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An einem sonnigen Dienstagabend steckte ich hinter einer Kolone aus schon in die Jahre gekommenen Wohnwagengespannen auf einer ebenso engen wie unübersichtlichen Landstraße fest. Der zweite Tag meiner ersten Arbeitswoche auf dem neuen Projekt war lang und die noch folgenden dürften kaum kürzer werden. Im Gegensatz zu den in Ehren ergrauten Familienvätern vor mir, welche mühselig genug versuchten ihren ebenfalls nicht mehr ganz neuen Mittelklassewagen ein Zugvermögen zu entlocken, für das diese nie konstruiert worden waren, rührte meine Verzweiflung nicht vom mechanischen Unvermögen meines Gefährts her, als sie vielmehr der Tatsache geschuldet ist, dass der Gedanke an einen weiteren Monat in irgendeinem Hotelzimmer an wieder so einem gottverlassenen Winkel der Welt in mir nicht die geringste Vorfreude auszulösen vermag.

Dafür habe ich nun also studiert und die Nase an den Wochenenden die Bücher statt ins Cocktailglas gesteckt?“ Und wie so oft war die ernüchternde Antwort auf die mir selbst gestellte Frage: „Ja du Trottel – genau dafür!
Just in diesem Moment fuhr auf der freien Gegenspur ein in knallfarbiger Sommermontur gekleideter Mopedfahrer den kleinen Tross entlang, welchen die sonnige Luft zu fröhlicher Lenkerakrobatik anzuspornen schien. Jedenfalls reckte der muntere Sommerfrischler während der gesamten Steigung den dahinkriechenden Autofahrern seinen ausgestreckten Arm mit flacher Hand zu etwas entgegen, dass ich ansonsten nur als “Hitlergruß” kenne. Wohlgemerkt, der Zweiradakrobat hatte weder ein bestimmtes Fahrzeug gegrüßt, noch mit der Hand gewinkt. In einer Posse wie Adolf auf dem Eierbräter fuhr er gemächlich einen nach dem anderen ab und ich fühle mich befleißigt ihn meinerseits mit dem einzigen Gruß zu antworten, zu dem meine denkerlahmte Großhirnrinde sich aufzurappeln imstande war:

Jeder Führergruß verdient zumindest mal den Stinkefinger und so gab ich meinem Mittelfinger gleich reichlich Gelegenheit zurückzugrüßen – ohne dass es den so bedachten auch nur in der geringsten Art angefochten hätte.
Jetzt könnte ich das alles einfach unter der Rubrik “osthessischen Landleben im ehemaligen Zonenrandgebiet” ablegen und gut ist – aber es ist eben nicht gut, nicht mal ansatzweise. Denn ich bin es leid und mag nicht mehr!

Die vergangenen Wochen habe ich als Gast im Hause eines Buchfans zugebracht, der ich auf einer meiner Lesungen begegnet war. Sie ist die Witwe eines ehemals selbst schriftstellerisch tätigen Musikwissenschaftlers, doch leider erwies sich meine Annahme, dass auch der Rest ihrer Verwandschaft aus intellektuellen Geistesgrößen bestünde, als fataler Trugschluss.
Und so gibt es auch hier einen Dibbuk, den Aufhocker in der Nacht, dem Harmonie und “leben und leben lassen” schon deshalb gegen den Strich gehen, weil er mit seiner eigenen Existenz von Grund auf unzufrieden ist. Ihr Schwager Axel war, nach dem frühzeitigen Exodus des Bruders, seinerzeit nicht nur geografisch hinter dem Eisernen Vorhang zurückgeblieben, er konnte auch, trotz zeitweiliger Anstellung im ostdeutschen Kulturbetrieb, nie eigene Erfolge wirtschaftlicher oder akademischer Art vorweisen.
So hat er sich im Laufe der Jahre zum Abziehbild eines Jammer-Ossi entwickelt – und wie das Klischee es verlangt, sieht er überall Verschwörer, die “sein Vaterland” mit Einwanderern überschwemmen, deutsche Frauen „ungestraft von Asylanten belästigen lassen“ und überhaupt „geht die Gefahr für das Vaterland von den Linken aus. Jetzt kann die Rettung für Deutschland nur noch von der nationalen Rechten kommen!

Mit derartigen Hirnlosigkeiten überschüttete dieser geistige Tiefflieger des ewig Gestrigen während meines Aufenthalts uns per E-Mail und am Telefon, sobald er überhaupt Gelegenheit dazu bekam irgendetwas von sich zu geben. Mit seinem Fanatismus in dieser Sache ist der Kerl, als begeisterter AfD Anhänger, eine regelrechte Plage und so bin ich auf seine fremdenfeindliche Korrespondenz, welche er regelmäßig mit der Alternativen Oberrassistin Beatrix von Storch austauscht, sogar unter der literarischen Hinterlassenschaft seines Bruders gestoßen. Ebenso wie er unaufhörlich Werbung für das rechte Propagandaportal Junge Freiheit macht und bei den Telefongesprächen bei denen ich selber Ohrenzeuge war, mit seinen fremdenfeindlichen Tiraden derart unerträglich jedem über den Mund fuhr, dass ich dem Kerl am liebsten eine geklebt hätte. Denn trotz seines fortgeschrittenen Alters, sind Anstand und Respekt vor den Gefühlen anderer ein absolutes Fremdwort für diesen Grobian.

