Aktuelles

Was mir momentan an Nichtigem wichtig erscheint im Leben.

Während meiner Zeit in England letztes Jahr verbrachte ich sechs Monate auf der Insel der isolierten [Un]Glückseligkeit und war dabei bemerkenswerterweise Teil eines IT-Projektes, dessen Belegschaft kaum internationaler hätte sein können, wenn Kofi Annan die Mannschaftsauswahl getroffen hätte.
Auch wenn die “vor Brexit” Stimmung überall auf den Straßen und in den Medien zu spüren war – und Schande über jeden angelsächsischen Insulaner, der im Nachhinein behauptet vom Ausgang des Referendums überrascht worden zu sein – auf dem Projekt waren wir alle eine fröhlich integrierte multikulti Völkerfamilie.
Moslem saß neben Hindu, saß neben Christ, saß neben Atheist und man unterhielt sich über alle Rassen, Klassen und Kastengrenzen hinweg sprichwörtlich über “Gott und die Welt”.

Der Star unseres Langtisches war ein jung gebliebener Inder in seinen späten Vierzigern, der den für ihn passenden Spitznamen “Jazz” sein eigen nannte. Er war dauernd zu Scherzen aufgelegt, dabei hochintelligent und wissenschaftlich, wie kulturell sehr bewandert. Ja er nahm den nicht zu unterschätzenden Stress auf sich, der schon mit kleinsten Reisen von und auf die Insel verbunden sein kann, um übers Wochenende nach Athen zu fliegen und sich die Akropolis anzusehen.
Ein echter europäischer Kulturreisender und dabei einer, der nicht mal in Europa geboren ward.
Doch gelegentlich stolperte man über seinen ironisch-sarkastischen Humor, bei dem Versuch miteinander über Ernsthafteres als den lokalen Wetterbericht ins Gespräch zu kommen. Eine Art Schutzmechanismus, der oft von denen benutzt wird, die um die Vergeblichkeit wissen sich seriös über allzu vorurteilsbehaftete Themenkomplexe zu unterhalten.
So brauchte es eine Weile, bis wir einander nahe genug kamen, dass er mir sein Religionsbekenntnis offenbarte. Er gab an ein gläubiger Sikh zu sein, doch fiel es mir anfangs schwer dies zu akzeptieren, ja ich hielt dieses Statement nur für einen weiteren seiner vielen Scherze. Denn Jazz trug keinen Turban, hatte seine Kopfbehaarung sorgsam abrasiert, und er hatte auch kein Problem damit, gelegentlich Fleisch zu essen.
Jeder, der sich mit Sikhismus auskennt, weiß das er damit gegen die Grundsätze der religiösen Orthodoxie seines Glaubens verstieß – einer Religionsgemeinschaft, die interessanterweise ursprünglich geformt worden war, um den Menschen des nördlichen Indien eine friedfertige Alternative zu den einengenden Orthodoxien von Islam und Christentums zu offerieren.
Jazz offenbarte mir, dass ihm vor vielen Jahren sein – streng religiöser – Großvater die gleichen Vorhaltungen gemacht hatte. Er jedoch sah nirgendwo in seinem heiligen Buch – dem Guru Granth Sahib – geschrieben, dass langes Haupthaar und ein voller Bart, nebst Turban, zwingend erforderlich seien, um ein guter Sikh zu werden. Damit hatte er zweifelsohne ebenso recht, so wie viele Moslems welche die Vollverschleierung von Frauen ablehnen oder Christen, welche mit Homophobie nichts am Hut haben. Aber was in den heiligen Büchern steht, ist eine Sache, was die Mehrheit der Gläubigen daraus macht ist jedoch eine ganz andere.
So insistierte ich Jazz gegenüber: „Du kannst dich doch nicht als Einzelner gegen die Glaubensüberzeugung der ganzen Gemeinde stellen – da verlierst Du doch!“
In einem seiner seltenen tiefernsten Momente lehnte Jazz sich zu mir herüber und meinte: „Diese Regeln wurden ursprünglich eingeführt damit sich meine Leute in Zeiten von gegen uns gerichteten Feindseligkeiten und Kriegen untereinander erkennen und miteinander identifizieren konnten. Solange ich unbedrängt in einer offenen und toleranten Gesellschaft meinen Glauben unbedrängt praktizieren kann, brauche ich diese ‘Erkennungsmerkmale’ nicht – doch in dem Moment, wo man mir das Tragen des Turbans oder eines Vollbartes verleiden oder gar verbieten wollte, würde ich bis zu meinem Tod dafür kämpfen, weithin sichtbar als Sikh durch die Lande zu schreiten.“

Ein altes Gesetz der Physik besagt, dass jeder Druck Gegendruck erzeugt – so einfach ist das und doch so kompliziert.

So musste ich heute Morgen an Jazz denken, als ich auf dem Weg zur Arbeit im Autoradio von einem neuen geplanten TV Auftritt des viel gefeierten deutschen Fernsehrüpels Jan Böhmermann erfuhr. Vor vielen Wochen war auch ich entsetzt, als man mir in den Medien davon erzählte, wie ein übler Schurke aus Ankara sich erdreistete, einem deutschen Denker das Dichten verbieten zu wollen.
Meine uninformiert wütende Entrüstung hielt bis zu dem Moment an, da sich ein übereifriger CDU Bundestagsabgeordneter dazu verstieg, besagtes “Gedicht” in voller Länge im Plenum zu zitieren. Und auch wenn ich für mich selbst nicht einmal den Status eines begnadeten Hobby Poeten in Anspruch nehme, so konnte ich doch dieser böhmermannschen Ekeltirade beim besten Willen nichts “künstlerisch wertvolles” abgewinnen.
Die “Freiheit der Kunst” hat bei mir da ihre Grenzen, wo künstlich, krampfhaft darauf Wert gelegt wird, jemand anderen persönlich zu beleidigen. In seinem Schmähtext beschimpft der besagte deutsche Medienstar nicht Erdogan den Politiker, nicht einmal den osmanischen Gernegroß und Möchtegernsultan vom Bosporus – obgleich sich da trefflich anknüpfen ließe.
Nein, Herr Böhmermann legte besonderen Wert darauf, den Menschen Erdogan, mit der türkischen Flagge als Hintergrund, als Päderasten und Sodomiten mit extrem-erotischer Hingabe zum Hornvieh, darzustellen – inklusive der erkenntnisreichen Unterstellung, dass es in Erdogans Unterhose stark nach Döner rieche.
Man stelle sich den Entrüstungssturm im deutschen Blätterwald vor, hätte sich das polnische Parlament derart schützend vor einen Schmähredner von der Weichsel gestellt, welcher Merkel zuvor dichtenderweise als Kinderschänderin abtitulierte hätte.
Ja, auch und gerade in Polen muss man sich als deutscher Politiker viele Demütigungen durch die Medien gefallen lassen – nur erhalten diese keine offiziellen Weihen aus den Reihen des Sejm und bleiben in der Regel auch nördlich der Gürtellinie stehen.

All diese Gedanken gingen mir heute Morgen durch den Kopf – und mir wurde klar, warum ich in Herrn B. jetzt nur noch einen unwürdigen Verbalschmieranten sehe, obgleich ich ihn noch vor wenigen Wochen als Helden „meiner Meinungsfreiheit“ empfand. Es waren die dümmlichen Islamophobien, welche sich auch auf meiner Facebook-Seite austoben wollten – und dabei bin ich nicht mal Moslem und schon gar kein Türke.
Wie gesagt, Druck erzeugt Gegendruck – und so denke ich mittlerweile ernsthaft darüber nach, mal wieder eine Moschee zu besuchen und im Koran zu lesen.
Perspektivlosigkeit ist nicht immer von Nachteil, jedenfalls dann nicht, wenn einem erst ein Wechsel der Blickrichtung die Sinnlosigkeit des eigenen Strebens offenbart.
Einfacher formuliert: Der Hamster dreht so lange fröhlich am Rad, wie er noch meint sein Kreisrennen gewinnen zu können. Erst wenn so ein übereifriger Nager aus seiner Exerziermaschine heraus tritt und erkennt, dass er sich, trotzt allen Gerennes, nicht einen Zoll von der Stelle bewegt hat und ergo immer noch im gleichen Käfig gefangen ist, dürften vielleicht bei dem ein oder anderen Exemplar seiner Art gewisse Zweifel ob der Sinnhaftigkeit solchen Tuns aufkommen – oder vielleicht auch nicht.
Auch wenn meine Ernährung nicht aus Mohrrüben und infantilen Streicheleinheiten besteht, so habe auch ich einen Käfig – “Büro” genannt – und drehe darin gleichfalls täglich am Rad, mindestens so viel, wie jeder Hamster der was auf sich hält.
Nach einem derart unerfreulich langen und exquisit unproduktiven Arbeitstag freute ich mich auch heute darauf, wenigstens dem Abend noch einen sonnendurchwirkten Spaziergang abzuringen.
Inmitten des Grenzlandes, zwischen urbaner Vorstadt und kleinbäuerlichem Ackerland, das meine derzeitige Heimstatt auf Zeit ausmacht, nahm ich also meinen vierbeinigen Kumpel an die Leine und zusammen machten wir uns auf den Weg die Waldstraße entlang. Kaum hatten wir die erste Biegung aus der Siedlung heraus hinter uns gebracht, da bemerkte ich auch schon eine ältere blonde Frau, welche uns mit ihrem großen Setterhund entgegenkam.

