Über mich

Wer ich glaube dass ich bin,
was treibt mich um und geht mir durch den Sinn.

Blick auf Pitigliano

Matthias Brinker / pixelio.de

Land- und Lebensgeschichten
Als ich gegen Ende 2013, nach einem schweren Projekt und der ziemlich dramatischen Trennung von meiner damaligen Verlobten, Erholung in den Città di Tufo der Toskana suchte, da verbrachte ich viele sehr erholsame Wochen bei einer Deutsch-Italienerin in der Nähe von Pitigliano. Die kleine, als Wehrdorf gegründete, Stadt thront auf einem Felsplateau, inmitten einer Landschaft die durch enorme vulkanische Explosionen in der Erdgeschichtlich relativ jungen Zeit von vor dreihunderttausend Jahren aus glühender Lava geformt wurde.
Die ganze Gegend ist Geschichte. Es gibt dort nicht einen Stein welcher nicht von dem Blut, dem Schweiß und den Tränen derer erzählt die hier seit den Zeiten der Etrusker versuchten dem blanken Fels ein bescheidenes Leben abzuringen.
Meine eigene Hauswirtin hatte eine sehr traumatische Kindheit voller Diskriminierung hinter sich, weil sie sich als Mädchen nicht den Vorurteilen einer erzkonservativ-katholischen Umgebung unterwerfen wollte. Ihre Ehe zu einem der „High Profile“ Manager eines international tätigen Weltkonzerns verlief gleichfalls nicht besonders glücklich. Und so kam sie nach vielen Jahren wieder in ihre alte Heimat zurück, um Ruhe und Frieden an der Seite ihrer einst verschmähten Jugendliebe zu finden.

Müde des immer gleichen Pfades
Ich musste lange über diesen verschlungenen, und am Ende auf sich selbst zurückführenden, Lebensweg nachdenken, während ich die alten Eselspfade in die Schlucht hinab, und zur Stadt hinauf stieg, wieder und immer wieder.
Enge Gassen die in den harten Berg gehauen wurden, und deren felsige Stufen bereits von Alter und Abnutzung gebeugt waren als die Etrusker diese Landschaft noch als junges Volk durchwanderten. Vorbei an den Gräbern großer Fürsten, deren Knochen lang vermodert und zerfallen sind. Noch bis in die 50’er Jahre des letzten Jahrhunderts musste jedes Gramm Ware, jeder Liter Wasser auf dem Rücken von Mensch und Tier diese Bergwände hinaufgeschleppt werden – so wie es schon die Väters-Väter vor tausenden von Jahren taten.
Irgendwann hatte ich keine Lust mehr, der Pfad seinen Charme verloren und ich war es müde diesen Weg immer wieder von neuem zu durchklettern. Und musste doch erneut hinab und wieder hinaufsteigen. Da überkam mich die Erkenntnis meines Lebens wie ein Dammbruch.

Hier weiterlesen über den Hass.
koreanische Flüchtlinge

Koreanische Kriegsflüchtlinge / Wiki-Commons


Als im Sommer 2015 Angela Merkel, als Mutter der Nation, vor das verunsicherte Volk trat und verkündete „Wir schaffen das!“, und mit „das“ meinte, tausenden von notleidenden Menschen eine menschenwürdige Zukunft zu geben, da war ich einen kurzen Moment lang richtig stolz darauf Deutscher zu sein.
So wie ich vor 9/11 richtig stolz darauf war eingebildeter Amerikaner zu sein.
Aber dann holte uns alle wieder die Realität der Macht und des Machbaren ein. Angela Merkel blieb allein, ja nicht mal aus dem linken Lager bekam sie eindeutige Unterstützung. Alle etablierten Parteien begannen plötzlich wieder Begriffe aus dem Wörterbuch des Unmenschen zu benutzen, da wurde und wird von „Wellen“ und von „Überschwemmung“ geredet. Es wird von „Überforderung“ schwadroniert, und dabei versuche ich noch immer herauszufinden, wer hier von wem Zuviel fordert.
Als es darum ging, die Bänker der westlichen Welt aus deren selbstverschuldeter Misere zu retten, da hatte man Billionen (mit einem ‚B‘) an Euro, Dollar und Pfund innerhalb von Tagen für diese bereitgestellt.
Doch jetzt, da es darum geht, hunderttausende von Menschen zu retten, redet ein jeder nur noch davon, die Fenster und Türen dicht zu machen und die Tore zu verrammeln. Und das nur wenige Wochen vor Weihnachten – dem Fest, welches an das Schicksal des Flüchtlings Jesus Christus erinnern soll. Wissen Sie, woran ich denken muss, wenn ich diese Trecks von gepeinigtem menschlichem Elend sehe?
Ich denke an meine Tante Dora, an Oma Lene und an Großvater Hugo im Kurlandkessel.

