blondinchen – den rhetorischen Fehdehandschuh hinwirft: „Wer seit ihr denn, dass ihr mir meiner einem die Freiheiten in Abrede stellt, die ihr jeden Tag ganz selbstverständlich in Anspruch nehmt? Ich kleide mich und gehe auf öffentlichen Wegen spazieren wie ich will und habe genau dasselbe Recht, darob von aller Welt in Ruhe gelassen zu werden, dass ihr auch für euch in Anspruch nehmt!
Gesetze und Verordnungen zu verabschieden, die eine spezifische Kleiderordnung nur für Angehörige bestimmter Religionsgemeinschaften oder Ethnien kodifizieren, wäre nicht nur diskriminierend, es wiederspräche auch den Prinzipien der freien Religionsausübung und verletzte die grundlegendsten Menschenrechte.
Wer Kutten in der Öffentlichkeit verbieten will, der tue dies für alle Religionen. Wer der Muslima ihre Burka und den Niqab abspenstig machen will – um selbst jene zu “befreien”, die nie um Befreiung gebeten haben – der befreie gleichermaßen auch katholische Ordensschwestern oder trauernde italienische Witwen von deren grottenähnlicher Kluft.
Erst heute Morgen kam mir ein Motorradfahrer entgegen, der seine Gesichtszüge nicht nur vermittels einer extra stark getönten Sonnenbrille, sondern auch noch gleich hinter einem Mad Max artigem Mundschutz nebst Bandana verbarg.
Verstehe ich diese ganzen “Muslimabefreiungsversuche” richtig, dass von nun an jeder (weiße) Mann mit nachtschwarzer Sonnenbrille und tief in die Stirn gezogener Sturmkappe in die Bankfiliale darf, aber eine Muslima mit Kopftuch und – Jesus Christus beschütze uns – Gesichtsschleier, nicht mal mehr an der Gemüsetheke bedient werden soll?
Das also bleibt von Freiheit und Menschenrechten übrig, wenn sich die Leitkultur erst mal der beiden bemächtigt hat.
Da ist mir Erdogan lieber, der ist zumindest ehrlich, was seine Dominanzansprüche anlangt. Aber unterordnen würde ich mich keinem dieser “Herrenmenschen”, denn ich bin nicht so wie alle anderen, war es nie und werde es nie sein.

Ich werde von dieser deutschen Leitkultur an mein Anderssein erinnert, seit ich alt genug zum Laufen bin – und mittlerweile gebe ich den Autochthonen Teutonen in diesem einen Punkt recht, denn:
If you are color blind, then you can’t see me!


PS: Mittlerweile wurde ich von meinem Vermieter informiert, dass besagte “Dame” mich, bzw. meinen Hund, beim Ordnungsamt denunziert hat. Da ich nicht vorhabe, mich solch unprovozierten Anfeindungen unterwürfig zu fügen, wird das ganze jetzt also auch noch ein juristisches Nachspiel haben.
Psychologen alter Schule bezichtigen die Liebhaber von Sonnenuntergängen gerne depressiver Neigungen. Eine analytische Steilvorlage, die ich schon deshalb bemerkenswert finde, weil mir gerade diese Tageszeit Refugien der Entspannung bietet, welche mir der lichtdurchflutete Arbeitstag allzu oft vorenthält. Für mich hat das Zwielicht der Dämmerung etwas Exklusives, wenn man es im rechten Rahmen genießt – wie zum Beispiel am Ecktisch der Außenterrasse eines guten Restaurants.
Dort ziehe ich mich dann zurück in den Halbschatten meiner imaginären Loge und genieße das Treiben auf dem Bürgersteig, bei gutem Essen und Trinken, als sei es eine Darbietung der Opera buffa.

Jedenfalls hatte ich mir so den Ausklang meines drittletzten Wochenendes auf dem Projekt vorgestellt, als ich mich an diesem Sonntag zu einem kleinen Ristorante begab, um “beim Italiener” mal wieder so richtig gutes “Manjare” zu kosten. Ich bin hier in einer kleinen Stadt in der norddeutschen Tiefebene untergekommen und so malerisch der weitere Einzugskreis um Oldenburg auch sein kann, die Toskana ist es nicht.