Wichtel Äffchen – ich hab dich ganz doll lieb
Mein Witbooi ist ein Findelkind, den ich als kleinen Welpen inmitten der Ödnis der Wüstenreservation der Navajos im nördlichen Neu Mexiko fand. Dort halten sich die Einheimischen Hunde als lebende Alarmanlagen, ohne dabei viel Emotion an das Tier an sich zu vergeuden. Und halbe Tage vom nächsten Polizeirevier entfernt, ist es überlebenswichtig, dass die Hunderasse, welche man sich für diesen Zweck heranzüchtet, extremst aufmerksam, neugierig und doch auch allen Fremden gegenüber misstrauisch ist. Zugleich sollten sie aus dem Stand heraus bereit sein, sich jedes Angreifers, egal ob Mensch oder Tier, zu erwehren.
Kurz gesagt, mein kleiner Kumpel ist sehr speziell in der Wahl seiner Freunde und das haben wir zwei gemeinsam. Leider begreift das nicht jeder Couch verwöhnte Vorstadtschoßhund und so halte zumindest ich mich mit ideologischer Inbrunst an die Leinenpflicht in stadtnahen Gebieten. Da ich ihn außerdem in solchen Situationen in Ruhestellung verharren lasse, gäbe es eigentlich keine Probleme – wenn, ja wenn es da nicht immer wieder, neben vielen denen die Leinenpflicht eh am Allerwertesten vorbeizugehen scheint, nicht auch solche gäbe, die meinten, nur weil sie mal drei Folgen vom Hundeflüsterer in Reihe gesehen haben, nun selbst Experten in Sachen Hundeerziehung zu sein.
Nebenbei bemerkt, mein vierbeiniger Freund war bereits in einem guten Dutzend Hundeschulen, sogar in einer, die von einem Adepten von Cesar Millan geführt wird. Dort haben mir alle Experten bestätigt, dass mein Hund weder bösartig noch überhaupt in “Problemhund” sei, sondern einfach nur seiner Natur gemäß agiert. Und in der Tat sind die Vorgärten der Siedlung hier, voll von Kläffern, die regelrecht durchdrehen, wenn ich mit meinem Kleinen ganz ruhig an “ihrem Gartenzaun” vorbeigehe.
Doch sind deren Besitzer gute, weiße Deutsche. Ich dagegen bin, in den Augen vieler, ein Farbiger weiß-der-Geier-was, mit einem schwarz glänzenden Hund, der eine Reihe blitzblank polierter und zugegebenermaßen beeindruckend großer Zähne sein eigen nennt. Dabei ist er von Haus aus weder aggressiv noch kämpferisch veranlagt, aber er besteht darauf zu ergründen, was einer der sich ihm nähert, im Schilde führt – egal ob Mensch oder Tier. Er tut also genau das, wofür seine Vorfahren einst gezüchtet wurden.
Zwar hat sogar mein Vermieter einen noch größeren Hund, mit noch bemerkenswerteren Zähnen, der regelrechte Knurrorgien hinlegt, ohne dass es dafür irgendeines besonderen Anlasses bedürfte. Doch ist sein Herrchen ein Deutscher, der auch so aussieht und er genießt dementsprechend eine größere Narrenfreiheit, als ich sie hierzulande in Anspruch nehmen kann.

Und so geschah heute – mal wieder – das wohl von Zeit zu Zeit Unvermeidliche:
Ich stand ganz ruhig am Waldesrand, mit meinem ebenfalls ruhigen Hund fest unter Kontrolle und in Habachtstellung und bedeutete der Frau auf der anderen Straßenseite, dass sie bitte einfach nur weitergehen möge. Sie jedoch glaubte sich berufen direkt vor mir anzuhalten, um mich darüber zu belehren, dass mein Hund wohl noch einer entsprechenden Abrichtung bedürfe: „Na, Sozialverhalten müssen wir wohl erst noch lernen, gelle?
Bei diesen Worten sah sie mich an und ihr Hund starrte meinen an – woraufhin Letzterer seiner Natur gemäß reagierte und ich meine liebe Mühe hatte, die Kontrolle zu behalten bzw. nicht selbst die Beherrschung zu verlieren. Dies wiederum spornte Frau Besserwisser dazu an, mir erst recht die Leviten lesen zu wollen, woraufhin ich dann ihr die Grenzen meiner Geduld anzeigte.
Was als problemfreier, sonniger Spaziergang angedacht war, endete beinahe in Geschrei und Gekreische und fand mich mit einem viel höheren Blutdruck den Weg entlang stampfen, als ihn mir all der vorhergegangene Frust im Büro hatte bescheren können.
Warum erzähle ich nun davon? Fürwahr, dies war weder das erste noch wird es das letzte Mal sein, das mir jene typisch teutonische Kombination von sozialer Schnüffelei und besserwisserischer Hysterie den Tag vermiest.

Aber genau das ist es ja – so etwas widerfuhr mir, in meinen vielen Jahrzehnten der Weltenwanderschaft, immer nur in Deutschland. Niemals in England, Schottland, Tschechien, Polen, dem Baltikum, Italien, den USA, Kanada oder Mexiko – ja selbst im hundeunfreundlichen Ägypten ist mir so etwas nicht vorgekommen – und wäre dort wohl auch ziemlich undenkbar.
Denn in solchen Ländern steckt man aus Prinzip seine Nase nicht in anderer Leute Angelegenheiten und gibt Fremden keine “schlauen” Ratschläge, um welche diese nicht zuvor gebeten haben. Und wer es doch macht, der ist auch sogleich als “Busybody” verschrien.
Ein Schimpfwort, für Leute, die sich allzu sehr ob anderer Leute Augensplitter erregen, und ein Begriff, für den es bezeichnenderweise im Deutschen keine rechte Entsprechung gibt – denn hierzulande gilt ein solches Verhalten nicht als verdammenswert.
Im Gegenteil, es herrscht in Deutschland, bei weiten Teilen der einheimischen Bevölkerung, eine kulturelle Blockwartmentalität vor, die einen unnachgiebigen Druck zur Ein- und oft auch Unterordnung des Individuums unter die Verhaltensnormen des Kollektivs für erstrebenswert hält und dabei die Aufgabe der eigenen Persönlichkeit mit “Integration” verwechselt.

Schon als Kind erfuhr ich, dass die Gemeinschaft, die ja angeblich immer alles besser weiß als der Einzelne, glaubte meiner einen besonders intensiv darauf hinweisen zu müssen “wo es lang geht”. Selbst wenn diese Volksgenossen bereits gezeigt hatten, dass sie nicht mal wussten, wo vorne und wo hinten war in ihrem eigenen Leben.
Dabei musste ich auch schon lange vor Gustl Mollath & Co vorsichtig sein, mich mit solchen Beschwerden nicht in die Nähe von paranoiden Verfolgungsängsten zu begeben.
Denn eines der beliebtesten Totschlagsargumente von Protagonisten des konformistischen Status quo war von jeher: „Das bildest du dir alles nur ein!
Nur in Deutschland passiert es mir, dass vollkommen Fremde, vom Dating Portal bis hin zum Spaziergang auf der Straße, absolut unvermittelt meinen, mich ob meines vorgeblichen “Cowboyhuts” zur Rede stellen zu können:
„Auf so einen wie dich haben wir hier gerade noch gewartet …“, war dabei noch eine der gemäßigteren Ansagen, welche ich mir anzuhören hatte. So etwas passiert mir in D immer wieder: Bei der Fahrt im Bus, beim Gang durch die Stadt oder auf der Arbeit auf dem Weg zur Kantine. Hingegen hat sich nie jemand in Assuan, London, Rom, Kopenhagen, Antwerpen oder Glasgow darüber erregt, dass ich einen Hut trage und in Fünf-Finger Schuhen durch die Landschaft schreite. Die “autochthonen Teutschen” tuen dies hingegen mit beständig unangenehm hoher Häufigkeit. Dabei ist offensichtlich, dass sich hierzulande auch viele Weiße einen Hut erlauben, von den krachledernen Urtümlichkeiten bajuwarischer Kleiderfolklore ganz zu schweigen. Nur sind jene anderen Kleiderträger halt “gute weiße Deutsche”.
Von jemandem wie mir erwartet man jedoch, dass ich meine “Loyalität zur Leitkultur” (woraus auch immer diese bestehen mag) durch eine besonders konforme Kleiderwahl und entsprechend devotes Auftreten in der Öffentlichkeit (nebst unterwürfigem Wauwau) kundtue.
Nur gibt es da ein nicht so kleines Problem: Ich kann nämlich Onkel Tom nicht ausstehen und behalte mir das (Menschen)Recht vor, jedem Dumm zu kommen der mir so kommt. Ja, ich bin ein unbotmäßiger “Neger”, denn mich hat niemand gefragt, ob ich in Deutschland geboren werden wollte oder dort aufwachsen möchte. Also habe ich auch wirklich nicht die geringste Motivation, untertänigst meine Dankbarkeit dafür vor mich herzutragen, “hier leben zu dürfen”.
Ich kann hier sein, weil dies mein Geburtsrecht ist – und ein verdammt teuer Bezahltes dazu.

Gestern Abend lief im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mal wieder eines jener “Hart aber (Un)Fair” TV Rituale ab, in denen reflexhaft auf den jeweils zum kollektiven Abschuss freigegebenen Emmanuel Goldstein verbal eingedroschen wird – dieses Mal personifiziert durch einen Testosteron geschädigten Midlife Crisler namens Erdogan, der nicht einmal in Deutschland, sondern im fernen Ankara sein Unwesen treiben soll, und dabei immer noch offiziell, als einer der engsten Verbündeten Deutschlands gilt.
Was man bei anderen Völkern und Weltenlenkern allzu gerne als Heuchelei brandmarkt, wird in Deutschland nun schon seit vielen Monaten mit einem Formalismus praktiziert, der in ekelhafter Weise vorhersagbar ist:
Man pikiert sich über den, immerhin frei gewählten, Mann vom Bosporus, ohne selber auch nur die geringste Ahnung von der Türkei zu haben, obgleich man vielleicht selbst gerade noch im letzten Urlaub dort war und nutzt praktischerweise die Gelegenheit auch noch gleich zum Rundumschlag, gegen alle Burkaträger, Fünfmal-am-Tag-Gottanbeter und dunkelhäutigen Doppelpässler.
Wohlgemerkt, gute, hellhäutige Russen mit Deutschem Schäferhund im Stammbaum (aka “Russlanddeutsche”), dürfen ruhig mit so vielen Pässen, wie es der Zarin gefällt, durchs Leben laufen – denn wahrhaft Deutscher kann nur sein, wer deutschen oder artverwandten Blutes ist.
So was weiß man doch, gelle?!

Ein böser Schelm, wer etwa daran dächte Siebenbürger Sachsen ihre, über die Jahrhunderte sorgsam gepflegte, Integrationsunfähigkleit vorzuwerfen, oder von den USA die Abschaffung der Todesstrafe als Vorbedingung für TTIP und visafreien Reiseverkehr verlangte.
Wer wollte es wagen, katholischen Nonnen das Betreten öffentlicher Plätze in ihrer Ordenstracht zu untersagen, oder ostdeutschen FKK’lern ihren Nacktbadespleen abspenstig zu machen.
Sollte aber einer Muslima der Sinn danach stehen, sich nicht an der neuzeitlich hedonistischen Fleischbeschau a la Vogue und Cosmopolitan zu beteiligen und sich gar per Kopftuch und anderen Bekleidungstücken dem streng urteilenden Blick der Leitkultur zu entziehen, dann, ja dann muss die herrschende Kultur (der Herrenmenschen?) den Beherrschten zeigen, was in Deutschland wahre Freiheit ist.