Ich glaube immer weniger an die Lernfähigkeit des Menschen, und nähere mich rapide dem Zeitpunkt, wo ich mich dem Statement der geschundenen Kreatur am Ende von Coppolas Film ‘Frankenstein’ anschließen möchte: „I have had enough of man“
Momentan erscheint mir als Siedlungsort Antarktika immer attraktiver – und ich meine das ganz ohne Ironie.

Mehr über den Autor erfahren Sie hier.
Während meiner Zeit in England letztes Jahr verbrachte ich sechs Monate auf der Insel der isolierten [Un]Glückseligkeit und war dabei bemerkenswerterweise Teil eines IT-Projektes, dessen Belegschaft kaum internationaler hätte sein können, wenn Kofi Annan die Mannschaftsauswahl getroffen hätte.
Auch wenn die “vor Brexit” Stimmung überall auf den Straßen und in den Medien zu spüren war – und Schande über jeden angelsächsischen Insulaner, der im Nachhinein behauptet vom Ausgang des Referendums überrascht worden zu sein – auf dem Projekt waren wir alle eine fröhlich integrierte multikulti Völkerfamilie.
Moslem saß neben Hindu, saß neben Christ, saß neben Atheist und man unterhielt sich über alle Rassen, Klassen und Kastengrenzen hinweg sprichwörtlich über “Gott und die Welt”.

Der Star unseres Langtisches war ein jung gebliebener Inder in seinen späten Vierzigern, der den für ihn passenden Spitznamen “Jazz” sein eigen nannte. Er war dauernd zu Scherzen aufgelegt, dabei hochintelligent und wissenschaftlich, wie kulturell sehr bewandert. Ja er nahm den nicht zu unterschätzenden Stress auf sich, der schon mit kleinsten Reisen von und auf die Insel verbunden sein kann, um übers Wochenende nach Athen zu fliegen und sich die Akropolis anzusehen.
Ein echter europäischer Kulturreisender und dabei einer, der nicht mal in Europa geboren ward.
Doch gelegentlich stolperte man über seinen ironisch-sarkastischen Humor, bei dem Versuch miteinander über Ernsthafteres als den lokalen Wetterbericht ins Gespräch zu kommen. Eine Art Schutzmechanismus, der oft von denen benutzt wird, die um die Vergeblichkeit wissen sich seriös über allzu vorurteilsbehaftete Themenkomplexe zu unterhalten.
So brauchte es eine Weile, bis wir einander nahe genug kamen, dass er mir sein Religionsbekenntnis offenbarte. Er gab an ein gläubiger Sikh zu sein, doch fiel es mir anfangs schwer dies zu akzeptieren, ja ich hielt dieses Statement nur für einen weiteren seiner vielen Scherze. Denn Jazz trug keinen Turban, hatte seine Kopfbehaarung sorgsam abrasiert, und er hatte auch kein Problem damit, gelegentlich Fleisch zu essen.
Jeder, der sich mit Sikhismus auskennt, weiß das er damit gegen die Grundsätze der religiösen Orthodoxie seines Glaubens verstieß – einer Religionsgemeinschaft, die interessanterweise ursprünglich geformt worden war, um den Menschen des nördlichen Indien eine friedfertige Alternative zu den einengenden Orthodoxien von Islam und Christentums zu offerieren.
Jazz offenbarte mir, dass ihm vor vielen Jahren sein – streng religiöser – Großvater die gleichen Vorhaltungen gemacht hatte. Er jedoch sah nirgendwo in seinem heiligen Buch – dem Guru Granth Sahib – geschrieben, dass langes Haupthaar und ein voller Bart, nebst Turban, zwingend erforderlich seien, um ein guter Sikh zu werden. Damit hatte er zweifelsohne ebenso recht, so wie viele Moslems welche die Vollverschleierung von Frauen ablehnen oder Christen, welche mit Homophobie nichts am Hut haben. Aber was in den heiligen Büchern steht, ist eine Sache, was die Mehrheit der Gläubigen daraus macht ist jedoch eine ganz andere.
So insistierte ich Jazz gegenüber: „Du kannst dich doch nicht als Einzelner gegen die Glaubensüberzeugung der ganzen Gemeinde stellen – da verlierst Du doch!“
In einem seiner seltenen tiefernsten Momente lehnte Jazz sich zu mir herüber und meinte: „Diese Regeln wurden ursprünglich eingeführt damit sich meine Leute in Zeiten von gegen uns gerichteten Feindseligkeiten und Kriegen untereinander erkennen und miteinander identifizieren konnten. Solange ich unbedrängt in einer offenen und toleranten Gesellschaft meinen Glauben unbedrängt praktizieren kann, brauche ich diese ‘Erkennungsmerkmale’ nicht – doch in dem Moment, wo man mir das Tragen des Turbans oder eines Vollbartes verleiden oder gar verbieten wollte, würde ich bis zu meinem Tod dafür kämpfen, weithin sichtbar als Sikh durch die Lande zu schreiten.“