Derart motiviert sprach ich den Kellner an, welcher leider wesentlich weniger italienisch verstand, bzw. war, als ich erhofft hatte. Gleichwohl versuchte ich die Namen der romanischen Speisen so originalgetreu auszusprechen, wie mir dies nach über einem Jahr Abwesenheit, vom Land wo die Zitronen blühen, noch möglich war – denn ich habe diese Sprache während meines Aufenthalts an den Ufern des Arno ebenso lieben gelernt, wie die alte Kultur die sie repräsentiert. So hatten wir zwei zwischen Funghi Porcini und Bistecca a’la Fiorentina ein kurzes tête-à-tête über die Cuisine südlich der Alpen, während mir der freundliche Kellner seine eigene Liebe zum Geburtsland seiner sizilianischen Ex-Frau beichtete.
Am Ende bestellte ich mir das teuerste und beste Stück des Menüs, denn dies sollte eines meiner letzten Wochenenden hier vor Ort sein und ein derartiges “privates Abschiedsessen” gehört nun mal zu meiner eigenen kleinen Ritualsammlung. Am Tisch nebenan saß ein deutsches Pärchen, ein Mann nebst Frau mittleren Alters mit ihren zwei kleinen Kindern, alle weiß und bieder, wie es sich gehört. Jeder von uns schien mit sich selbst beschäftigt, was mir nur recht war und so konzentrierte ich mich auf “meine abendliche Theatervorführung“, welche auf dem Boulevard des Lebens (der Straße) an uns vorbeiflankierte.
Das Pärchen stand auf, sammelte seine Kinder ein und beim Herausgehen, auf der Höhe meines Tisches, sagte die Frau, mit dem selbstverständlichsten Tonfall der Welt, zu ihrem Mann gewandt: „Also das ist hier bald wie in Sachsen-Anhalt mit den ganzen Ausländern, die bekommen immer nur das Beste“. Woraufhin ihr Göttergatte in der gleichen ruhigen Tonlage feststelle: „Ja, bald werden wir hier Bürger zweiter Klasse sein. Die sind dann die Elite und wir dürfen denen nur noch dienen“. So schritten beide in die Nacht hinein und ließen mich ziemlich verwirrt zurück.
Denn ich hatte erst zur Jahresmitte noch ein Projekt im Osten der Republik beendet, daher war für mich die Vorstellung absurd, dass es dort irgendein Bundesland gäbe in dem Ausländer (oder solche die auch nur so aussehen), Deutschen gegenüber bevorzugt behandelt würden. Ganz im Gegenteil, in dem Dorf, wo ich abgestiegen war, musste ich mich schon beim Anstellen an der Eisbude vorsehen, nicht von Thor Steinar Liebhabern (wie wär es mal damit, diese Kleidungsstücke zu verbieten?) unsanft an die Unerwünschtheit meiner Präsenz vor Ort erinnert zu werden.

Daneben hätten die beiden wegen ihrer Impertinenz selbst dann nicht als meine Dienerschaft getaugt, wenn ich mir denn jemals eine solche leisten wollte – etwas was mir schon aus Prinzip zutiefst zuwider ist.
Wodurch, anders als durch mein Aussehen und die paar Brocken Italienisch welche ich mit dem Kellner gewechselt hatte, mochte ich diesen Ausbruch wochenendlicher Depression in den beiden wohl ausgelöst haben?
Brachten an dem Abend wahrlich zwei deutsche Eltern ihre Kinder mit dem Gutenachtgruß zu Bett: „Der halbe Neger da im Restaurant, dem werdet ihr in Zukunft dienen müssen!“ ???

Meine nächsten Tischnachbarn waren danach ein zwar sehr viel älteres, aber ebenso treudeutsches Ehepaar, dieses Mal ohne kindlichen Anhang. Sie war lautstark darum bemüht ihrem Ehemann die intellektuelle Unterlegenheit der Amerikaner zu verdeutlichen, denn ihr neulicher Urlaub „da drüben“ hatte sie offenbar zur Expertin für alles Kulturfragen westlich des Atlantiks gemacht: „Diese Amerikaner, die sind so dämlich, na ja vielleich nicht alle von denen, aber ich habe da in der Auslage im Supermarkt Zeitungen gesehen, wo die davon berichtet haben, dass Elvis lebt und von UFOs und so einem Zeug. Also das lesen diese Amis und glauben das auch noch“.
Offenbar war der guten Frau die eine oder andere Ausgabe der Weekly World News oder eines look-alike davon, unangenehm aufgestoßen, denn entgegen dem Wikipedia Eintrag hierzu, erfreuen sich diese “Nonsense Newspapers” immer noch großer Beliebtheit in den USA.