Im Lande des Arminius hat jeder Ausländer – oder wer auch nur so aussieht – die “Freiheit” sich bedingungslos unterzuordnen, oder die Koffer zu packen und abzuhauen!

Und gegen Ende der Sendung wurde dann auch noch der sprichwörtlich leisetreterische türkisch-deutsche Jungakademiker vorgeführt, der geziemend devot um Verständnis für seinesgleichen bat.
Da wollte ich schon ausrufen „Allah, wie ekelhaft ist alles das!“ – nur muss man als braunhäutiger Mensch heutzutage vorsichtig sein, den Namen einer imaginären Gottheit, der mit ‘A’ beginnt, allzu laut von sich zu geben.

Warum kroch dieser Nachfahre Süleymans und des großen Atatürk da so unnatürlich zu Kreuze?
Weil er zwar in Deutschland aufgewachsen ist, hier zur Schule ging und seine Steuern zahlt und auch bald schon kränkelnden Schrumpfgermanen helfen soll, ihr Leben zu verlängern – aber eben kein Thilo Sarrazin ist.

Von einem wie uns wird erwartet, dass man die “Leitkulturdeutschen” mit gesenktem Kopf und leiser Stimme anspricht, keinen Stolz auf eigene Leistung oder gar die einer Kultur an den Tag legt, welche der Leitenden suspekt erscheint.
Dabei hätte ich mir gewünscht, dass er der versammelten Runde von teutonischen Weltgenesern – plus einem Alibitürken und dem sprichwörtlich unbedarften Blondinchen – den rhetorischen Fehdehandschuh hinwirft: „Wer seit ihr denn, dass ihr mir meiner einem die Freiheiten in Abrede stellt, die ihr jeden Tag ganz selbstverständlich in Anspruch nehmt? Ich kleide mich und gehe auf öffentlichen Wegen spazieren wie ich will und habe genau dasselbe Recht, darob von aller Welt in Ruhe gelassen zu werden, dass ihr auch für euch in Anspruch nehmt!
Gesetze und Verordnungen zu verabschieden, die eine spezifische Kleiderordnung nur für Angehörige bestimmter Religionsgemeinschaften oder Ethnien kodifizieren, wäre nicht nur diskriminierend, es wiederspräche auch den Prinzipien der freien Religionsausübung und verletzte die grundlegendsten Menschenrechte.
Wer Kutten in der Öffentlichkeit verbieten will, der tue dies für alle Religionen. Wer der Muslima ihre Burka und den Niqab abspenstig machen will – um selbst jene zu “befreien”, die nie um Befreiung gebeten haben – der befreie gleichermaßen auch katholische Ordensschwestern oder trauernde italienische Witwen von deren grottenähnlicher Kluft.
Erst heute Morgen kam mir ein Motorradfahrer entgegen, der seine Gesichtszüge nicht nur vermittels einer extra stark getönten Sonnenbrille, sondern auch noch gleich hinter einem Mad Max artigem Mundschutz nebst Bandana verbarg.
Verstehe ich diese ganzen “Muslimabefreiungsversuche” richtig, dass von nun an jeder (weiße) Mann mit nachtschwarzer Sonnenbrille und tief in die Stirn gezogener Sturmkappe in die Bankfiliale darf, aber eine Muslima mit Kopftuch und – Jesus Christus beschütze uns – Gesichtsschleier, nicht mal mehr an der Gemüsetheke bedient werden soll?
Das also bleibt von Freiheit und Menschenrechten übrig, wenn sich die Leitkultur erst mal der beiden bemächtigt hat.
Da ist mir Erdogan lieber, der ist zumindest ehrlich, was seine Dominanzansprüche anlangt. Aber unterordnen würde ich mich keinem dieser “Herrenmenschen”, denn ich bin nicht so wie alle anderen, war es nie und werde es nie sein.

Ich werde von dieser deutschen Leitkultur an mein Anderssein erinnert, seit ich alt genug zum Laufen bin – und mittlerweile gebe ich den Autochthonen Teutonen in diesem einen Punkt recht, denn:
If you are color blind, then you can’t see me!


PS: Mittlerweile wurde ich von meinem Vermieter informiert, dass besagte “Dame” mich, bzw. meinen Hund, beim Ordnungsamt denunziert hat. Da ich nicht vorhabe, mich solch unprovozierten Anfeindungen unterwürfig zu fügen, wird das ganze jetzt also auch noch ein juristisches Nachspiel haben.
Psychologen alter Schule bezichtigen die Liebhaber von Sonnenuntergängen gerne depressiver Neigungen. Eine analytische Steilvorlage, die ich schon deshalb bemerkenswert finde, weil mir gerade diese Tageszeit Refugien der Entspannung bietet, welche mir der lichtdurchflutete Arbeitstag allzu oft vorenthält. Für mich hat das Zwielicht der Dämmerung etwas Exklusives, wenn man es im rechten Rahmen genießt – wie zum Beispiel am Ecktisch der Außenterrasse eines guten Restaurants.
Dort ziehe ich mich dann zurück in den Halbschatten meiner imaginären Loge und genieße das Treiben auf dem Bürgersteig, bei gutem Essen und Trinken, als sei es eine Darbietung der Opera buffa.

Jedenfalls hatte ich mir so den Ausklang meines drittletzten Wochenendes auf dem Projekt vorgestellt, als ich mich an diesem Sonntag zu einem kleinen Ristorante begab, um “beim Italiener” mal wieder so richtig gutes “Manjare” zu kosten. Ich bin hier in einer kleinen Stadt in der norddeutschen Tiefebene untergekommen und so malerisch der weitere Einzugskreis um Oldenburg auch sein kann, die Toskana ist es nicht.

Derart motiviert sprach ich den Kellner an, welcher leider wesentlich weniger italienisch verstand, bzw. war, als ich erhofft hatte. Gleichwohl versuchte ich die Namen der romanischen Speisen so originalgetreu auszusprechen, wie mir dies nach über einem Jahr Abwesenheit, vom Land wo die Zitronen blühen, noch möglich war – denn ich habe diese Sprache während meines Aufenthalts an den Ufern des Arno ebenso lieben gelernt, wie die alte Kultur die sie repräsentiert. So hatten wir zwei zwischen Funghi Porcini und Bistecca a’la Fiorentina ein kurzes tête-à-tête über die Cuisine südlich der Alpen, während mir der freundliche Kellner seine eigene Liebe zum Geburtsland seiner sizilianischen Ex-Frau beichtete.
Am Ende bestellte ich mir das teuerste und beste Stück des Menüs, denn dies sollte eines meiner letzten Wochenenden hier vor Ort sein und ein derartiges “privates Abschiedsessen” gehört nun mal zu meiner eigenen kleinen Ritualsammlung. Am Tisch nebenan saß ein deutsches Pärchen, ein Mann nebst Frau mittleren Alters mit ihren zwei kleinen Kindern, alle weiß und bieder, wie es sich gehört. Jeder von uns schien mit sich selbst beschäftigt, was mir nur recht war und so konzentrierte ich mich auf “meine abendliche Theatervorführung“, welche auf dem Boulevard des Lebens (der Straße) an uns vorbeiflankierte.
Das Pärchen stand auf, sammelte seine Kinder ein und beim Herausgehen, auf der Höhe meines Tisches, sagte die Frau, mit dem selbstverständlichsten Tonfall der Welt, zu ihrem Mann gewandt: „Also das ist hier bald wie in Sachsen-Anhalt mit den ganzen Ausländern, die bekommen immer nur das Beste“. Woraufhin ihr Göttergatte in der gleichen ruhigen Tonlage feststelle: „Ja, bald werden wir hier Bürger zweiter Klasse sein. Die sind dann die Elite und wir dürfen denen nur noch dienen“. So schritten beide in die Nacht hinein und ließen mich ziemlich verwirrt zurück.
Denn ich hatte erst zur Jahresmitte noch ein Projekt im Osten der Republik beendet, daher war für mich die Vorstellung absurd, dass es dort irgendein Bundesland gäbe in dem Ausländer (oder solche die auch nur so aussehen), Deutschen gegenüber bevorzugt behandelt würden. Ganz im Gegenteil, in dem Dorf, wo ich abgestiegen war, musste ich mich schon beim Anstellen an der Eisbude vorsehen, nicht von Thor Steinar Liebhabern (wie wär es mal damit, diese Kleidungsstücke zu verbieten?) unsanft an die Unerwünschtheit meiner Präsenz vor Ort erinnert zu werden.

Daneben hätten die beiden wegen ihrer Impertinenz selbst dann nicht als meine Dienerschaft getaugt, wenn ich mir denn jemals eine solche leisten wollte – etwas was mir schon aus Prinzip zutiefst zuwider ist.
Wodurch, anders als durch mein Aussehen und die paar Brocken Italienisch welche ich mit dem Kellner gewechselt hatte, mochte ich diesen Ausbruch wochenendlicher Depression in den beiden wohl ausgelöst haben?
Brachten an dem Abend wahrlich zwei deutsche Eltern ihre Kinder mit dem Gutenachtgruß zu Bett: „Der halbe Neger da im Restaurant, dem werdet ihr in Zukunft dienen müssen!“ ???

Meine nächsten Tischnachbarn waren danach ein zwar sehr viel älteres, aber ebenso treudeutsches Ehepaar, dieses Mal ohne kindlichen Anhang. Sie war lautstark darum bemüht ihrem Ehemann die intellektuelle Unterlegenheit der Amerikaner zu verdeutlichen, denn ihr neulicher Urlaub „da drüben“ hatte sie offenbar zur Expertin für alles Kulturfragen westlich des Atlantiks gemacht: „Diese Amerikaner, die sind so dämlich, na ja vielleich nicht alle von denen, aber ich habe da in der Auslage im Supermarkt Zeitungen gesehen, wo die davon berichtet haben, dass Elvis lebt und von UFOs und so einem Zeug. Also das lesen diese Amis und glauben das auch noch“.
Offenbar war der guten Frau die eine oder andere Ausgabe der Weekly World News oder eines look-alike davon, unangenehm aufgestoßen, denn entgegen dem Wikipedia Eintrag hierzu, erfreuen sich diese “Nonsense Newspapers” immer noch großer Beliebtheit in den USA.