Ein altes Gesetz der Physik besagt, dass jeder Druck Gegendruck erzeugt – so einfach ist das und doch so kompliziert.

So musste ich heute Morgen an Jazz denken, als ich auf dem Weg zur Arbeit im Autoradio von einem neuen geplanten TV Auftritt des viel gefeierten deutschen Fernsehrüpels Jan Böhmermann erfuhr. Vor vielen Wochen war auch ich entsetzt, als man mir in den Medien davon erzählte, wie ein übler Schurke aus Ankara sich erdreistete, einem deutschen Denker das Dichten verbieten zu wollen.
Meine uninformiert wütende Entrüstung hielt bis zu dem Moment an, da sich ein übereifriger CDU Bundestagsabgeordneter dazu verstieg, besagtes “Gedicht” in voller Länge im Plenum zu zitieren. Und auch wenn ich für mich selbst nicht einmal den Status eines begnadeten Hobby Poeten in Anspruch nehme, so konnte ich doch dieser böhmermannschen Ekeltirade beim besten Willen nichts “künstlerisch wertvolles” abgewinnen.
Die “Freiheit der Kunst” hat bei mir da ihre Grenzen, wo künstlich, krampfhaft darauf Wert gelegt wird, jemand anderen persönlich zu beleidigen. In seinem Schmähtext beschimpft der besagte deutsche Medienstar nicht Erdogan den Politiker, nicht einmal den osmanischen Gernegroß und Möchtegernsultan vom Bosporus – obgleich sich da trefflich anknüpfen ließe.
Nein, Herr Böhmermann legte besonderen Wert darauf, den Menschen Erdogan, mit der türkischen Flagge als Hintergrund, als Päderasten und Sodomiten mit extrem-erotischer Hingabe zum Hornvieh, darzustellen – inklusive der erkenntnisreichen Unterstellung, dass es in Erdogans Unterhose stark nach Döner rieche.
Man stelle sich den Entrüstungssturm im deutschen Blätterwald vor, hätte sich das polnische Parlament derart schützend vor einen Schmähredner von der Weichsel gestellt, welcher Merkel zuvor dichtenderweise als Kinderschänderin abtitulierte hätte.
Ja, auch und gerade in Polen muss man sich als deutscher Politiker viele Demütigungen durch die Medien gefallen lassen – nur erhalten diese keine offiziellen Weihen aus den Reihen des Sejm und bleiben in der Regel auch nördlich der Gürtellinie stehen.