Dieser Unmensch hat es doch tatsächlich fertig gebracht einen Satz wie „ich bin doch kein Rassist, ich war doch mal selbst mit einer Negerin zusammen!“ hinauszuposaunen, ohne dabei auch nur ins Stottern zu geraten.
Als mich die alte Dame eines Tages bat ihr zu helfen, Axels ganzen rechten Unflat aus ihrer Inbox zu entfernen, da war ich ebenso überrascht wie entsetzt, ob der menschenverachtenden Natur des Hasses der sich in jeder seiner Mitteilungen ausdrückte. Dies hier ist lediglich ein kleiner Ausschnitt des rechtsradikalen Propagandamaterials, mit welchem er ungefragt jeden zumüllt, bei dem er damit durch den SPAM-Blocker kommt:
Egal ob Farbige, Ausländer oder Asylsuchende, ob ethnische, religiöse oder sexuelle Minderheiten – jede Gruppe deren Hauptmerkmal die Verwundbarkeit ist, die das Ausgegrenzt sein mit sich bringt, sie alle kriegen bei Axels Massenmailings “ihr Fett weg”.
Ja, ich bin nur aufgrund der Bitte der eigentlichen Adressatin, in ihrer Inbox aufzuräumen, über diesen Dreck gestolpert und wäre das Telefon nicht dauernd auf Lautsprecher geschaltet gewesen, hätte ich wohl auch von seinen gesprochenen Hasstiraden wenig mitbekommen. Aber wie bereits zu Anfang erwähnt – ich bin es leid und mag nicht mehr!
Bei jedem meiner Projekte betreue ich Computersysteme und Server die Millionen € wert sind – jetzt gerade wieder befindet sich die die IT eines der größten Logistikdienstleister Europas in meinen Händen. Wäre ich inkompetent – oder gar noch schlimmer ein böser Terrorist und Übeltäter – dann könnte ich Hunderttausende mit einem Kommandozeilenbefehl von ihren Post- und Materiallieferungen abschneiden und damit Folgekosten für die Volkswirtschaft in einem mehrstelligen Millionenbetrag verursachen. Doch in meinen zwei Jahrzehnten als Systemadministrator in der Großrechner IT ist mir dies noch nie passiert – und dass nach einem Berufsleben, welches drei Kontinente und mehr Länder umspannt, als ich hier aufzuzählen Zeit habe. Und auch dieses Mal arbeite ich mit Kollegen aus allen Teilen der Welt zusammen, gerade jetzt sitzt hinter mir ein schwarzer Einwanderer (Axel aufgepasst, deine schlimmsten Albträume werden war!) aus Eritrea und kümmert sich um die Buchhaltung im System.
Wir “Neger” vermehren das deutsche Bruttosozialprodukt seit mehr als drei Jahrzehnten und ich mag es nicht mehr leiden, dass jeder dahergelaufene Verlierer meint, sein Mütchen straflos an meiner einem kühlen zu dürfen.

Dieser Dresdner Hinterwäldler hat in seinem Leben nichts zu Stande gebracht, außer eine Frau zu schwängern. Mein Vater war Zahnarzt und promovierter Allgemeinmediziner, sein älterer Bruder ist einer der angesehensten Mediziner des Landes und war sogar im Auftrag ihrer Majestät in Übersee tätig. Der jüngere Bruder meines Vaters war Zeit seines Berufslebens Chefingenieur für eine der größten Brauereien der Welt – und das von Lagos bis auf die Bahamas.
In meiner afrikanischen Familie gibt es weder Bettler noch Diebe oder Sozialhilfeempfänger und ich fordere diesen ostdeutschen Lümmel und seine hochnäsig verstorchte Briefreundin öffentlich auf, mir auch nur eine einzige(!) “ihrer” weißen autochthonen Familien zu zeigen, welche der meinige in Fragen von Anstand, Moral oder auch nur einfach persönlich erarbeitetem Erfolg das Wasser reichen könnte.
Ja ich bin ein Mischling und die Hälfte meiner Familie läuft seit jeher schwarz wie die Nacht durchs Leben – und Axel, wir sind alle miteinander besser als du, deine AfD und deine von dir so hoch verehrte Madame Beatrix. Wir haben mehr im Leben geleistet, es weiter gebracht und von dort wo wir die multikulturelle Welt betrachten, da seid ihr einfach nur die politischen Ratten aus der Kanalisation der Gesellschaft.
Ich bewegt euch euer ganzes, vom Rest der Menschheit subventioniertes, Leben verbal in der Gosse weil ihr euch da wohlfühlt. Und noch etwas Axel: Ich war viele Jahrzehnte vor dir steuerzahlender Bürger des freien Teils von Deutschland. Ja wir Farbigen, Schwarzen, Türken, Moslems, Hindus, Asiaten weiss-der-Geier-woher stämmigen MultiKultis – wir alle waren bereits lange vor euch AfD-Ossis hart arbeitende Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Wer zum Shaitan hat eigentlich euch Zuspätkommer der Geschichte dazu berechtigt uns, die wir von Anfang an dabei waren, die Tür zu weisen? Was fällt diesen ewig Jammernden eigentlich ein, knapp 20% der bundesdeutschen Bevölkerung zu unerwünschten Elementen zu erklären?