Doch um des lieben Friedens willens behielt ich meine “schlaue Weisheit” für mich, dass die überwiegende Mehrheit der amerikanischen Leser diese “Zeitungen” als genau das ansieht, als was sie gedacht sind: MAD Magazine für Erwachsene.
Nicht mal ein Hillbilly käme auf die Idee so ein Blättchen einer inhaltlichen Kritik zu würdigen, geschweige denn sich nun flugs auf die Suche nach dem wiederauferstandenen Elvis Costello Presley zu machen.
Zu solchen intellektuellen Großtaten bedarf es schon einer deutschen Touristin auf Besserwissertour.

Was mancher über manch andere zu wissen glaubt, würde alle Meerestiefen dieser Welt zum Überfließen bringen.
Doch was davon wahr ist, könnte hingegen nicht mal einen Fingerhut füllen.
Erneute Klarstellung zu meiner Selbstbezeichnung als “Mischlingskind”.

Leider sehe ich mich aus gegebenem Anlass zu weiteren Erläuterungen diesen Punkt betreffend genötigt. “Leider”, weil ich mit Bestimmtheit nicht einzusehen vermag, warum ich mich (noch immer) zu meinem eigenen Ursprung rechtfertigen sollte.
Immer wieder verirren sich Gutmenschen auf meiner Facebook-Seite, die allen Ernstes darauf bestehen – ohne sich dabei von meinem diesbezüglichen Widerspruch auch nur im geringsten Beindrucken zu lassen – das “wir doch alle nur Menschen seien”, “Mischling ein fürchterlicher Ausdruck wäre” (dessen Gebrauch ich dann auch dementsprechend bitte unterlassen sollte) und für gewöhnlich gipfelt das alles in der Aussage: Man sollte das Vergangene ruhen lassen, um hernach umso fröhlicher in die helle, lichte Zukunft zu schreiten.

Weniger blümerant ausgedrückt: Ich hätte mir meine Autobiografie auch gleich sparen können, Schwamm über 5 Jahrzehnte Lebenserfahrung und so tun als hätte es all dass nicht gegeben.
Ich nehme mal stark an, dass die Eltern und Großeltern jener gut meinenden Gedächtnisbereiniger auch schon 1918 und 1945 sehr aktiv zu Gange waren.
Meine Erwiderung, dass meine gemischtrassige Abstammung nun einmal ebenso eine Tatsache darstellt, wie die damit verbundenen einzigartigen Lebenserfahrungen, welche jemand, der nie in solchen Schuhen lief, gar nicht nachvollziehen kann – selbst wenn er/sie dass wirklich wollte (dass wäre so, als ob ich behauptete, ich wüsste, was es hieße “schwanger” zu sein) – wird dabei gemeinhin ziemlich gönnerhaft abgetan. Frei nach dem Motto, “jetzt stell dich mal nicht so an”.
Ich stelle mich aber so an, und wenn ich im sechsten Jahrzehnt meines Lebens noch immer mit den gleichen rassistischen “Volksweisheiten” konfrontiert werde, die mir bereits am Anfang meines Erdendaseins das Leben zur Hölle machten, dann habe ich mir das Recht verdient “mich so anzustellen”.

Ich bin ein farbiger Afro–Deutscher und wer da behauptet er hätte einen farbenblinden Blick auf alle Menschen, der nimmt mich gar nicht wahr!
Wikipedia definiert Verdruss als „spontane, innere, negativ-emotionale Reaktion auf eine unangenehme oder unerwünschte Situation, Person oder Erinnerung“.
Da ich nie aktiv in der Politik tätig war, wähnte ich mich ergo auf der sicheren Seite, was die Gefahr von “Politverdrossenheit” anlangte – bis vor zwei Tagen. An eben jenem Mittwoch wurde ich von einem Lokalpolitiker – bereits zum zweiten Mal – in einer derart routinierten Art und Weise abgekanzelt und heruntergemacht, dass ich davon ausgehen muss, dass besagter “Herr” sich regelmäßig so gegen alle die verhält, welche nicht seiner Meinung sind.

Ich war für ein paar Wochen im kleinen Städtchen Rheda untergekommen, das sich einigermaßen malerisch in das platte Land Westfalens schmiegt. Und weil ich für eine gewisse Zeit nichts anderes zu tun hatte, als auf mein nächstes Projekt zu warten, meldete ich mich zur freiwilligen Mitarbeit bei der lokalen Flüchtlingshilfe.
Was mir aus früheren Tagen als engagiertes Projekt ehrenamtlicher Mitarbeiter im Gedächtnis geblieben war, entpuppte sich nun schon nach wenigen Wochen als – immer noch engagiertes – Werk einer ziemlich insulären Kerntruppe, die sich felsenfest in der Hand der lokalen Gruppe jener Volkspartei mit dem hehren Monopolanspruch auf soziale Gerechtigkeit befindet.
Zwar interessiere ich mich schon aus reinem Eigeninteresse “fürs politische”, jedoch ist mir meine geistige Unabhängigkeit viel zu kostbar, um sie irgendeiner Parteidisziplin zu opfern. Und da ich in dem Verein ja nur ein Freiwilliger auf Zeit war, entschloss ich mich den Mund zu halten, wenn ich sah wie Flüchtlinge ganz offen für Wahlkampfzwecke eingespannt wurden – um für die Partei Plakate zu kleben, Flugblätter zu verteilen oder Stände aufzubauen. „Selber Schuld“, sagte ich mir, „wenn keine der anderen (Parteien) hier ist, um auch aus diesem Pool billiger Arbeitskraft zu schöpfen“. Aber die fast schon regelrecht dogmatische Ausrichtung des lokalen “Aufpassers” ging mir am Ende dann doch über die Hutschnur. Vor allem weil ich Deja Vu Erlebnisse hasse.
Besagter Herr ist so ein nassforscher Typ, der zwar selber zugibt von den meisten Dingen über die er schwadroniert keine Ahnung zu haben, aber trotzdem keinen (politischen) Widerspruch duldet: „Ich muss keine Frau oder schwanger sein, um übers Babykriegen zu reden“ oder „Ich muss kein Arzt oder Patient sein, um über Krebs zu reden“, sind nur ein paar seiner jederzeit abrufbereiten Evergreens.

Zuerst dachte ich noch „Schröder in jungen Jahren, bevor der sich russifiziert hatte“, doch als er eines Abends bei den Flüchtlingen damit Eindruck schindete, dass er einen von ihnen in seinem flotten Italo-Cabrio (passend zu seiner eigenen italienischen Vorgeschichte) auf dem Parkplatz umherflitzen ließ – kurz, nachdem er mir einen aggressiven Vortrag über meinen angeblichen Mangel an sozialer Solidarität gehalten hatte („ab in die FDP mit dir!“), nur weil ich mich gegen eine primitiv formelhafte Beschränkung von Managergehältern aussprach – da dachte ich nur noch still „Oskar Lafontaine“ bei mir!
Brot und Wasser predigen und selber Sekt & Kaviar konsumieren – das waren für mich noch nie Vorzeichen großer Glaubwürdigkeit.

Aber in meiner letzten Woche “freier Lebenszeit” (denn wenn erst mal wieder auf Projekt schufte, wird mir kaum noch Zeit zum Naseputzen bleiben) da schoss der Herr mit dem edlen Flitzer – passend zum Vornamen und dem schnellzüngigen Auftreten – auch für mein durchaus flexibles Verständnis von engagierter Diskussion weit übers Ziel hinaus. Und wie viele unangenehme Erinnerungen so fing auch diese harmlos genug an: Während des allwöchentlichen “Sprachcafés” – einer Übungsstunde in der eine immer gleiche 2-3 Mann/Frau Truppe mit einer wechselnden Schar von Flüchtlingen über Allah und die Welt zu reden sucht – wurde über den katastrophalen (wie in faktisch nicht mehr exististierendem) Familiennachzug resümiert. Am Anfang ging es noch recht gesittet zu, weil sich alles entlang der offiziellen Linie bewegte: Die Lage ist schlimm und kann nur besser werde, wenn unsere Seite die Wahlen gewinnt. Die Welt war in Ordnung. Doch dann beging ich den großen Fehler, die derzeit als allein selig machend attestierte Russlandpolitik zu hinterfragen. Es ergibt für mich einfach keinen Sinn, dass man mit menschenverachtenden Diktaturen wie Saudi Arabien, Ägypten oder Pakistan Deals macht, ja sogar zugibt, sich mit Erdogans Türkei einfach einigen zu müssen, aber bei Putin die Regel aufstellt, dass jede Art von Zugeständnis an „diesen zweiten Hitler“ (O. Zitat des Experten in Nichts und Einpeitschers in allem) einen Akt des Hochverrats an der westlichen Wertegemeinschaft darstelle.

Meine Idee war so simpel, wie vielleicht auch närrisch: Der ganze Ärger mit dem einstmals „lupenreinen Demokraten“ Putin fing an, als die NATO beschloss sich direkt bis vor seine Haustür auszudehnen. Und weil ich nun mal ein absoluter Fan von aus der Geschichte gezogenen Lehren bin, schlug ich in meiner Unbedarftheit vor, dass man der Ukraine einen Staatsvertrag wie seinerzeit die Alliierten mit Österreich anbieten sollte:
Die Völkerrechtlich garantierte militärische Neutralität im Gegenzug für politische Unabhängigkeit von Russland und freien Zugang zu westlichen Märkten. Hernach von seinen Einkreisungsängsten befreit, sollte Putin sich nun seinerseits bereit erklären Syrien den Syrern zu überlassen und Assad kommt auf den Abfallhaufen der Geschichte, wo er hingehört.

Das mag ja alles naiv sein, was ich mir da vorstelle – nur macht es für mich absolut keinen Sinn fortwährend Friedensgespräche über Syrien zu führen, die schon vom Ansatz her zum Scheitern verurteilt sind, weil die beiden Hauptakteure (USA und Russland) viel zu sehr damit beschäftigt sind sich gegenseitig an der Gurgel zu liegen, als das sie sich noch groß um die lokale Bevölkerung kümmern könnten.
Doch war ich nicht darauf gefasst anschließend lautstark und vor allen Anwesenden ob meines „moralischen Relativismus“, meines „Verrats an Europa“ als „Antidemokrat“ und „Putinversteher“ gebrandmarkt zu werden.
Meine Vergleiche seien von Böswilligkeit geprägt, denn der mörderische Diktator Ägyptens Fattah as-Sisi sei ein guter Mann, im fundamentalistischen Saudi Arabien „würden lediglich legitime Interessen vertreten“ und es sei überhaupt eine Frechheit die Handlungen des „moralisch überlegenen Westens“ (wie z.B. extrajudicial killings oder die Tötungsdrohungen gegen den – seiner Ansicht nach „zwielichtigen“ – Julian Assange) mit den Handlungen eines Mordbuben wie Putin auf gleicher Höhe zu vergleichen. Wohl gemerkt, dieser Experte in allen Fragen der Weltpolitik war noch nie in den USA, Russland, Ägypten oder in sonst einer der Gegenden dieses verbalen Gewaltmarsches gewesen. Seine durchaus bemerkenswerte Herabkanzelung meiner Person wurde schließlich damit gekrönt, dass der Herr Parteifunktionär quer durch den Saal lief und lauthals verkündete, dass er „bei Leuten wie mir einfach nur noch die Kräze bekämme“.