All diese Gedanken gingen mir heute Morgen durch den Kopf – und mir wurde klar, warum ich in Herrn B. jetzt nur noch einen unwürdigen Verbalschmieranten sehe, obgleich ich ihn noch vor wenigen Wochen als Helden „meiner Meinungsfreiheit“ empfand. Es waren die dümmlichen Islamophobien, welche sich auch auf meiner Facebook-Seite austoben wollten – und dabei bin ich nicht mal Moslem und schon gar kein Türke.
Wie gesagt, Druck erzeugt Gegendruck – und so denke ich mittlerweile ernsthaft darüber nach, mal wieder eine Moschee zu besuchen und im Koran zu lesen.
Perspektivlosigkeit ist nicht immer von Nachteil, jedenfalls dann nicht, wenn einem erst ein Wechsel der Blickrichtung die Sinnlosigkeit des eigenen Strebens offenbart.
Einfacher formuliert: Der Hamster dreht so lange fröhlich am Rad, wie er noch meint sein Kreisrennen gewinnen zu können. Erst wenn so ein übereifriger Nager aus seiner Exerziermaschine heraus tritt und erkennt, dass er sich, trotzt allen Gerennes, nicht einen Zoll von der Stelle bewegt hat und ergo immer noch im gleichen Käfig gefangen ist, dürften vielleicht bei dem ein oder anderen Exemplar seiner Art gewisse Zweifel ob der Sinnhaftigkeit solchen Tuns aufkommen – oder vielleicht auch nicht.
Auch wenn meine Ernährung nicht aus Mohrrüben und infantilen Streicheleinheiten besteht, so habe auch ich einen Käfig – “Büro” genannt – und drehe darin gleichfalls täglich am Rad, mindestens so viel, wie jeder Hamster der was auf sich hält.
Nach einem derart unerfreulich langen und exquisit unproduktiven Arbeitstag freute ich mich auch heute darauf, wenigstens dem Abend noch einen sonnendurchwirkten Spaziergang abzuringen.
Inmitten des Grenzlandes, zwischen urbaner Vorstadt und kleinbäuerlichem Ackerland, das meine derzeitige Heimstatt auf Zeit ausmacht, nahm ich also meinen vierbeinigen Kumpel an die Leine und zusammen machten wir uns auf den Weg die Waldstraße entlang. Kaum hatten wir die erste Biegung aus der Siedlung heraus hinter uns gebracht, da bemerkte ich auch schon eine ältere blonde Frau, welche uns mit ihrem großen Setterhund entgegenkam.

Wichtel Äffchen – ich hab dich ganz doll lieb
Mein Witbooi ist ein Findelkind, den ich als kleinen Welpen inmitten der Ödnis der Wüstenreservation der Navajos im nördlichen Neu Mexiko fand. Dort halten sich die Einheimischen Hunde als lebende Alarmanlagen, ohne dabei viel Emotion an das Tier an sich zu vergeuden. Und halbe Tage vom nächsten Polizeirevier entfernt, ist es überlebenswichtig, dass die Hunderasse, welche man sich für diesen Zweck heranzüchtet, extremst aufmerksam, neugierig und doch auch allen Fremden gegenüber misstrauisch ist. Zugleich sollten sie aus dem Stand heraus bereit sein, sich jedes Angreifers, egal ob Mensch oder Tier, zu erwehren.
Kurz gesagt, mein kleiner Kumpel ist sehr speziell in der Wahl seiner Freunde und das haben wir zwei gemeinsam. Leider begreift das nicht jeder Couch verwöhnte Vorstadtschoßhund und so halte zumindest ich mich mit ideologischer Inbrunst an die Leinenpflicht in stadtnahen Gebieten. Da ich ihn außerdem in solchen Situationen in Ruhestellung verharren lasse, gäbe es eigentlich keine Probleme – wenn, ja wenn es da nicht immer wieder, neben vielen denen die Leinenpflicht eh am Allerwertesten vorbeizugehen scheint, nicht auch solche gäbe, die meinten, nur weil sie mal drei Folgen vom Hundeflüsterer in Reihe gesehen haben, nun selbst Experten in Sachen Hundeerziehung zu sein.
Nebenbei bemerkt, mein vierbeiniger Freund war bereits in einem guten Dutzend Hundeschulen, sogar in einer, die von einem Adepten von Cesar Millan geführt wird. Dort haben mir alle Experten bestätigt, dass mein Hund weder bösartig noch überhaupt in “Problemhund” sei, sondern einfach nur seiner Natur gemäß agiert. Und in der Tat sind die Vorgärten der Siedlung hier, voll von Kläffern, die regelrecht durchdrehen, wenn ich mit meinem Kleinen ganz ruhig an “ihrem Gartenzaun” vorbeigehe.
Doch sind deren Besitzer gute, weiße Deutsche. Ich dagegen bin, in den Augen vieler, ein Farbiger weiß-der-Geier-was, mit einem schwarz glänzenden Hund, der eine Reihe blitzblank polierter und zugegebenermaßen beeindruckend großer Zähne sein eigen nennt. Dabei ist er von Haus aus weder aggressiv noch kämpferisch veranlagt, aber er besteht darauf zu ergründen, was einer der sich ihm nähert, im Schilde führt – egal ob Mensch oder Tier. Er tut also genau das, wofür seine Vorfahren einst gezüchtet wurden.
Zwar hat sogar mein Vermieter einen noch größeren Hund, mit noch bemerkenswerteren Zähnen, der regelrechte Knurrorgien hinlegt, ohne dass es dafür irgendeines besonderen Anlasses bedürfte. Doch ist sein Herrchen ein Deutscher, der auch so aussieht und er genießt dementsprechend eine größere Narrenfreiheit, als ich sie hierzulande in Anspruch nehmen kann.