Doch um des lieben Friedens willens behielt ich meine “schlaue Weisheit” für mich, dass die überwiegende Mehrheit der amerikanischen Leser diese “Zeitungen” als genau das ansieht, als was sie gedacht sind: MAD Magazine für Erwachsene.
Nicht mal ein Hillbilly käme auf die Idee so ein Blättchen einer inhaltlichen Kritik zu würdigen, geschweige denn sich nun flugs auf die Suche nach dem wiederauferstandenen Elvis Costello Presley zu machen.
Zu solchen intellektuellen Großtaten bedarf es schon einer deutschen Touristin auf Besserwissertour.

Was mancher über manch andere zu wissen glaubt, würde alle Meerestiefen dieser Welt zum Überfließen bringen.
Doch was davon wahr ist, könnte hingegen nicht mal einen Fingerhut füllen.
Erneute Klarstellung zu meiner Selbstbezeichnung als “Mischlingskind”.

Leider sehe ich mich aus gegebenem Anlass zu weiteren Erläuterungen diesen Punkt betreffend genötigt. “Leider”, weil ich mit Bestimmtheit nicht einzusehen vermag, warum ich mich (noch immer) zu meinem eigenen Ursprung rechtfertigen sollte.
Immer wieder verirren sich Gutmenschen auf meiner Facebook-Seite, die allen Ernstes darauf bestehen – ohne sich dabei von meinem diesbezüglichen Widerspruch auch nur im geringsten Beindrucken zu lassen – das “wir doch alle nur Menschen seien”, “Mischling ein fürchterlicher Ausdruck wäre” (dessen Gebrauch ich dann auch dementsprechend bitte unterlassen sollte) und für gewöhnlich gipfelt das alles in der Aussage: Man sollte das Vergangene ruhen lassen, um hernach umso fröhlicher in die helle, lichte Zukunft zu schreiten.

Weniger blümerant ausgedrückt: Ich hätte mir meine Autobiografie auch gleich sparen können, Schwamm über 5 Jahrzehnte Lebenserfahrung und so tun als hätte es all dass nicht gegeben.
Ich nehme mal stark an, dass die Eltern und Großeltern jener gut meinenden Gedächtnisbereiniger auch schon 1918 und 1945 sehr aktiv zu Gange waren.
Meine Erwiderung, dass meine gemischtrassige Abstammung nun einmal ebenso eine Tatsache darstellt, wie die damit verbundenen einzigartigen Lebenserfahrungen, welche jemand, der nie in solchen Schuhen lief, gar nicht nachvollziehen kann – selbst wenn er/sie dass wirklich wollte (dass wäre so, als ob ich behauptete, ich wüsste, was es hieße “schwanger” zu sein) – wird dabei gemeinhin ziemlich gönnerhaft abgetan. Frei nach dem Motto, “jetzt stell dich mal nicht so an”.
Ich stelle mich aber so an, und wenn ich im sechsten Jahrzehnt meines Lebens noch immer mit den gleichen rassistischen “Volksweisheiten” konfrontiert werde, die mir bereits am Anfang meines Erdendaseins das Leben zur Hölle machten, dann habe ich mir das Recht verdient “mich so anzustellen”.

Ich bin ein farbiger Afro–Deutscher und wer da behauptet er hätte einen farbenblinden Blick auf alle Menschen, der nimmt mich gar nicht wahr!
Wikipedia definiert Verdruss als „spontane, innere, negativ-emotionale Reaktion auf eine unangenehme oder unerwünschte Situation, Person oder Erinnerung“.
Da ich nie aktiv in der Politik tätig war, wähnte ich mich ergo auf der sicheren Seite, was die Gefahr von “Politverdrossenheit” anlangte – bis vor zwei Tagen. An eben jenem Mittwoch wurde ich von einem Lokalpolitiker – bereits zum zweiten Mal – in einer derart routinierten Art und Weise abgekanzelt und heruntergemacht, dass ich davon ausgehen muss, dass besagter “Herr” sich regelmäßig so gegen alle die verhält, welche nicht seiner Meinung sind.