Vielleicht sollte er mit seinem flotten Cabrio mal den Hautarzt aufsuchen, denn irgendwo juckt es ihn offensichtlich so sehr, dass ihm jedwedes Verständnis für Meinungsfreiheit abhandengekommen ist. Was ich bei einem Vertreter der zweitgrößten Volkspartei Deutschlands doch schon für recht bedenklich halte. Jedenfalls ist mir nun für ein paar weiter Jahre jedwedes Interesse daran „Politik zu machen“ abhanden gekommen.
An einem sonnigen Dienstagabend steckte ich hinter einer Kolone aus schon in die Jahre gekommenen Wohnwagengespannen auf einer ebenso engen wie unübersichtlichen Landstraße fest. Der zweite Tag meiner ersten Arbeitswoche auf dem neuen Projekt war lang und die noch folgenden dürften kaum kürzer werden. Im Gegensatz zu den in Ehren ergrauten Familienvätern vor mir, welche mühselig genug versuchten ihren ebenfalls nicht mehr ganz neuen Mittelklassewagen ein Zugvermögen zu entlocken, für das diese nie konstruiert worden waren, rührte meine Verzweiflung nicht vom mechanischen Unvermögen meines Gefährts her, als sie vielmehr der Tatsache geschuldet ist, dass der Gedanke an einen weiteren Monat in irgendeinem Hotelzimmer an wieder so einem gottverlassenen Winkel der Welt in mir nicht die geringste Vorfreude auszulösen vermag.

Dafür habe ich nun also studiert und die Nase an den Wochenenden die Bücher statt ins Cocktailglas gesteckt?“ Und wie so oft war die ernüchternde Antwort auf die mir selbst gestellte Frage: „Ja du Trottel – genau dafür!
Just in diesem Moment fuhr auf der freien Gegenspur ein in knallfarbiger Sommermontur gekleideter Mopedfahrer den kleinen Tross entlang, welchen die sonnige Luft zu fröhlicher Lenkerakrobatik anzuspornen schien. Jedenfalls reckte der muntere Sommerfrischler während der gesamten Steigung den dahinkriechenden Autofahrern seinen ausgestreckten Arm mit flacher Hand zu etwas entgegen, dass ich ansonsten nur als “Hitlergruß” kenne. Wohlgemerkt, der Zweiradakrobat hatte weder ein bestimmtes Fahrzeug gegrüßt, noch mit der Hand gewinkt. In einer Posse wie Adolf auf dem Eierbräter fuhr er gemächlich einen nach dem anderen ab und ich fühle mich befleißigt ihn meinerseits mit dem einzigen Gruß zu antworten, zu dem meine denkerlahmte Großhirnrinde sich aufzurappeln imstande war:

Jeder Führergruß verdient zumindest mal den Stinkefinger und so gab ich meinem Mittelfinger gleich reichlich Gelegenheit zurückzugrüßen – ohne dass es den so bedachten auch nur in der geringsten Art angefochten hätte.
Jetzt könnte ich das alles einfach unter der Rubrik “osthessischen Landleben im ehemaligen Zonenrandgebiet” ablegen und gut ist – aber es ist eben nicht gut, nicht mal ansatzweise. Denn ich bin es leid und mag nicht mehr!

Die vergangenen Wochen habe ich als Gast im Hause eines Buchfans zugebracht, der ich auf einer meiner Lesungen begegnet war. Sie ist die Witwe eines ehemals selbst schriftstellerisch tätigen Musikwissenschaftlers, doch leider erwies sich meine Annahme, dass auch der Rest ihrer Verwandschaft aus intellektuellen Geistesgrößen bestünde, als fataler Trugschluss.
Und so gibt es auch hier einen Dibbuk, den Aufhocker in der Nacht, dem Harmonie und “leben und leben lassen” schon deshalb gegen den Strich gehen, weil er mit seiner eigenen Existenz von Grund auf unzufrieden ist. Ihr Schwager Axel war, nach dem frühzeitigen Exodus des Bruders, seinerzeit nicht nur geografisch hinter dem Eisernen Vorhang zurückgeblieben, er konnte auch, trotz zeitweiliger Anstellung im ostdeutschen Kulturbetrieb, nie eigene Erfolge wirtschaftlicher oder akademischer Art vorweisen.
So hat er sich im Laufe der Jahre zum Abziehbild eines Jammer-Ossi entwickelt – und wie das Klischee es verlangt, sieht er überall Verschwörer, die “sein Vaterland” mit Einwanderern überschwemmen, deutsche Frauen „ungestraft von Asylanten belästigen lassen“ und überhaupt „geht die Gefahr für das Vaterland von den Linken aus. Jetzt kann die Rettung für Deutschland nur noch von der nationalen Rechten kommen!

Mit derartigen Hirnlosigkeiten überschüttete dieser geistige Tiefflieger des ewig Gestrigen während meines Aufenthalts uns per E-Mail und am Telefon, sobald er überhaupt Gelegenheit dazu bekam irgendetwas von sich zu geben. Mit seinem Fanatismus in dieser Sache ist der Kerl, als begeisterter AfD Anhänger, eine regelrechte Plage und so bin ich auf seine fremdenfeindliche Korrespondenz, welche er regelmäßig mit der Alternativen Oberrassistin Beatrix von Storch austauscht, sogar unter der literarischen Hinterlassenschaft seines Bruders gestoßen. Ebenso wie er unaufhörlich Werbung für das rechte Propagandaportal Junge Freiheit macht und bei den Telefongesprächen bei denen ich selber Ohrenzeuge war, mit seinen fremdenfeindlichen Tiraden derart unerträglich jedem über den Mund fuhr, dass ich dem Kerl am liebsten eine geklebt hätte. Denn trotz seines fortgeschrittenen Alters, sind Anstand und Respekt vor den Gefühlen anderer ein absolutes Fremdwort für diesen Grobian.

Dieser Unmensch hat es doch tatsächlich fertig gebracht einen Satz wie „ich bin doch kein Rassist, ich war doch mal selbst mit einer Negerin zusammen!“ hinauszuposaunen, ohne dabei auch nur ins Stottern zu geraten.
Als mich die alte Dame eines Tages bat ihr zu helfen, Axels ganzen rechten Unflat aus ihrer Inbox zu entfernen, da war ich ebenso überrascht wie entsetzt, ob der menschenverachtenden Natur des Hasses der sich in jeder seiner Mitteilungen ausdrückte. Dies hier ist lediglich ein kleiner Ausschnitt des rechtsradikalen Propagandamaterials, mit welchem er ungefragt jeden zumüllt, bei dem er damit durch den SPAM-Blocker kommt:
Egal ob Farbige, Ausländer oder Asylsuchende, ob ethnische, religiöse oder sexuelle Minderheiten – jede Gruppe deren Hauptmerkmal die Verwundbarkeit ist, die das Ausgegrenzt sein mit sich bringt, sie alle kriegen bei Axels Massenmailings “ihr Fett weg”.
Ja, ich bin nur aufgrund der Bitte der eigentlichen Adressatin, in ihrer Inbox aufzuräumen, über diesen Dreck gestolpert und wäre das Telefon nicht dauernd auf Lautsprecher geschaltet gewesen, hätte ich wohl auch von seinen gesprochenen Hasstiraden wenig mitbekommen. Aber wie bereits zu Anfang erwähnt – ich bin es leid und mag nicht mehr!
Bei jedem meiner Projekte betreue ich Computersysteme und Server die Millionen € wert sind – jetzt gerade wieder befindet sich die die IT eines der größten Logistikdienstleister Europas in meinen Händen. Wäre ich inkompetent – oder gar noch schlimmer ein böser Terrorist und Übeltäter – dann könnte ich Hunderttausende mit einem Kommandozeilenbefehl von ihren Post- und Materiallieferungen abschneiden und damit Folgekosten für die Volkswirtschaft in einem mehrstelligen Millionenbetrag verursachen. Doch in meinen zwei Jahrzehnten als Systemadministrator in der Großrechner IT ist mir dies noch nie passiert – und dass nach einem Berufsleben, welches drei Kontinente und mehr Länder umspannt, als ich hier aufzuzählen Zeit habe. Und auch dieses Mal arbeite ich mit Kollegen aus allen Teilen der Welt zusammen, gerade jetzt sitzt hinter mir ein schwarzer Einwanderer (Axel aufgepasst, deine schlimmsten Albträume werden war!) aus Eritrea und kümmert sich um die Buchhaltung im System.
Wir “Neger” vermehren das deutsche Bruttosozialprodukt seit mehr als drei Jahrzehnten und ich mag es nicht mehr leiden, dass jeder dahergelaufene Verlierer meint, sein Mütchen straflos an meiner einem kühlen zu dürfen.

Dieser Dresdner Hinterwäldler hat in seinem Leben nichts zu Stande gebracht, außer eine Frau zu schwängern. Mein Vater war Zahnarzt und promovierter Allgemeinmediziner, sein älterer Bruder ist einer der angesehensten Mediziner des Landes und war sogar im Auftrag ihrer Majestät in Übersee tätig. Der jüngere Bruder meines Vaters war Zeit seines Berufslebens Chefingenieur für eine der größten Brauereien der Welt – und das von Lagos bis auf die Bahamas.
In meiner afrikanischen Familie gibt es weder Bettler noch Diebe oder Sozialhilfeempfänger und ich fordere diesen ostdeutschen Lümmel und seine hochnäsig verstorchte Briefreundin öffentlich auf, mir auch nur eine einzige(!) “ihrer” weißen autochthonen Familien zu zeigen, welche der meinige in Fragen von Anstand, Moral oder auch nur einfach persönlich erarbeitetem Erfolg das Wasser reichen könnte.
Ja ich bin ein Mischling und die Hälfte meiner Familie läuft seit jeher schwarz wie die Nacht durchs Leben – und Axel, wir sind alle miteinander besser als du, deine AfD und deine von dir so hoch verehrte Madame Beatrix. Wir haben mehr im Leben geleistet, es weiter gebracht und von dort wo wir die multikulturelle Welt betrachten, da seid ihr einfach nur die politischen Ratten aus der Kanalisation der Gesellschaft.
Ich bewegt euch euer ganzes, vom Rest der Menschheit subventioniertes, Leben verbal in der Gosse weil ihr euch da wohlfühlt. Und noch etwas Axel: Ich war viele Jahrzehnte vor dir steuerzahlender Bürger des freien Teils von Deutschland. Ja wir Farbigen, Schwarzen, Türken, Moslems, Hindus, Asiaten weiss-der-Geier-woher stämmigen MultiKultis – wir alle waren bereits lange vor euch AfD-Ossis hart arbeitende Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Wer zum Shaitan hat eigentlich euch Zuspätkommer der Geschichte dazu berechtigt uns, die wir von Anfang an dabei waren, die Tür zu weisen? Was fällt diesen ewig Jammernden eigentlich ein, knapp 20% der bundesdeutschen Bevölkerung zu unerwünschten Elementen zu erklären?