Und so geschah heute – mal wieder – das wohl von Zeit zu Zeit Unvermeidliche:
Ich stand ganz ruhig am Waldesrand, mit meinem ebenfalls ruhigen Hund fest unter Kontrolle und in Habachtstellung und bedeutete der Frau auf der anderen Straßenseite, dass sie bitte einfach nur weitergehen möge. Sie jedoch glaubte sich berufen direkt vor mir anzuhalten, um mich darüber zu belehren, dass mein Hund wohl noch einer entsprechenden Abrichtung bedürfe: „Na, Sozialverhalten müssen wir wohl erst noch lernen, gelle?
Bei diesen Worten sah sie mich an und ihr Hund starrte meinen an – woraufhin Letzterer seiner Natur gemäß reagierte und ich meine liebe Mühe hatte, die Kontrolle zu behalten bzw. nicht selbst die Beherrschung zu verlieren. Dies wiederum spornte Frau Besserwisser dazu an, mir erst recht die Leviten lesen zu wollen, woraufhin ich dann ihr die Grenzen meiner Geduld anzeigte.
Was als problemfreier, sonniger Spaziergang angedacht war, endete beinahe in Geschrei und Gekreische und fand mich mit einem viel höheren Blutdruck den Weg entlang stampfen, als ihn mir all der vorhergegangene Frust im Büro hatte bescheren können.
Warum erzähle ich nun davon? Fürwahr, dies war weder das erste noch wird es das letzte Mal sein, das mir jene typisch teutonische Kombination von sozialer Schnüffelei und besserwisserischer Hysterie den Tag vermiest.

Aber genau das ist es ja – so etwas widerfuhr mir, in meinen vielen Jahrzehnten der Weltenwanderschaft, immer nur in Deutschland. Niemals in England, Schottland, Tschechien, Polen, dem Baltikum, Italien, den USA, Kanada oder Mexiko – ja selbst im hundeunfreundlichen Ägypten ist mir so etwas nicht vorgekommen – und wäre dort wohl auch ziemlich undenkbar.
Denn in solchen Ländern steckt man aus Prinzip seine Nase nicht in anderer Leute Angelegenheiten und gibt Fremden keine “schlauen” Ratschläge, um welche diese nicht zuvor gebeten haben. Und wer es doch macht, der ist auch sogleich als “Busybody” verschrien.
Ein Schimpfwort, für Leute, die sich allzu sehr ob anderer Leute Augensplitter erregen, und ein Begriff, für den es bezeichnenderweise im Deutschen keine rechte Entsprechung gibt – denn hierzulande gilt ein solches Verhalten nicht als verdammenswert.
Im Gegenteil, es herrscht in Deutschland, bei weiten Teilen der einheimischen Bevölkerung, eine kulturelle Blockwartmentalität vor, die einen unnachgiebigen Druck zur Ein- und oft auch Unterordnung des Individuums unter die Verhaltensnormen des Kollektivs für erstrebenswert hält und dabei die Aufgabe der eigenen Persönlichkeit mit “Integration” verwechselt.