Ich war für ein paar Wochen im kleinen Städtchen Rheda untergekommen, das sich einigermaßen malerisch in das platte Land Westfalens schmiegt. Und weil ich für eine gewisse Zeit nichts anderes zu tun hatte, als auf mein nächstes Projekt zu warten, meldete ich mich zur freiwilligen Mitarbeit bei der lokalen Flüchtlingshilfe.
Was mir aus früheren Tagen als engagiertes Projekt ehrenamtlicher Mitarbeiter im Gedächtnis geblieben war, entpuppte sich nun schon nach wenigen Wochen als – immer noch engagiertes – Werk einer ziemlich insulären Kerntruppe, die sich felsenfest in der Hand der lokalen Gruppe jener Volkspartei mit dem hehren Monopolanspruch auf soziale Gerechtigkeit befindet.
Zwar interessiere ich mich schon aus reinem Eigeninteresse “fürs politische”, jedoch ist mir meine geistige Unabhängigkeit viel zu kostbar, um sie irgendeiner Parteidisziplin zu opfern. Und da ich in dem Verein ja nur ein Freiwilliger auf Zeit war, entschloss ich mich den Mund zu halten, wenn ich sah wie Flüchtlinge ganz offen für Wahlkampfzwecke eingespannt wurden – um für die Partei Plakate zu kleben, Flugblätter zu verteilen oder Stände aufzubauen. „Selber Schuld“, sagte ich mir, „wenn keine der anderen (Parteien) hier ist, um auch aus diesem Pool billiger Arbeitskraft zu schöpfen“. Aber die fast schon regelrecht dogmatische Ausrichtung des lokalen “Aufpassers” ging mir am Ende dann doch über die Hutschnur. Vor allem weil ich Deja Vu Erlebnisse hasse.
Besagter Herr ist so ein nassforscher Typ, der zwar selber zugibt von den meisten Dingen über die er schwadroniert keine Ahnung zu haben, aber trotzdem keinen (politischen) Widerspruch duldet: „Ich muss keine Frau oder schwanger sein, um übers Babykriegen zu reden“ oder „Ich muss kein Arzt oder Patient sein, um über Krebs zu reden“, sind nur ein paar seiner jederzeit abrufbereiten Evergreens.

Zuerst dachte ich noch „Schröder in jungen Jahren, bevor der sich russifiziert hatte“, doch als er eines Abends bei den Flüchtlingen damit Eindruck schindete, dass er einen von ihnen in seinem flotten Italo-Cabrio (passend zu seiner eigenen italienischen Vorgeschichte) auf dem Parkplatz umherflitzen ließ – kurz, nachdem er mir einen aggressiven Vortrag über meinen angeblichen Mangel an sozialer Solidarität gehalten hatte („ab in die FDP mit dir!“), nur weil ich mich gegen eine primitiv formelhafte Beschränkung von Managergehältern aussprach – da dachte ich nur noch still „Oskar Lafontaine“ bei mir!
Brot und Wasser predigen und selber Sekt & Kaviar konsumieren – das waren für mich noch nie Vorzeichen großer Glaubwürdigkeit.