In aller Welt hat es erneut solche die meinen sich aufgrund einer angeblich besonders “edlen Abstammung” über andere als weniger wertvoll erachtete Ethnien und Kulturen – sogar als Teil des eigenen Landes – erheben zu dürfen:
Egal ob Kaczyński in Polen, Orbán in Ungarn, Erdoğan in der Türkei, Putin in Russland oder Trump in Amerika. Auf allen Erdteilen kommen die rechtsnationalen Nager aus dem Versteck, um ihre schmutzigen Beißer am Gerüst einer von gleichgültigen Eliten im Stich gelassenen Gesellschaft zu wetzen. Aber immer noch werden jeden Morgen die Straßen gefegt, wird die Milch geliefert und die Zeitung ausgetragen, arbeiten Millionen ehrlicher Menschen aus aller Herren Länder – weiß, braun, gelb, schwarz und grün gepunktet – einen langen harten Tag um dieses Land und viele andere am Leben zu erhalten. Ich mag es nicht mehr leiden, dass die ewig gestrigen uns dauernd in die Suppe spucken, nie praktikable Lösungen anbieten, sondern immer nur Hass, Hass und wieder Hass predigen. Dauernd nur Zwietracht säen, Uneinigkeit stiften und den einen gegen den anderen hetzen, weil dessen Eltern woanders geboren wurden, oder „der da“ zum lieben Gott in eine andere Himmelsrichtung betet als man selber.
Die Polkappen schmelzen fast noch schneller als unsere vom Negativzins bedrohten Altersrücklagen, alle Welt erbebt im Waffenkaufrausch, Idioten bedrohen uns von vorne mit Terror, von hinten mit dem Überwachungsstaat und von beiden politischen Extremen her mit Gewaltexzessen und Axel nebst Konsorten fällt die ganze Zeit nichts Besseres ein, als jeden der es nicht hören will vor dem bösen Neger in der Nachbarschaft zu warnen?
Wer so dämlich ist, dass er in brauner Haut mehr Gefahr zu erkennen meint, als in brauner Gesinnung, der verdient das nächste 1945 dreimal über. Aber das Land besteht eben nur zu einem Teil aus solch geistigen Dinosauriern und zum überwiegend anderen aus ehrlichen, anständigen Menschen und ich will, dass sich diese Akteure des Guten nicht länger von den Schreihälsen am Rande des Spielfeldes ins Bockshorn jagen lassen. Die Welt gehört denen, die daran arbeiten sie zu verbessern – jeden Tag ein bisschen mehr – und nicht den Nihilisten des Untergangs, welche immer nur die Apokalypse predigen und im Grunde nur Kaputniks sind, die alles um sich herum genauso fertig gemacht sehen wollen, wie sie es selber sind.

Ich will, dass der Hass ebenso geächtet wird wie die, die ihn verbreiten. Ich will, dass ein Mensch nach seinen Taten und nicht nach seiner Herkunft oder der Gruppe welcher man ihn zuordnet, beurteilt wird. Ich bin Richard Fraysier, ein Individuum und kein identitätsloses Stück brauner Haut. “Wir” stecken nicht alle unter einer Decke und gleich aussehen (oder denken) tun wir schon mal gar nicht.

Wer sich zum Kaffeekranz begibt, der hat was zu erzählen. Das ist zwar kein Originalzitat, aber trotzdem so manches mal wahr. Heute waren die Nachbarn der alten Dame, bei der ich einige Wochen Gast sein darf, bei uns zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Und obwohl ich explizit darum bat, dass Thema auszusparen insistierte der Mann der beiden darauf, den Ausgang der Bundestagswahl zum Gespräch zu machen.
Die zwei sind ein älteres Ehepaar, Hausbesitzer und “gut situiert” wie man so sagt. Er Ingenieur und beides biedere Vertreter der autochthonen deutschen Mittelschicht.
Ich ahnte was jetzt kommen würde – und konnte es trotzdem nicht verhindern. Erst noch beschränkte sich der, nun hochrot angelaufene, Herr von gegenüber auf plakative Verdammungen des derzeitigen deutschen Status Quo, gepfeffert mit altbekannten Ressentiments. Doch schon bald konnte er der Frage, wenn er oder gar sie beide den nun gewählt haben, nicht mehr ausweichen. Da wurde der grade noch so putzmunter Mitfünfziger defensiv und meinte, „nicht, dass ihr das am Ende noch herum erzählt und ich dadurch berufliche Nachteile erleide“.
Ich wollte das Thema immer noch vermeiden, doch meine Gastgeberin insistierte „ihr habt doch nicht etwa diese Haderlumpen von der AfD gewählt, oder?“ Da platze es endlich aus den beiden unisono heraus: „Natürlich haben wir AfD gewählt. Das sind doch die einzigen, die den Laden hier mal aufmischen werden“.
Jetzt wollte auch ich mich nicht mehr zurückhalten und fuhr meine ganze Phalanx verbaler Verteidigungswaffen für eben diesen Status Quo auf – wie ein General der seine Truppen wieder besseres Wissen der Vernichtung preisgibt, denn der Dummheit kann man nun mal nicht mit schlauen Argumenten Herr werden. Und so begann ich, „Deutschland geht es heute so gut wie nie zuvor“ – woraufhin er entgegnete: „ja aber wenn meine Frau ihren Rentenbescheid sieht, dann ist das eine Schande! Und die Flüchtlinge kriegen alles“.
Da argumentierte ich: „Früher mussten die Menschen mit noch viel weniger auskommen, haben aber auch nicht so lange gelebt und nicht so viele Ansprüche an den Staat gestellt. Und glaubt ihr wirklich, dass ihr mehr Rente kriegt, wenn die Flüchtlinge alle weg sind?
Nun fiel sie ein: „ja aber damals hielt das Geld viel länger und die alten haben ja auch den Krieg und so viele Entbehrungen mitgemacht, die hatten das Geld ja auch verdient“. „Meine eigene deutsche Großmutter“, sagte ich nun, „hatte Krieg und Vertreibung von A-Z, inklusive Russenterror und DDR Diktatur, durchgemacht und sich trotz allem nie von Extremisten einfangen lassen. Die hätte nie die AfD gewählt.
Nun beide zusammen: „Das weißt du doch gar nicht!“, daraufhin wurde ich nun etwas aufgebrachter: „ich werde ja wohl noch meine eigene Großmutter kennen!“ Er nun wieder: „Und überhaupt, 6 Millionen Wähler darf man nicht so pauschal als Nazis bezeichnen, das ist Verleumdung. Wir sind hier alle das Volk!“. Da warf ich ein: „Bei ihrer AfD sprechen aber einige mir genau das ab. Die sagen klar das einer wie ich gar nicht Teil des deutschen Volkes sein kann.“ Hierauf zuckte er nur mit den Schultern und zog eine Schnute a’la Gauland.
Dann wieder beide zusammen: „Also dieses System ist einfach nur noch korrupt. Die Flüchtlinge kriegen alles und wir haben einfach kein Geld. Es ist halt nicht genug für alle da. Und überhaupt, den Asylanten, Ausländern, äh … Flüchtlingen geht es hier doch viel zu gut, während deutsche Rentner aus der Abfalltonne leben müssen.“ Meine letzte Barrikade bröckelte unter dem Ansturm von so viel Ignoranz: „In einem Land, in dem man sich Opernhäuser für fast eine Milliarde Euro und >Bahnhöfe für fast 9 Milliarden leistet, da ist Geld für Rentner und Flüchtlinge da.“.
Da fuhr der nun wahrhaft prachtrot angelaufene wutbürgerliche Nachbar seine schärfsten Sturmtruppen ins Feld, während ihm seine getreue Gemahlin eifrigst sekundierte: „die wahren Flüchtlingszahlen hält die Regierung doch geheim, weil sie sonst die Bevölkerung beunruhigen würden. Wenn die Menschen wüssten was da wirklich abläuft. Die sind doch alle korrupt.“ „Ja aufmischen muss man das alles mal“. „Jawohl ja, damit frischer Wind reinkommt“, „Ja doch, aufmischen und dann wird schon eine rechte Lösung gefunden werden“.
Ich hatte meine finale Rückzuglinie gegen die Horden der Idiotie erreicht: „Das letzte Mal, als alles so wie von ihnen gewünscht ‘aufgemischt’ wurde, da blieben ein paar Millionen auf der Strecke, unter anderem so welche wie ich.“. „Jeden von uns kann es da erwischen, in so einer Situation“, meinte der scharlachrote Puter nur dazu, „mich hätten damals auch die englischen Fliegerbomben töten können, die haben ja so viele deutsche Städte bombardiert und überhaupt wage niemand der heute lebenden die von damals zu kritisieren. Denn niemand von heute weiß, ob er damals nicht auch Nazi geworden wäre.“.
Jemand wie ich wäre damals wohl kaum im Bombenhagel umgekommen, mit einem wie mir hat man da radikaler Schluss gemacht. Und außerdem hat der Herr Schnauzbart aus Österreich bei Coventry ja mit der ganzen Städtebombardiererei angefangen.“, mein schon fast verzweifelter Einwand fand nicht mal ansatzweise Gehör
Also nicht schon wieder diese Nazivergleiche, wir sind Patrioten und ich liebe mein Land und ich lasse mich nicht so verleumden!“, „Ja, wie mein Mann sagt, wir sind alle Demokraten, aber hier muss mal frischer Wind rein in das Ganze, um mal kräftig aufzuräumen.“.
Wenn ihre AfD’ler hier aufräumen, werden solche wie ich weggeräumt …“ und damit verließ ich den Kaffeetisch und das dazugehörige Selbstdarstellungstheater dieses bizarren Possenspiels: Zwei Wutbürger mit Prostata und Durchblutungsstörungen, grauem Haar und falschen Zähnen, die allen Ernstes meinen, dass wenn “hier mal alles kräftig aufgemischt wird”, sie dann irgendwie zu den Gewinnern zählen würden.