Schon als Kind erfuhr ich, dass die Gemeinschaft, die ja angeblich immer alles besser weiß als der Einzelne, glaubte meiner einen besonders intensiv darauf hinweisen zu müssen “wo es lang geht”. Selbst wenn diese Volksgenossen bereits gezeigt hatten, dass sie nicht mal wussten, wo vorne und wo hinten war in ihrem eigenen Leben.
Dabei musste ich auch schon lange vor Gustl Mollath & Co vorsichtig sein, mich mit solchen Beschwerden nicht in die Nähe von paranoiden Verfolgungsängsten zu begeben.
Denn eines der beliebtesten Totschlagsargumente von Protagonisten des konformistischen Status quo war von jeher: „Das bildest du dir alles nur ein!
Nur in Deutschland passiert es mir, dass vollkommen Fremde, vom Dating Portal bis hin zum Spaziergang auf der Straße, absolut unvermittelt meinen, mich ob meines vorgeblichen “Cowboyhuts” zur Rede stellen zu können:
„Auf so einen wie dich haben wir hier gerade noch gewartet …“, war dabei noch eine der gemäßigteren Ansagen, welche ich mir anzuhören hatte. So etwas passiert mir in D immer wieder: Bei der Fahrt im Bus, beim Gang durch die Stadt oder auf der Arbeit auf dem Weg zur Kantine. Hingegen hat sich nie jemand in Assuan, London, Rom, Kopenhagen, Antwerpen oder Glasgow darüber erregt, dass ich einen Hut trage und in Fünf-Finger Schuhen durch die Landschaft schreite. Die “autochthonen Teutschen” tuen dies hingegen mit beständig unangenehm hoher Häufigkeit. Dabei ist offensichtlich, dass sich hierzulande auch viele Weiße einen Hut erlauben, von den krachledernen Urtümlichkeiten bajuwarischer Kleiderfolklore ganz zu schweigen. Nur sind jene anderen Kleiderträger halt “gute weiße Deutsche”.
Von jemandem wie mir erwartet man jedoch, dass ich meine “Loyalität zur Leitkultur” (woraus auch immer diese bestehen mag) durch eine besonders konforme Kleiderwahl und entsprechend devotes Auftreten in der Öffentlichkeit (nebst unterwürfigem Wauwau) kundtue.
Nur gibt es da ein nicht so kleines Problem: Ich kann nämlich Onkel Tom nicht ausstehen und behalte mir das (Menschen)Recht vor, jedem Dumm zu kommen der mir so kommt. Ja, ich bin ein unbotmäßiger “Neger”, denn mich hat niemand gefragt, ob ich in Deutschland geboren werden wollte oder dort aufwachsen möchte. Also habe ich auch wirklich nicht die geringste Motivation, untertänigst meine Dankbarkeit dafür vor mich herzutragen, “hier leben zu dürfen”.
Ich kann hier sein, weil dies mein Geburtsrecht ist – und ein verdammt teuer Bezahltes dazu.

Gestern Abend lief im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mal wieder eines jener “Hart aber (Un)Fair” TV Rituale ab, in denen reflexhaft auf den jeweils zum kollektiven Abschuss freigegebenen Emmanuel Goldstein verbal eingedroschen wird – dieses Mal personifiziert durch einen Testosteron geschädigten Midlife Crisler namens Erdogan, der nicht einmal in Deutschland, sondern im fernen Ankara sein Unwesen treiben soll, und dabei immer noch offiziell, als einer der engsten Verbündeten Deutschlands gilt.
Was man bei anderen Völkern und Weltenlenkern allzu gerne als Heuchelei brandmarkt, wird in Deutschland nun schon seit vielen Monaten mit einem Formalismus praktiziert, der in ekelhafter Weise vorhersagbar ist:
Man pikiert sich über den, immerhin frei gewählten, Mann vom Bosporus, ohne selber auch nur die geringste Ahnung von der Türkei zu haben, obgleich man vielleicht selbst gerade noch im letzten Urlaub dort war und nutzt praktischerweise die Gelegenheit auch noch gleich zum Rundumschlag, gegen alle Burkaträger, Fünfmal-am-Tag-Gottanbeter und dunkelhäutigen Doppelpässler.
Wohlgemerkt, gute, hellhäutige Russen mit Deutschem Schäferhund im Stammbaum (aka “Russlanddeutsche”), dürfen ruhig mit so vielen Pässen, wie es der Zarin gefällt, durchs Leben laufen – denn wahrhaft Deutscher kann nur sein, wer deutschen oder artverwandten Blutes ist.
So was weiß man doch, gelle?!