In aller Welt hat es erneut solche die meinen sich aufgrund einer angeblich besonders “edlen Abstammung” über andere als weniger wertvoll erachtete Ethnien und Kulturen – sogar als Teil des eigenen Landes – erheben zu dürfen:
Egal ob Kaczyński in Polen, Orbán in Ungarn, Erdoğan in der Türkei, Putin in Russland oder Trump in Amerika. Auf allen Erdteilen kommen die rechtsnationalen Nager aus dem Versteck, um ihre schmutzigen Beißer am Gerüst einer von gleichgültigen Eliten im Stich gelassenen Gesellschaft zu wetzen. Aber immer noch werden jeden Morgen die Straßen gefegt, wird die Milch geliefert und die Zeitung ausgetragen, arbeiten Millionen ehrlicher Menschen aus aller Herren Länder – weiß, braun, gelb, schwarz und grün gepunktet – einen langen harten Tag um dieses Land und viele andere am Leben zu erhalten. Ich mag es nicht mehr leiden, dass die ewig gestrigen uns dauernd in die Suppe spucken, nie praktikable Lösungen anbieten, sondern immer nur Hass, Hass und wieder Hass predigen. Dauernd nur Zwietracht säen, Uneinigkeit stiften und den einen gegen den anderen hetzen, weil dessen Eltern woanders geboren wurden, oder „der da“ zum lieben Gott in eine andere Himmelsrichtung betet als man selber.
Die Polkappen schmelzen fast noch schneller als unsere vom Negativzins bedrohten Altersrücklagen, alle Welt erbebt im Waffenkaufrausch, Idioten bedrohen uns von vorne mit Terror, von hinten mit dem Überwachungsstaat und von beiden politischen Extremen her mit Gewaltexzessen und Axel nebst Konsorten fällt die ganze Zeit nichts Besseres ein, als jeden der es nicht hören will vor dem bösen Neger in der Nachbarschaft zu warnen?
Wer so dämlich ist, dass er in brauner Haut mehr Gefahr zu erkennen meint, als in brauner Gesinnung, der verdient das nächste 1945 dreimal über. Aber das Land besteht eben nur zu einem Teil aus solch geistigen Dinosauriern und zum überwiegend anderen aus ehrlichen, anständigen Menschen und ich will, dass sich diese Akteure des Guten nicht länger von den Schreihälsen am Rande des Spielfeldes ins Bockshorn jagen lassen. Die Welt gehört denen, die daran arbeiten sie zu verbessern – jeden Tag ein bisschen mehr – und nicht den Nihilisten des Untergangs, welche immer nur die Apokalypse predigen und im Grunde nur Kaputniks sind, die alles um sich herum genauso fertig gemacht sehen wollen, wie sie es selber sind.

Ich will, dass der Hass ebenso geächtet wird wie die, die ihn verbreiten. Ich will, dass ein Mensch nach seinen Taten und nicht nach seiner Herkunft oder der Gruppe welcher man ihn zuordnet, beurteilt wird. Ich bin Richard Fraysier, ein Individuum und kein identitätsloses Stück brauner Haut. “Wir” stecken nicht alle unter einer Decke und gleich aussehen (oder denken) tun wir schon mal gar nicht.