Was ich noch an Zweifeln gegenüber der Entwicklung in diesem Lande hatte, sie wurde mir heute Nachmittag gründlich ausgeräumt. Ich kann sehen wohin diese Reise geht und ich weiß wo sie enden wird. Denn ich wuchs auf unter den letzten “Aufräumern” des heiligen Deutschlands
. Sie waren meine Lehrer, die “Respektspersonen” meiner durch Rassismus und Führerkult versauten Kindheit und die man – da angeblich bald zum Aussterben verurteilt – immer nur beschwichtigend “die ewig gestrigen” nannte. Doch auch heute noch sind diese Leute immer so brandaktuell und gefährlich, wie sie es gestern und vor tausend Jahren waren.
Ich habe genug von dieser Kultur der Beschwichtigung und Verharmlosung des ewig Bösen. Ich wandere aus diesem Deutschland aus – zum zweiten und wohl auch letztem Mal in meinem Leben.
Was haben eine absurde Komödie und große Teile der deutschen Flüchtlingspolitik gemeinsam? Das man sehr oft nicht weiss, ob man angesichts dessen was da geboten wird, lachen oder weinen sollte.

Allerorten hört man von der mangelnden, ja oft geradewegs
verweigerten Integrationsbereitschaft der Flüchtlinge. So oft sogar, dass sich diese Version der Wirklichkeit mittlerweile unter viele andere „so was weiß man doch“ Stammtischweisheiten einreihen darf. Doch ich glaube nicht an die weisheitsfördernde Wirkung des Alkohols und bilde mir lieber selber eine Meinung. Ergo fuhr ich in der letzten Septemberwoche 2017 zum Bürgertag des runden Tisches Flüchtlingshilfe Bad Godesberg, um mir dort zwar nicht zum ersten, vielleicht aber doch vorerst letzten Male mein eigenes Bild von der Lage “vor Ort” zu machen.
Die Anfahrt war zwar kaum der Rede wert, doch wurden mir die letzten paar hundert Meter Fußweg, zum ganz und gar nicht ausgeschilderten Veranstaltungsort, beinahe zur regennassen Schnitzeljagd. Endlich angekommen erläuterte man mir das Prinzip der Veranstaltung wie folgt: Die Flüchtlinge agierten als “lebende Bücher”, man “lieh” sich eines davon aus und sprach mit ihm oder ihr, bis die Seiten keine Lust mehr hatten ihre Geschichte zu erzählen und man zum nächsten weiterging. Unverschämt frech wie ich nun mal bin, setzte ich mich sogleich zu einer kleinen Gruppe, die sich aus drei männlichen Flüchtlingen und einer deutschen Frau gebildet hatte.
Während die Herren, trotz ihrer guten Statur und des “besten erwachsenen Alters” in dem sie sich befanden, die Zeichen von Flucht und Entbehrung nicht vollständig aus ihren Gesichtszügen verbannen konnten, repräsentierte die Frau – sowohl vom Habitus wie auch Umfang her – angemessen den Wohlstand des deutschen Bildungsbürgertums. Und so gab sie recht freizügig Anekdoten ihres einst bewegten Lebens in der Andenregion Südamerikas zum Besten – doch war ich nicht hergekommen, um deutschen Globetrottern zuzuhören, denn ich bin ja selber einer. Was ich wollte, war den Geschichten dieser Flüchtlinge zu lauschen, dem Klang ihrer Stimmen und der Magie ihrer Erzählungen zu verfallen. Der dicken Dame neben mir passte mein Verlangen jedoch so gar nicht ins Konzept: „Jetzt überfordere ihn doch nicht dauernd“, keifte sie anfangs noch, um sich hinterher auf ein verbissenes „ich war aber zuerst hier“ zurückzuziehen.
Doch für mich waren dies keine infantilen Erstklässler, sondern Menschen die Krieg und Vertreibung durchgemacht und Situationen überlebt hatten, bei denen den meisten von uns das Blut in den Adern gefrieren würde. Es waren erwachsene Männer, die selbst entscheiden konnten, worüber sie mit wem reden wollten. Nach ca. 20 Minuten hatte die wohlmeinende Gutfrau neben mir ihr Repertoire an belanglosen Nettigkeiten erschöpft und verabschiedete sich kurz gebunden, um sich auf die Suche nach ihrer besseren Hälfte zu begeben. Jetzt konnten wir endlich loslegen!
Es brauchte nur wenige Augenblicke und zwischen uns hatte sich ein Band der Verständigung entwickelt, wie es nur gemeinsam durchlittenes Leid erzeugen kann. Ob mit Worten oder Händen und Füßen, wir verstanden einander und so erzählten mir Hussein und sein Freund Hassan (alle Namen geändert) die Geschichte ihrer eigenen Flucht und der ihrer Leute aus dem umkämpften syrischen Homs, von den Gärten die – von Generation zu Generation vererbt – einst vor den Toren der Stadt erblühten. Und wie sie dann alles, bis auf das sprichwörtliche Hemd am Rücken, zurücklassen mussten, um Hals über Kopf allein ihr Leben in der Flucht zu retten.
Durch Bürgerkrieg zerstörte Gebäude in Homs (Wikipedia)

Durch Bürgerkrieg zerstörte Gebäude in Homs (Wikipedia)

Sie berichteten mir von ihren Familien, von denen sie sich irgendwo zwischen dem Libanon und der Türkei trennten, damit wenigstens einer von ihnen die Chance auf ein menschenwürdiges Asyl erhielte, um dem Elend der Lager zu entkommen. Viele von ihnen warten nun schon seit einem Jahr und mehr darauf die geliebten Verwandten erneut in ihre Arme schließen zu dürfen und die meisten werden auch weiterhin vergeblich warten.
Sie zeigten mir Bilder ihrer zerbombten Stadt und berichteten wie daheim die Rückkehrer nur überleben können, wenn sie genug Geld genug haben, um Assads korrupte Milizen zu bestechen.
Dann meldete sich Ahmed aus dem Jemen zu Wort und als wir uns zusammen durch die einstmals so wunderbar verzauberten Gassen des historischen Viertels seiner Heimatstadt Sana’a träumten, da kamen uns allen fast die Tränen.

Ansicht von Sana'a vor Kriegsausbruch (Wikipedia)

Ansicht von Sana’a vor Kriegsausbruch (Wikipedia)

In Ahmeds Heimat tobt seit vielen Jahren einer der blutigsten Bürgerkriege der Neuzeit, vom Westen zumeist vergessen und verdrängt und das obwohl einer der Hauptprotagonisten dieser Menschenschlächterei ein großer Verbündeter und der Hauptöllieferant des Westens ist: das alle Standards moderner Zivilisation verachtende Regime von Saudi Arabien.
Zerstörungen im Süden Sana'as nach Luftangriff (Wikipedia)

Zerstörungen im Süden Sana’as nach Luftangriff (Wikipedia)

Ahmed zeigte mir Fotografien der Schule in seinem Ortsteil – zuerst eines mit einem Klassenraum voll fröhlicher Kinder, gefolgt vom Bild eines gespenstisch menschenleeren, dunklen und verwüsteten Gebäudes. Eine Druckwelle schien sämtliche Einrichtungsgegenstände wie Herbstlaub im Sturm durcheinander gewirbelt zu haben, nur die Schiefertafel am Kopfende des Klassenzimmers stand noch. Sie war so sauber gewischt, als habe der Lehrer gerade die nächste Unterrichtseinheit vorbereiten wollen. In ihrer Mitte prangte das kreisrunde Einschussloch eines enormen Projektils, in das wohl drei Männerfäuste kinderleicht hinein gepasst hätten. Leise fragte ich mich, worüber der Lehrer seine Schüler an dem Morgen wohl unterrichten wollte?
Als sich dann noch Aziz aus Afghanistan dazu gesellte, da begannen wir uns auch über die Situation der Geflohenen in Deutschland zu unterhalten und alle wussten sie ähnliches zu berichten: „Die sperren uns im Heim ein, als seien wir Verbrecher. Den ganzen Tag sitzen wir da nur rum, wie in einer Gefängniszelle und haben nichts zu tun“. „Ich musste über ein Jahr lang darauf warten, überhaupt zu einem Sprachkurs zugelassen zu werden – und ich will doch Deutsch lernen!“ „Auf meinem Zimmer war ein Drogendealer, den habe ich immer wieder bei der Heimleitung angezeigt, ohne dass die irgendwas gemacht hätten. Ich will doch mit so einem nicht auf derselben Stube sitzen. Der hatte die ganze Schublade voller Stoff: ‘guckt da einfach mal rein’, habe ich der Leitung des Heimes immer wieder gesagt – vergeblich. Der Kerl hat dauernd laute Musik gespielt und seine Junkie-Kunden bedient, die ganze Nacht und ich wollte doch früh aufstehen um Deutsch lernen zu können. Am Ende habe ich mir ein paar Tüten geschnappt und bin als Obdachloser in den Stadtpark gegangen.“
Am unakzeptabelsten jedoch fand ich den immer wieder beklagten Mangel an Lernmaterial, ausgerechnet im Überflussland Deutschland: „Die geben uns keine Bücher zum mitnehmen, kein Lernmaterial für Hausaufgaben – rein gar nichts!“ „Ja, am Ende muss alles wieder abgegeben werden und während des Unterrichts müssen wir uns zu zweit oder dritt jeweils ein Buch teilen, “ „Und dann sind die Bücher manches mal in einer Sprache, die wir gar nicht verstehen oder der Lehrer selber spricht etwas ganz anderes als wir“
Auf einmal wurde mir klar, welchem Zufall des Lehrkörpers es zu verdanken war, dass einige fast schon perfekt Deutsch sprachen, während andere – obwohl gleichzeitig hier angekommen – kaum mehr als fünf Sätze pro Stunde in dieser Sprache zusammen bekamen. Da entschied ich: Zwar kann ich Homs nicht wieder aufbauen und nicht einmal die wunderbaren Haustore von Sanaa aus dem Feuer retten, aber Do-it-Yourself Sprachkurse in Arabisch und Urdu besorgen, dass könnte ich sehr wohl. Prompt unterbreitete ich meinen Vorschlag dem anwesenden Vertreter des lokalen Flüchtlingshilfevereins, der mich zuerst verdattert anstarrte, um mir dann am Ende – immer noch mehr oder weniger ratlos – seine Visitenkarte in die Hand zu drücken.
„So so, Sprachlernkurse für Flüchtlinge wollen sie spenden? Originelle Idee, so etwas habe ich auch noch nicht gehört“. Irgendwie gelang es mir nicht den Mann davon zu überzeugen, dass es Selbstlernkurse gab, die von namhaften Verlagen speziell auf die Bedürfnisse von Anfängern zugeschnitten waren. Ich gab ihm meine Kontaktdaten und verließ spät am Abend die zu Ende gehende Veranstaltung, nachdem ich meinen neu gewonnen Freunden versprochen hatte: „Hilfe ist auf dem Weg“.
Es verging eine Woche, dann zwei – und niemand rief an oder schickte mir eine eMail. Schließlich rief ich meinerseits bei dem Verein an, nur um am Telefon ein mir bereits bekanntes Hörspiel geboten zu bekommen: „Ich verstehe nicht, was meinen sie, was wollen sie? … Ach, so etwas hatten wir ja noch nie!“ Dann wurde ich belehrt, das *dieser* spezielle Verein sich ausschließlich um Jugendliche im noch schulpflichtigen Alter kümmere, wo man ausreichend Lehrmaterial verfügbar habe: „Die Erwachsenenbildung ist nicht unser Bereich, damit haben wir nichts zu tun. Versuchen sie es doch mal da und da
Also rief ich “da” an – und hinterließ eine Nachricht nach der anderen auf einem Anrufbeantworter, den offenbar nie jemand abzuhören scheint. Ich möchte mich ohrfeigen, dass ich mir damals nicht einfach die Telefonnummern bzw. Adressen meiner arabisch-afghanischen Gesprächspartner aufschrieb, um ihnen das versprochene Studienmaterial gleich selber direkt ins Flüchtlingsheim zu liefern. Die Desorganisation wohlmeinender aber oft eigenbrötlerischer Hilfsvereine, die nicht mal aktuelle Kontaktinformationen gleichgesinnter Gruppierungen einen Ort weiter vorzuhalten vermögen, hat mich nun zum Lügner Menschen gegenüber gemacht, die bereits viel zu oft auf ihrer Flucht belogen wurden – und ich mag mich nicht zum Lügner machen lassen 🙁
Wikipedia definiert eine optische Illusion als: „… eine Wahrnehmungstäuschung des Gesichtssinns. … Optische Täuschungen beruhen auf der Tatsache, dass die Wahrnehmung subjektiv ist und vom Gehirn beeinflusst wird.“