Ein böser Schelm, wer etwa daran dächte Siebenbürger Sachsen ihre, über die Jahrhunderte sorgsam gepflegte, Integrationsunfähigkleit vorzuwerfen, oder von den USA die Abschaffung der Todesstrafe als Vorbedingung für TTIP und visafreien Reiseverkehr verlangte.
Wer wollte es wagen, katholischen Nonnen das Betreten öffentlicher Plätze in ihrer Ordenstracht zu untersagen, oder ostdeutschen FKK’lern ihren Nacktbadespleen abspenstig zu machen.
Sollte aber einer Muslima der Sinn danach stehen, sich nicht an der neuzeitlich hedonistischen Fleischbeschau a la Vogue und Cosmopolitan zu beteiligen und sich gar per Kopftuch und anderen Bekleidungstücken dem streng urteilenden Blick der Leitkultur zu entziehen, dann, ja dann muss die herrschende Kultur (der Herrenmenschen?) den Beherrschten zeigen, was in Deutschland wahre Freiheit ist.

Im Lande des Arminius hat jeder Ausländer – oder wer auch nur so aussieht – die “Freiheit” sich bedingungslos unterzuordnen, oder die Koffer zu packen und abzuhauen!

Und gegen Ende der Sendung wurde dann auch noch der sprichwörtlich leisetreterische türkisch-deutsche Jungakademiker vorgeführt, der geziemend devot um Verständnis für seinesgleichen bat.
Da wollte ich schon ausrufen „Allah, wie ekelhaft ist alles das!“ – nur muss man als braunhäutiger Mensch heutzutage vorsichtig sein, den Namen einer imaginären Gottheit, der mit ‘A’ beginnt, allzu laut von sich zu geben.

Warum kroch dieser Nachfahre Süleymans und des großen Atatürk da so unnatürlich zu Kreuze?
Weil er zwar in Deutschland aufgewachsen ist, hier zur Schule ging und seine Steuern zahlt und auch bald schon kränkelnden Schrumpfgermanen helfen soll, ihr Leben zu verlängern – aber eben kein Thilo Sarrazin ist.

Von einem wie uns wird erwartet, dass man die “Leitkulturdeutschen” mit gesenktem Kopf und leiser Stimme anspricht, keinen Stolz auf eigene Leistung oder gar die einer Kultur an den Tag legt, welche der Leitenden suspekt erscheint.
Dabei hätte ich mir gewünscht, dass er der versammelten Runde von teutonischen Weltgenesern – plus einem Alibitürken und dem sprichwörtlich unbedarften Blondinchen – den rhetorischen Fehdehandschuh hinwirft: „Wer seit ihr denn, dass ihr mir meiner einem die Freiheiten in Abrede stellt, die ihr jeden Tag ganz selbstverständlich in Anspruch nehmt? Ich kleide mich und gehe auf öffentlichen Wegen spazieren wie ich will und habe genau dasselbe Recht, darob von aller Welt in Ruhe gelassen zu werden, dass ihr auch für euch in Anspruch nehmt!
Gesetze und Verordnungen zu verabschieden, die eine spezifische Kleiderordnung nur für Angehörige bestimmter Religionsgemeinschaften oder Ethnien kodifizieren, wäre nicht nur diskriminierend, es wiederspräche auch den Prinzipien der freien Religionsausübung und verletzte die grundlegendsten Menschenrechte.
Wer Kutten in der Öffentlichkeit verbieten will, der tue dies für alle Religionen. Wer der Muslima ihre Burka und den Niqab abspenstig machen will – um selbst jene zu “befreien”, die nie um Befreiung gebeten haben – der befreie gleichermaßen auch katholische Ordensschwestern oder trauernde italienische Witwen von deren grottenähnlicher Kluft.
Erst heute Morgen kam mir ein Motorradfahrer entgegen, der seine Gesichtszüge nicht nur vermittels einer extra stark getönten Sonnenbrille, sondern auch noch gleich hinter einem Mad Max artigem Mundschutz nebst Bandana verbarg.
Verstehe ich diese ganzen “Muslimabefreiungsversuche” richtig, dass von nun an jeder (weiße) Mann mit nachtschwarzer Sonnenbrille und tief in die Stirn gezogener Sturmkappe in die Bankfiliale darf, aber eine Muslima mit Kopftuch und – Jesus Christus beschütze uns – Gesichtsschleier, nicht mal mehr an der Gemüsetheke bedient werden soll?
Das also bleibt von Freiheit und Menschenrechten übrig, wenn sich die Leitkultur erst mal der beiden bemächtigt hat.
Da ist mir Erdogan lieber, der ist zumindest ehrlich, was seine Dominanzansprüche anlangt. Aber unterordnen würde ich mich keinem dieser “Herrenmenschen”, denn ich bin nicht so wie alle anderen, war es nie und werde es nie sein.