Wer sich zum Kaffeekranz begibt, der hat was zu erzählen. Das ist zwar kein Originalzitat, aber trotzdem so manches mal wahr. Heute waren die Nachbarn der alten Dame, bei der ich einige Wochen Gast sein darf, bei uns zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Und obwohl ich explizit darum bat, dass Thema auszusparen insistierte der Mann der beiden darauf, den Ausgang der Bundestagswahl zum Gespräch zu machen.
Die zwei sind ein älteres Ehepaar, Hausbesitzer und “gut situiert” wie man so sagt. Er Ingenieur und beides biedere Vertreter der autochthonen deutschen Mittelschicht.
Ich ahnte was jetzt kommen würde – und konnte es trotzdem nicht verhindern. Erst noch beschränkte sich der, nun hochrot angelaufene, Herr von gegenüber auf plakative Verdammungen des derzeitigen deutschen Status Quo, gepfeffert mit altbekannten Ressentiments. Doch schon bald konnte er der Frage, wenn er oder gar sie beide den nun gewählt haben, nicht mehr ausweichen. Da wurde der grade noch so putzmunter Mitfünfziger defensiv und meinte, „nicht, dass ihr das am Ende noch herum erzählt und ich dadurch berufliche Nachteile erleide“.
Ich wollte das Thema immer noch vermeiden, doch meine Gastgeberin insistierte „ihr habt doch nicht etwa diese Haderlumpen von der AfD gewählt, oder?“ Da platze es endlich aus den beiden unisono heraus: „Natürlich haben wir AfD gewählt. Das sind doch die einzigen, die den Laden hier mal aufmischen werden“.
Jetzt wollte auch ich mich nicht mehr zurückhalten und fuhr meine ganze Phalanx verbaler Verteidigungswaffen für eben diesen Status Quo auf – wie ein General der seine Truppen wieder besseres Wissen der Vernichtung preisgibt, denn der Dummheit kann man nun mal nicht mit schlauen Argumenten Herr werden. Und so begann ich, „Deutschland geht es heute so gut wie nie zuvor“ – woraufhin er entgegnete: „ja aber wenn meine Frau ihren Rentenbescheid sieht, dann ist das eine Schande! Und die Flüchtlinge kriegen alles“.
Da argumentierte ich: „Früher mussten die Menschen mit noch viel weniger auskommen, haben aber auch nicht so lange gelebt und nicht so viele Ansprüche an den Staat gestellt. Und glaubt ihr wirklich, dass ihr mehr Rente kriegt, wenn die Flüchtlinge alle weg sind?
Nun fiel sie ein: „ja aber damals hielt das Geld viel länger und die alten haben ja auch den Krieg und so viele Entbehrungen mitgemacht, die hatten das Geld ja auch verdient“. „Meine eigene deutsche Großmutter“, sagte ich nun, „hatte Krieg und Vertreibung von A-Z, inklusive Russenterror und DDR Diktatur, durchgemacht und sich trotz allem nie von Extremisten einfangen lassen. Die hätte nie die AfD gewählt.
Nun beide zusammen: „Das weißt du doch gar nicht!“, daraufhin wurde ich nun etwas aufgebrachter: „ich werde ja wohl noch meine eigene Großmutter kennen!“ Er nun wieder: „Und überhaupt, 6 Millionen Wähler darf man nicht so pauschal als Nazis bezeichnen, das ist Verleumdung. Wir sind hier alle das Volk!“. Da warf ich ein: „Bei ihrer AfD sprechen aber einige mir genau das ab. Die sagen klar das einer wie ich gar nicht Teil des deutschen Volkes sein kann.“ Hierauf zuckte er nur mit den Schultern und zog eine Schnute a’la Gauland.
Dann wieder beide zusammen: „Also dieses System ist einfach nur noch korrupt. Die Flüchtlinge kriegen alles und wir haben einfach kein Geld. Es ist halt nicht genug für alle da. Und überhaupt, den Asylanten, Ausländern, äh … Flüchtlingen geht es hier doch viel zu gut, während deutsche Rentner aus der Abfalltonne leben müssen.“ Meine letzte Barrikade bröckelte unter dem Ansturm von so viel Ignoranz: „In einem Land, in dem man sich Opernhäuser für fast eine Milliarde Euro und >Bahnhöfe für fast 9 Milliarden leistet, da ist Geld für Rentner und Flüchtlinge da.“.
Da fuhr der nun wahrhaft prachtrot angelaufene wutbürgerliche Nachbar seine schärfsten Sturmtruppen ins Feld, während ihm seine getreue Gemahlin eifrigst sekundierte: „die wahren Flüchtlingszahlen hält die Regierung doch geheim, weil sie sonst die Bevölkerung beunruhigen würden. Wenn die Menschen wüssten was da wirklich abläuft. Die sind doch alle korrupt.“ „Ja aufmischen muss man das alles mal“. „Jawohl ja, damit frischer Wind reinkommt“, „Ja doch, aufmischen und dann wird schon eine rechte Lösung gefunden werden“.
Ich hatte meine finale Rückzuglinie gegen die Horden der Idiotie erreicht: „Das letzte Mal, als alles so wie von ihnen gewünscht ‘aufgemischt’ wurde, da blieben ein paar Millionen auf der Strecke, unter anderem so welche wie ich.“. „Jeden von uns kann es da erwischen, in so einer Situation“, meinte der scharlachrote Puter nur dazu, „mich hätten damals auch die englischen Fliegerbomben töten können, die haben ja so viele deutsche Städte bombardiert und überhaupt wage niemand der heute lebenden die von damals zu kritisieren. Denn niemand von heute weiß, ob er damals nicht auch Nazi geworden wäre.“.
Jemand wie ich wäre damals wohl kaum im Bombenhagel umgekommen, mit einem wie mir hat man da radikaler Schluss gemacht. Und außerdem hat der Herr Schnauzbart aus Österreich bei Coventry ja mit der ganzen Städtebombardiererei angefangen.“, mein schon fast verzweifelter Einwand fand nicht mal ansatzweise Gehör
Also nicht schon wieder diese Nazivergleiche, wir sind Patrioten und ich liebe mein Land und ich lasse mich nicht so verleumden!“, „Ja, wie mein Mann sagt, wir sind alle Demokraten, aber hier muss mal frischer Wind rein in das Ganze, um mal kräftig aufzuräumen.“.
Wenn ihre AfD’ler hier aufräumen, werden solche wie ich weggeräumt …“ und damit verließ ich den Kaffeetisch und das dazugehörige Selbstdarstellungstheater dieses bizarren Possenspiels: Zwei Wutbürger mit Prostata und Durchblutungsstörungen, grauem Haar und falschen Zähnen, die allen Ernstes meinen, dass wenn “hier mal alles kräftig aufgemischt wird”, sie dann irgendwie zu den Gewinnern zählen würden.