Oder umgangssprachlich ausgedrückt: Was man zu sehen glaubt, entspricht nicht dem, was da wirklich vor sich geht. Obwohl sich solche Phänomene für gewöhnlich auf Fehleinschätzungen der Sinnesorgane in der Interpretation einfacher geometrischer Strukturen beschränken, so gibt es doch hin und wieder Fälle von regelrechten Fata Morganas – die Wirklichkeit bis zur Unkenntlichkeit verzerrende Luftspieglungen, die einen dazu verleiten mögen, dem Boden zu misstrauen, auf dem man steht. Und erst gestern ist mir eben eine solche Spiegeltäuschung erschienen – eine augenscheinliche Unmöglichkeit welche mich – zumindest zeitweise – an der Klarheit meiner eigenen Wahrnehmung zweifeln lies.
Da ich mich gerne über das, was in Deutschland so vor sich geht, auch dann auf dem Laufenden halte, wenn ich im Rest der Welt unterwegs bin, sah ich mir die gestrige Bundestagsdebatte im Fernsehen an. Es gab den üblichen Schlagabtausch zwischen der Regierung, die bekundete nie etwas falsch zu machen und der Opposition, welche darauf bestand, dass immer alles falsch gemacht werde. Und dann trat ein Abgeordneter der AfD ans Rednerpult, bei dem ich dreimal hinschauen und die Farbeinstellung meines Fernsehers überprüfen musste, bevor ich glauben konnte, was ich sah:
Einen offensichtlich farbigen Mann mit eindeutig negroidem Einschlag in der Ahnenreihe, welcher vollmundig völkisch fremdenfeindliche Parolen von sich gab.
Harald Weyel ist der 58 jährige Spross eines schwarz-amerikanischen GI und einer weiß-deutschen Krankenhausköchin. Er wuchs als eine de facto Halbwaise auf, da sein Vater Mutter und Kind knapp ein Jahr nach seiner Geburt verließ um wieder in die USA zurück zukehren. Mit einer übermächtigen Fixierung auf seine preußisch konservativen deutschen Großeltern, dem nie verziehenen “Verrat” des schwarzen Vaters und der schon klischeehaft verzweifelten Suche nach Akzeptanz und männlichen Vorbildern hat sich H. Weyel nicht nur die rassistische Literatur der Großelterngeneration vorbehaltlos angeeignet. Früh schon identifizierte er sich mit den Mohrenzeichnungen im großväterlichen Geschichtsbuch und bezeichnet sich selber gar als “Kind der Luftwaffe” – nur weil seine Vorfahren auf beiden Seiten etwas mit der bewaffneten Luftfahrt zu tun hatten. Seine mangelnde Bereitschaft, hierbei zwischen “Air Force” und “Luftwaffe” zu unterscheiden, erstreckt er auch auf Aussagen über die Behandlung von Zwangsarbeitern im dritten Reich auf dem Hof seiner Großeltern: Das war “Kampf und Anstand” wie er sagt.
Überhaupt hat Weyel in seiner kritiklosen Verherrlichung – wenn nicht gar Anbetung – des konservativen Männlichkeitstypos sehr viel mehr Ähnlichkeit mit einem vaterlos halbstarken “Brother with an attitude” als ihm selber lieb sein dürfte. Und wie eben solche orientierungslos allein gelassenen jungen Schwarzen in den USA sich brutalen Gangs oder politisch extremen Splittergruppen anschließen – um endlich die Leitbilder und Anerkennung zu erfahren nach welchen sie sich ihre ganze Kindheit hindurch unerfüllt verzehrten – so hat Harald Weyel sich im fortgeschrittenen Alter nicht nur dazu entschlossen, dieser Suche seine (aus angeblich „politischen Gründen“ gescheiterte) Ehe zu opfern, sondern auch noch gleich den letzten Rest Selbstachtung und gesunden Menschenverstandes hinterher geschickt.
So stellt er sich seiner erzkonservativfremdenfeindlichen Klientel gerne als „optische Täuschung“ vor – ganz so als ob seine Mutter kurz vor der Geburt nur mal eben einen Sonnenbrand zu viel abbekommen hätte. Er verunglimpft die Bundesrepublik Deutschland, welche mit ihrer liberalen Gesinnung und freiheitlich demokratischen Grundordnung seiner und meiner einem das Überleben in einiger Würde überhaupt erst möglich gemacht hat – als „Provisorium“ und „Wirtschaftsform ohne Daseinszweck“ sowie als „DDR 2.0 mit Flachbildschirm“.
Als jemand der die DDR 1.0 in Echtzeit erlebt hat, nehme ich Hernn Weyel diesen Teil ebenso übel, wie seine absolut unverschämte Verharmlosung der deutschen Kolonialgräuel (siehe Boxerkrieg, Maji-Maji Aufstand, Völkermord an den Nama und Herero usw.). Tatsächlich liegt in seiner Verklärung der Realität des Kaiserreichs („wo noch Normalität geherrscht hat“) schon etwas selbstzerstörerisch pathologisches:
Denn im Kaiserreich galten Mischlinge – besonders zwischen Negerburschen und weißen Frauen als “Kinder des Teufels” und Farbige die es wagten sich wie Weiße zu kleiden und zu gebärden wurden als “Hosenneger” verunglimpft.
Harald Weyel mag ja als Wirtschaftsprofessor sein Geld wert sein (hoffe ich zumindest) aber von der Geschichte seiner Ahnen (der schwarzen wie der weißen) hat er so offensichtlich keine Ahnung, dass schon das Zuschauen wehtut: Ein farbiger Mann, der als reinweiß gesehen werden möchte und auch so gerne noch als Krieger fürs tausendjährige Vaterland in die Schlacht gezogen wäre.
Auch mein deutscher Großvater Hugo wurde in das große Völkermorden hineingezogen – direkt vom weltentrückten Acker seiner ostpreußischen Heimat in den Fleischwolf des Kurlandkessels. Er starb, Jahre nach der Kapitulation des tausendjährigen Monstrums, welches meine Mutter und ihre Geschwister als traumatisierte Vollwaisen zurückließ, in einem menschenleeren Winkel des Baltikum und liegt in einem namenlosen Massengrab auf dem Kriegsgräberfriedhof von Beberbeki begraben. Ich habe die letzte Ruhestätte von Großvater Hugo besucht und das einzige Gefühl welches mich dort befiehl, angesichts der grauen Kälte des lettischen Himmels und der stummen Wälder um mich herum, war die Erkenntnis der herzzerreißenden Sinnlosigkeit seines Todes. Wofür war Hugo dort in Elend, Nässe und Kälte krepiert? Wozu hatte man ihn seiner Frau und den Kindern entrissen? Ich empfinde Aussagen, die danach trachten in ein solches Elend irgendein Heldentum hinein zu interpretieren, als Beleidigung des Andenkens meiner Familie. Mein Großvater starb einen sinnlosen Tod auf Befehl eines Regimes welches das eigene Volk ebenso gnadenlos hinmetzeln lies wie alle anderen.
Eigentlich wäre Harald Weyel ein exzellentes Studienexemplar in Sachen Überkompensation von Minderwertigkeitskomplexen und dafür, dass man die seelischen Folgen einer kaputten Kindheit auch durch spätere berufliche Erfolge nicht mehr zu reparieren vermag. Aber dieser selbst ernannte Trittbrettfahrer des Bösen macht sich zum nützlichen Idioten derer, für die Fremdenhass selbst gegen Kinder zum täglichen Geschäft gehört – und da endet bei mir schlagartig jedwedes Verständnis. Wer sich aus eigenem Antrieb zum Sprachrohr der Unmenschlichkeit macht, der kann für sich keinen humanistischen Mitleidsbonus mehr in Anspruch nehmen.
Herr Weyel, sie mögen es politisch zu zweifelhaftem Ruhm gebracht haben, doch als Mensch sind sie gescheitert. Seien sie konsequent und deportieren sie sich selber!