Ich werde von dieser deutschen Leitkultur an mein Anderssein erinnert, seit ich alt genug zum Laufen bin – und mittlerweile gebe ich den Autochthonen Teutonen in diesem einen Punkt recht, denn:
If you are color blind, then you can’t see me!


PS: Mittlerweile wurde ich von meinem Vermieter informiert, dass besagte “Dame” mich, bzw. meinen Hund, beim Ordnungsamt denunziert hat. Da ich nicht vorhabe, mich solch unprovozierten Anfeindungen unterwürfig zu fügen, wird das ganze jetzt also auch noch ein juristisches Nachspiel haben.
Erneute Klarstellung zu meiner Selbstbezeichnung als “Mischlingskind”.

Leider sehe ich mich aus gegebenem Anlass zu weiteren Erläuterungen diesen Punkt betreffend genötigt. “Leider”, weil ich mit Bestimmtheit nicht einzusehen vermag, warum ich mich (noch immer) zu meinem eigenen Ursprung rechtfertigen sollte.
Immer wieder verirren sich Gutmenschen auf meiner Facebook-Seite, die allen Ernstes darauf bestehen – ohne sich dabei von meinem diesbezüglichen Widerspruch auch nur im geringsten Beindrucken zu lassen – das “wir doch alle nur Menschen seien”, “Mischling ein fürchterlicher Ausdruck wäre” (dessen Gebrauch ich dann auch dementsprechend bitte unterlassen sollte) und für gewöhnlich gipfelt das alles in der Aussage: Man sollte das Vergangene ruhen lassen, um hernach umso fröhlicher in die helle, lichte Zukunft zu schreiten.

Weniger blümerant ausgedrückt: Ich hätte mir meine Autobiografie auch gleich sparen können, Schwamm über 5 Jahrzehnte Lebenserfahrung und so tun als hätte es all dass nicht gegeben.
Ich nehme mal stark an, dass die Eltern und Großeltern jener gut meinenden Gedächtnisbereiniger auch schon 1918 und 1945 sehr aktiv zu Gange waren.
Meine Erwiderung, dass meine gemischtrassige Abstammung nun einmal ebenso eine Tatsache darstellt, wie die damit verbundenen einzigartigen Lebenserfahrungen, welche jemand, der nie in solchen Schuhen lief, gar nicht nachvollziehen kann – selbst wenn er/sie dass wirklich wollte (dass wäre so, als ob ich behauptete, ich wüsste, was es hieße “schwanger” zu sein) – wird dabei gemeinhin ziemlich gönnerhaft abgetan. Frei nach dem Motto, “jetzt stell dich mal nicht so an”.
Ich stelle mich aber so an, und wenn ich im sechsten Jahrzehnt meines Lebens noch immer mit den gleichen rassistischen “Volksweisheiten” konfrontiert werde, die mir bereits am Anfang meines Erdendaseins das Leben zur Hölle machten, dann habe ich mir das Recht verdient “mich so anzustellen”.

Ich bin ein farbiger Afro–Deutscher und wer da behauptet er hätte einen farbenblinden Blick auf alle Menschen, der nimmt mich gar nicht wahr!