Was ich noch an Zweifeln gegenüber der Entwicklung in diesem Lande hatte, sie wurde mir heute Nachmittag gründlich ausgeräumt. Ich kann sehen wohin diese Reise geht und ich weiß wo sie enden wird. Denn ich wuchs auf unter den letzten “Aufräumern” des heiligen Deutschlands
. Sie waren meine Lehrer, die “Respektspersonen” meiner durch Rassismus und Führerkult versauten Kindheit und die man – da angeblich bald zum Aussterben verurteilt – immer nur beschwichtigend “die ewig gestrigen” nannte. Doch auch heute noch sind diese Leute immer so brandaktuell und gefährlich, wie sie es gestern und vor tausend Jahren waren.
Ich habe genug von dieser Kultur der Beschwichtigung und Verharmlosung des ewig Bösen. Ich wandere aus diesem Deutschland aus – zum zweiten und wohl auch letztem Mal in meinem Leben.
Was haben eine absurde Komödie und große Teile der deutschen Flüchtlingspolitik gemeinsam? Das man sehr oft nicht weiss, ob man angesichts dessen was da geboten wird, lachen oder weinen sollte.

Allerorten hört man von der mangelnden, ja oft geradewegs
verweigerten Integrationsbereitschaft der Flüchtlinge. So oft sogar, dass sich diese Version der Wirklichkeit mittlerweile unter viele andere „so was weiß man doch“ Stammtischweisheiten einreihen darf. Doch ich glaube nicht an die weisheitsfördernde Wirkung des Alkohols und bilde mir lieber selber eine Meinung. Ergo fuhr ich in der letzten Septemberwoche 2017 zum Bürgertag des runden Tisches Flüchtlingshilfe Bad Godesberg, um mir dort zwar nicht zum ersten, vielleicht aber doch vorerst letzten Male mein eigenes Bild von der Lage “vor Ort” zu machen.
Die Anfahrt war zwar kaum der Rede wert, doch wurden mir die letzten paar hundert Meter Fußweg, zum ganz und gar nicht ausgeschilderten Veranstaltungsort, beinahe zur regennassen Schnitzeljagd. Endlich angekommen erläuterte man mir das Prinzip der Veranstaltung wie folgt: Die Flüchtlinge agierten als “lebende Bücher”, man “lieh” sich eines davon aus und sprach mit ihm oder ihr, bis die Seiten keine Lust mehr hatten ihre Geschichte zu erzählen und man zum nächsten weiterging. Unverschämt frech wie ich nun mal bin, setzte ich mich sogleich zu einer kleinen Gruppe, die sich aus drei männlichen Flüchtlingen und einer deutschen Frau gebildet hatte.
Während die Herren, trotz ihrer guten Statur und des “besten erwachsenen Alters” in dem sie sich befanden, die Zeichen von Flucht und Entbehrung nicht vollständig aus ihren Gesichtszügen verbannen konnten, repräsentierte die Frau – sowohl vom Habitus wie auch Umfang her – angemessen den Wohlstand des deutschen Bildungsbürgertums. Und so gab sie recht freizügig Anekdoten ihres einst bewegten Lebens in der Andenregion Südamerikas zum Besten – doch war ich nicht hergekommen, um deutschen Globetrottern zuzuhören, denn ich bin ja selber einer. Was ich wollte, war den Geschichten dieser Flüchtlinge zu lauschen, dem Klang ihrer Stimmen und der Magie ihrer Erzählungen zu verfallen. Der dicken Dame neben mir passte mein Verlangen jedoch so gar nicht ins Konzept: „Jetzt überfordere ihn doch nicht dauernd“, keifte sie anfangs noch, um sich hinterher auf ein verbissenes „ich war aber zuerst hier“ zurückzuziehen.
Doch für mich waren dies keine infantilen Erstklässler, sondern Menschen die Krieg und Vertreibung durchgemacht und Situationen überlebt hatten, bei denen den meisten von uns das Blut in den Adern gefrieren würde. Es waren erwachsene Männer, die selbst entscheiden konnten, worüber sie mit wem reden wollten. Nach ca. 20 Minuten hatte die wohlmeinende Gutfrau neben mir ihr Repertoire an belanglosen Nettigkeiten erschöpft und verabschiedete sich kurz gebunden, um sich auf die Suche nach ihrer besseren Hälfte zu begeben. Jetzt konnten wir endlich loslegen!
Es brauchte nur wenige Augenblicke und zwischen uns hatte sich ein Band der Verständigung entwickelt, wie es nur gemeinsam durchlittenes Leid erzeugen kann. Ob mit Worten oder Händen und Füßen, wir verstanden einander und so erzählten mir Hussein und sein Freund Hassan (alle Namen geändert) die Geschichte ihrer eigenen Flucht und der ihrer Leute aus dem umkämpften syrischen Homs, von den Gärten die – von Generation zu Generation vererbt – einst vor den Toren der Stadt erblühten. Und wie sie dann alles, bis auf das sprichwörtliche Hemd am Rücken, zurücklassen mussten, um Hals über Kopf allein ihr Leben in der Flucht zu retten.
Durch Bürgerkrieg zerstörte Gebäude in Homs (Wikipedia)

Durch Bürgerkrieg zerstörte Gebäude in Homs (Wikipedia)