Aber in meiner letzten Woche “freier Lebenszeit” (denn wenn erst mal wieder auf Projekt schufte, wird mir kaum noch Zeit zum Naseputzen bleiben) da schoss der Herr mit dem edlen Flitzer – passend zum Vornamen und dem schnellzüngigen Auftreten – auch für mein durchaus flexibles Verständnis von engagierter Diskussion weit übers Ziel hinaus. Und wie viele unangenehme Erinnerungen so fing auch diese harmlos genug an: Während des allwöchentlichen “Sprachcafés” – einer Übungsstunde in der eine immer gleiche 2-3 Mann/Frau Truppe mit einer wechselnden Schar von Flüchtlingen über Allah und die Welt zu reden sucht – wurde über den katastrophalen (wie in faktisch nicht mehr exististierendem) Familiennachzug resümiert. Am Anfang ging es noch recht gesittet zu, weil sich alles entlang der offiziellen Linie bewegte: Die Lage ist schlimm und kann nur besser werde, wenn unsere Seite die Wahlen gewinnt. Die Welt war in Ordnung. Doch dann beging ich den großen Fehler, die derzeit als allein selig machend attestierte Russlandpolitik zu hinterfragen. Es ergibt für mich einfach keinen Sinn, dass man mit menschenverachtenden Diktaturen wie Saudi Arabien, Ägypten oder Pakistan Deals macht, ja sogar zugibt, sich mit Erdogans Türkei einfach einigen zu müssen, aber bei Putin die Regel aufstellt, dass jede Art von Zugeständnis an „diesen zweiten Hitler“ (O. Zitat des Experten in Nichts und Einpeitschers in allem) einen Akt des Hochverrats an der westlichen Wertegemeinschaft darstelle.

Meine Idee war so simpel, wie vielleicht auch närrisch: Der ganze Ärger mit dem einstmals „lupenreinen Demokraten“ Putin fing an, als die NATO beschloss sich direkt bis vor seine Haustür auszudehnen. Und weil ich nun mal ein absoluter Fan von aus der Geschichte gezogenen Lehren bin, schlug ich in meiner Unbedarftheit vor, dass man der Ukraine einen Staatsvertrag wie seinerzeit die Alliierten mit Österreich anbieten sollte:
Die Völkerrechtlich garantierte militärische Neutralität im Gegenzug für politische Unabhängigkeit von Russland und freien Zugang zu westlichen Märkten. Hernach von seinen Einkreisungsängsten befreit, sollte Putin sich nun seinerseits bereit erklären Syrien den Syrern zu überlassen und Assad kommt auf den Abfallhaufen der Geschichte, wo er hingehört.

Das mag ja alles naiv sein, was ich mir da vorstelle – nur macht es für mich absolut keinen Sinn fortwährend Friedensgespräche über Syrien zu führen, die schon vom Ansatz her zum Scheitern verurteilt sind, weil die beiden Hauptakteure (USA und Russland) viel zu sehr damit beschäftigt sind sich gegenseitig an der Gurgel zu liegen, als das sie sich noch groß um die lokale Bevölkerung kümmern könnten.
Doch war ich nicht darauf gefasst anschließend lautstark und vor allen Anwesenden ob meines „moralischen Relativismus“, meines „Verrats an Europa“ als „Antidemokrat“ und „Putinversteher“ gebrandmarkt zu werden.
Meine Vergleiche seien von Böswilligkeit geprägt, denn der mörderische Diktator Ägyptens Fattah as-Sisi sei ein guter Mann, im fundamentalistischen Saudi Arabien „würden lediglich legitime Interessen vertreten“ und es sei überhaupt eine Frechheit die Handlungen des „moralisch überlegenen Westens“ (wie z.B. extrajudicial killings oder die Tötungsdrohungen gegen den – seiner Ansicht nach „zwielichtigen“ – Julian Assange) mit den Handlungen eines Mordbuben wie Putin auf gleicher Höhe zu vergleichen. Wohl gemerkt, dieser Experte in allen Fragen der Weltpolitik war noch nie in den USA, Russland, Ägypten oder in sonst einer der Gegenden dieses verbalen Gewaltmarsches gewesen. Seine durchaus bemerkenswerte Herabkanzelung meiner Person wurde schließlich damit gekrönt, dass der Herr Parteifunktionär quer durch den Saal lief und lauthals verkündete, dass er „bei Leuten wie mir einfach nur noch die Kräze bekämme“.

Vielleicht sollte er mit seinem flotten Cabrio mal den Hautarzt aufsuchen, denn irgendwo juckt es ihn offensichtlich so sehr, dass ihm jedwedes Verständnis für Meinungsfreiheit abhandengekommen ist. Was ich bei einem Vertreter der zweitgrößten Volkspartei Deutschlands doch schon für recht bedenklich halte. Jedenfalls ist mir nun für ein paar weiter Jahre jedwedes Interesse daran „Politik zu machen“ abhanden gekommen.