Sie berichteten mir von ihren Familien, von denen sie sich irgendwo zwischen dem Libanon und der Türkei trennten, damit wenigstens einer von ihnen die Chance auf ein menschenwürdiges Asyl erhielte, um dem Elend der Lager zu entkommen. Viele von ihnen warten nun schon seit einem Jahr und mehr darauf die geliebten Verwandten erneut in ihre Arme schließen zu dürfen und die meisten werden auch weiterhin vergeblich warten.
Sie zeigten mir Bilder ihrer zerbombten Stadt und berichteten wie daheim die Rückkehrer nur überleben können, wenn sie genug Geld genug haben, um Assads korrupte Milizen zu bestechen.
Dann meldete sich Ahmed aus dem Jemen zu Wort und als wir uns zusammen durch die einstmals so wunderbar verzauberten Gassen des historischen Viertels seiner Heimatstadt Sana’a träumten, da kamen uns allen fast die Tränen.

Ansicht von Sana'a vor Kriegsausbruch (Wikipedia)

Ansicht von Sana’a vor Kriegsausbruch (Wikipedia)

In Ahmeds Heimat tobt seit vielen Jahren einer der blutigsten Bürgerkriege der Neuzeit, vom Westen zumeist vergessen und verdrängt und das obwohl einer der Hauptprotagonisten dieser Menschenschlächterei ein großer Verbündeter und der Hauptöllieferant des Westens ist: das alle Standards moderner Zivilisation verachtende Regime von Saudi Arabien.
Zerstörungen im Süden Sana'as nach Luftangriff (Wikipedia)

Zerstörungen im Süden Sana’as nach Luftangriff (Wikipedia)

Ahmed zeigte mir Fotografien der Schule in seinem Ortsteil – zuerst eines mit einem Klassenraum voll fröhlicher Kinder, gefolgt vom Bild eines gespenstisch menschenleeren, dunklen und verwüsteten Gebäudes. Eine Druckwelle schien sämtliche Einrichtungsgegenstände wie Herbstlaub im Sturm durcheinander gewirbelt zu haben, nur die Schiefertafel am Kopfende des Klassenzimmers stand noch. Sie war so sauber gewischt, als habe der Lehrer gerade die nächste Unterrichtseinheit vorbereiten wollen. In ihrer Mitte prangte das kreisrunde Einschussloch eines enormen Projektils, in das wohl drei Männerfäuste kinderleicht hinein gepasst hätten. Leise fragte ich mich, worüber der Lehrer seine Schüler an dem Morgen wohl unterrichten wollte?
Als sich dann noch Aziz aus Afghanistan dazu gesellte, da begannen wir uns auch über die Situation der Geflohenen in Deutschland zu unterhalten und alle wussten sie ähnliches zu berichten: „Die sperren uns im Heim ein, als seien wir Verbrecher. Den ganzen Tag sitzen wir da nur rum, wie in einer Gefängniszelle und haben nichts zu tun“. „Ich musste über ein Jahr lang darauf warten, überhaupt zu einem Sprachkurs zugelassen zu werden – und ich will doch Deutsch lernen!“ „Auf meinem Zimmer war ein Drogendealer, den habe ich immer wieder bei der Heimleitung angezeigt, ohne dass die irgendwas gemacht hätten. Ich will doch mit so einem nicht auf derselben Stube sitzen. Der hatte die ganze Schublade voller Stoff: ‘guckt da einfach mal rein’, habe ich der Leitung des Heimes immer wieder gesagt – vergeblich. Der Kerl hat dauernd laute Musik gespielt und seine Junkie-Kunden bedient, die ganze Nacht und ich wollte doch früh aufstehen um Deutsch lernen zu können. Am Ende habe ich mir ein paar Tüten geschnappt und bin als Obdachloser in den Stadtpark gegangen.“
Am unakzeptabelsten jedoch fand ich den immer wieder beklagten Mangel an Lernmaterial, ausgerechnet im Überflussland Deutschland: „Die geben uns keine Bücher zum mitnehmen, kein Lernmaterial für Hausaufgaben – rein gar nichts!“ „Ja, am Ende muss alles wieder abgegeben werden und während des Unterrichts müssen wir uns zu zweit oder dritt jeweils ein Buch teilen, “ „Und dann sind die Bücher manches mal in einer Sprache, die wir gar nicht verstehen oder der Lehrer selber spricht etwas ganz anderes als wir“
Auf einmal wurde mir klar, welchem Zufall des Lehrkörpers es zu verdanken war, dass einige fast schon perfekt Deutsch sprachen, während andere – obwohl gleichzeitig hier angekommen – kaum mehr als fünf Sätze pro Stunde in dieser Sprache zusammen bekamen. Da entschied ich: Zwar kann ich Homs nicht wieder aufbauen und nicht einmal die wunderbaren Haustore von Sanaa aus dem Feuer retten, aber Do-it-Yourself Sprachkurse in Arabisch und Urdu besorgen, dass könnte ich sehr wohl. Prompt unterbreitete ich meinen Vorschlag dem anwesenden Vertreter des lokalen Flüchtlingshilfevereins, der mich zuerst verdattert anstarrte, um mir dann am Ende – immer noch mehr oder weniger ratlos – seine Visitenkarte in die Hand zu drücken.
„So so, Sprachlernkurse für Flüchtlinge wollen sie spenden? Originelle Idee, so etwas habe ich auch noch nicht gehört“. Irgendwie gelang es mir nicht den Mann davon zu überzeugen, dass es Selbstlernkurse gab, die von namhaften Verlagen speziell auf die Bedürfnisse von Anfängern zugeschnitten waren. Ich gab ihm meine Kontaktdaten und verließ spät am Abend die zu Ende gehende Veranstaltung, nachdem ich meinen neu gewonnen Freunden versprochen hatte: „Hilfe ist auf dem Weg“.
Es verging eine Woche, dann zwei – und niemand rief an oder schickte mir eine eMail. Schließlich rief ich meinerseits bei dem Verein an, nur um am Telefon ein mir bereits bekanntes Hörspiel geboten zu bekommen: „Ich verstehe nicht, was meinen sie, was wollen sie? … Ach, so etwas hatten wir ja noch nie!“ Dann wurde ich belehrt, das *dieser* spezielle Verein sich ausschließlich um Jugendliche im noch schulpflichtigen Alter kümmere, wo man ausreichend Lehrmaterial verfügbar habe: „Die Erwachsenenbildung ist nicht unser Bereich, damit haben wir nichts zu tun. Versuchen sie es doch mal da und da
Also rief ich “da” an – und hinterließ eine Nachricht nach der anderen auf einem Anrufbeantworter, den offenbar nie jemand abzuhören scheint. Ich möchte mich ohrfeigen, dass ich mir damals nicht einfach die Telefonnummern bzw. Adressen meiner arabisch-afghanischen Gesprächspartner aufschrieb, um ihnen das versprochene Studienmaterial gleich selber direkt ins Flüchtlingsheim zu liefern. Die Desorganisation wohlmeinender aber oft eigenbrötlerischer Hilfsvereine, die nicht mal aktuelle Kontaktinformationen gleichgesinnter Gruppierungen einen Ort weiter vorzuhalten vermögen, hat mich nun zum Lügner Menschen gegenüber gemacht, die bereits viel zu oft auf ihrer Flucht belogen wurden – und ich mag mich nicht zum Lügner machen lassen 🙁
Wikipedia definiert eine optische Illusion als: „… eine Wahrnehmungstäuschung des Gesichtssinns. … Optische Täuschungen beruhen auf der Tatsache, dass die Wahrnehmung subjektiv ist und vom Gehirn beeinflusst wird.“

Oder umgangssprachlich ausgedrückt: Was man zu sehen glaubt, entspricht nicht dem, was da wirklich vor sich geht. Obwohl sich solche Phänomene für gewöhnlich auf Fehleinschätzungen der Sinnesorgane in der Interpretation einfacher geometrischer Strukturen beschränken, so gibt es doch hin und wieder Fälle von regelrechten Fata Morganas – die Wirklichkeit bis zur Unkenntlichkeit verzerrende Luftspieglungen, die einen dazu verleiten mögen, dem Boden zu misstrauen, auf dem man steht. Und erst gestern ist mir eben eine solche Spiegeltäuschung erschienen – eine augenscheinliche Unmöglichkeit welche mich – zumindest zeitweise – an der Klarheit meiner eigenen Wahrnehmung zweifeln lies.
Da ich mich gerne über das, was in Deutschland so vor sich geht, auch dann auf dem Laufenden halte, wenn ich im Rest der Welt unterwegs bin, sah ich mir die gestrige Bundestagsdebatte im Fernsehen an. Es gab den üblichen Schlagabtausch zwischen der Regierung, die bekundete nie etwas falsch zu machen und der Opposition, welche darauf bestand, dass immer alles falsch gemacht werde. Und dann trat ein Abgeordneter der AfD ans Rednerpult, bei dem ich dreimal hinschauen und die Farbeinstellung meines Fernsehers überprüfen musste, bevor ich glauben konnte, was ich sah:
Einen offensichtlich farbigen Mann mit eindeutig negroidem Einschlag in der Ahnenreihe, welcher vollmundig völkisch fremdenfeindliche Parolen von sich gab.
Harald Weyel ist der 58 jährige Spross eines schwarz-amerikanischen GI und einer weiß-deutschen Krankenhausköchin. Er wuchs als eine de facto Halbwaise auf, da sein Vater Mutter und Kind knapp ein Jahr nach seiner Geburt verließ um wieder in die USA zurück zukehren. Mit einer übermächtigen Fixierung auf seine preußisch konservativen deutschen Großeltern, dem nie verziehenen “Verrat” des schwarzen Vaters und der schon klischeehaft verzweifelten Suche nach Akzeptanz und männlichen Vorbildern hat sich H. Weyel nicht nur die rassistische Literatur der Großelterngeneration vorbehaltlos angeeignet. Früh schon identifizierte er sich mit den Mohrenzeichnungen im großväterlichen Geschichtsbuch und bezeichnet sich selber gar als “Kind der Luftwaffe” – nur weil seine Vorfahren auf beiden Seiten etwas mit der bewaffneten Luftfahrt zu tun hatten. Seine mangelnde Bereitschaft, hierbei zwischen “Air Force” und “Luftwaffe” zu unterscheiden, erstreckt er auch auf Aussagen über die Behandlung von Zwangsarbeitern im dritten Reich auf dem Hof seiner Großeltern: Das war “Kampf und Anstand” wie er sagt.
Überhaupt hat Weyel in seiner kritiklosen Verherrlichung – wenn nicht gar Anbetung – des konservativen Männlichkeitstypos sehr viel mehr Ähnlichkeit mit einem vaterlos halbstarken “Brother with an attitude” als ihm selber lieb sein dürfte. Und wie eben solche orientierungslos allein gelassenen jungen Schwarzen in den USA sich brutalen Gangs oder politisch extremen Splittergruppen anschließen – um endlich die Leitbilder und Anerkennung zu erfahren nach welchen sie sich ihre ganze Kindheit hindurch unerfüllt verzehrten – so hat Harald Weyel sich im fortgeschrittenen Alter nicht nur dazu entschlossen, dieser Suche seine (aus angeblich „politischen Gründen“ gescheiterte) Ehe zu opfern, sondern auch noch gleich den letzten Rest Selbstachtung und gesunden Menschenverstandes hinterher geschickt.
So stellt er sich seiner erzkonservativfremdenfeindlichen Klientel gerne als „optische Täuschung“ vor – ganz so als ob seine Mutter kurz vor der Geburt nur mal eben einen Sonnenbrand zu viel abbekommen hätte. Er verunglimpft die Bundesrepublik Deutschland, welche mit ihrer liberalen Gesinnung und freiheitlich demokratischen Grundordnung seiner und meiner einem das Überleben in einiger Würde überhaupt erst möglich gemacht hat – als „Provisorium“ und „Wirtschaftsform ohne Daseinszweck“ sowie als „DDR 2.0 mit Flachbildschirm“.
Als jemand der die DDR 1.0 in Echtzeit erlebt hat, nehme ich Hernn Weyel diesen Teil ebenso übel, wie seine absolut unverschämte Verharmlosung der deutschen Kolonialgräuel (siehe Boxerkrieg, Maji-Maji Aufstand, Völkermord an den Nama und Herero usw.). Tatsächlich liegt in seiner Verklärung der Realität des Kaiserreichs („wo noch Normalität geherrscht hat“) schon etwas selbstzerstörerisch pathologisches:
Denn im Kaiserreich galten Mischlinge – besonders zwischen Negerburschen und weißen Frauen als “Kinder des Teufels” und Farbige die es wagten sich wie Weiße zu kleiden und zu gebärden wurden als “Hosenneger” verunglimpft.
Harald Weyel mag ja als Wirtschaftsprofessor sein Geld wert sein (hoffe ich zumindest) aber von der Geschichte seiner Ahnen (der schwarzen wie der weißen) hat er so offensichtlich keine Ahnung, dass schon das Zuschauen wehtut: Ein farbiger Mann, der als reinweiß gesehen werden möchte und auch so gerne noch als Krieger fürs tausendjährige Vaterland in die Schlacht gezogen wäre.
Auch mein deutscher Großvater Hugo wurde in das große Völkermorden hineingezogen – direkt vom weltentrückten Acker seiner ostpreußischen Heimat in den Fleischwolf des Kurlandkessels. Er starb, Jahre nach der Kapitulation des tausendjährigen Monstrums, welches meine Mutter und ihre Geschwister als traumatisierte Vollwaisen zurückließ, in einem menschenleeren Winkel des Baltikum und liegt in einem namenlosen Massengrab auf dem Kriegsgräberfriedhof von Beberbeki begraben. Ich habe die letzte Ruhestätte von Großvater Hugo besucht und das einzige Gefühl welches mich dort befiehl, angesichts der grauen Kälte des lettischen Himmels und der stummen Wälder um mich herum, war die Erkenntnis der herzzerreißenden Sinnlosigkeit seines Todes. Wofür war Hugo dort in Elend, Nässe und Kälte krepiert? Wozu hatte man ihn seiner Frau und den Kindern entrissen? Ich empfinde Aussagen, die danach trachten in ein solches Elend irgendein Heldentum hinein zu interpretieren, als Beleidigung des Andenkens meiner Familie. Mein Großvater starb einen sinnlosen Tod auf Befehl eines Regimes welches das eigene Volk ebenso gnadenlos hinmetzeln lies wie alle anderen.
Eigentlich wäre Harald Weyel ein exzellentes Studienexemplar in Sachen Überkompensation von Minderwertigkeitskomplexen und dafür, dass man die seelischen Folgen einer kaputten Kindheit auch durch spätere berufliche Erfolge nicht mehr zu reparieren vermag. Aber dieser selbst ernannte Trittbrettfahrer des Bösen macht sich zum nützlichen Idioten derer, für die Fremdenhass selbst gegen Kinder zum täglichen Geschäft gehört – und da endet bei mir schlagartig jedwedes Verständnis. Wer sich aus eigenem Antrieb zum Sprachrohr der Unmenschlichkeit macht, der kann für sich keinen humanistischen Mitleidsbonus mehr in Anspruch nehmen.
Herr Weyel, sie mögen es politisch zu zweifelhaftem Ruhm gebracht haben, doch als Mensch sind sie gescheitert. Seien sie konsequent und deportieren sie sich selber!