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Wikipedia definiert eine optische Illusion als: „… eine Wahrnehmungstäuschung des Gesichtssinns. … Optische Täuschungen beruhen auf der Tatsache, dass die Wahrnehmung subjektiv ist und vom Gehirn beeinflusst wird.“

Oder umgangssprachlich ausgedrückt: Was man zu sehen glaubt, entspricht nicht dem, was da wirklich vor sich geht. Obwohl sich solche Phänomene für gewöhnlich auf Fehleinschätzungen der Sinnesorgane in der Interpretation einfacher geometrischer Strukturen beschränken, so gibt es doch hin und wieder Fälle von regelrechten Fata Morganas – die Wirklichkeit bis zur Unkenntlichkeit verzerrende Luftspieglungen, die einen dazu verleiten mögen, dem Boden zu misstrauen, auf dem man steht. Und erst gestern ist mir eben eine solche Spiegeltäuschung erschienen – eine augenscheinliche Unmöglichkeit welche mich – zumindest zeitweise – an der Klarheit meiner eigenen Wahrnehmung zweifeln lies.
Da ich mich gerne über das, was in Deutschland so vor sich geht, auch dann auf dem Laufenden halte, wenn ich im Rest der Welt unterwegs bin, sah ich mir die gestrige Bundestagsdebatte im Fernsehen an. Es gab den üblichen Schlagabtausch zwischen der Regierung, die bekundete nie etwas falsch zu machen und der Opposition, welche darauf bestand, dass immer alles falsch gemacht werde. Und dann trat ein Abgeordneter der AfD ans Rednerpult, bei dem ich dreimal hinschauen und die Farbeinstellung meines Fernsehers überprüfen musste, bevor ich glauben konnte, was ich sah:
Einen offensichtlich farbigen Mann mit eindeutig negroidem Einschlag in der Ahnenreihe, welcher vollmundig völkisch fremdenfeindliche Parolen von sich gab.
Harald Weyel ist der 58 jährige Spross eines schwarz-amerikanischen GI und einer weiß-deutschen Krankenhausköchin. Er wuchs als eine de facto Halbwaise auf, da sein Vater Mutter und Kind knapp ein Jahr nach seiner Geburt verließ um wieder in die USA zurück zukehren. Mit einer übermächtigen Fixierung auf seine preußisch konservativen deutschen Großeltern, dem nie verziehenen “Verrat” des schwarzen Vaters und der schon klischeehaft verzweifelten Suche nach Akzeptanz und männlichen Vorbildern hat sich H. Weyel nicht nur die rassistische Literatur der Großelterngeneration vorbehaltlos angeeignet. Früh schon identifizierte er sich mit den Mohrenzeichnungen im großväterlichen Geschichtsbuch und bezeichnet sich selber gar als “Kind der Luftwaffe” – nur weil seine Vorfahren auf beiden Seiten etwas mit der bewaffneten Luftfahrt zu tun hatten. Seine mangelnde Bereitschaft, hierbei zwischen “Air Force” und “Luftwaffe” zu unterscheiden, erstreckt er auch auf Aussagen über die Behandlung von Zwangsarbeitern im dritten Reich auf dem Hof seiner Großeltern: Das war “Kampf und Anstand” wie er sagt.
Überhaupt hat Weyel in seiner kritiklosen Verherrlichung – wenn nicht gar Anbetung – des konservativen Männlichkeitstypos sehr viel mehr Ähnlichkeit mit einem vaterlos halbstarken “Brother with an attitude” als ihm selber lieb sein dürfte. Und wie eben solche orientierungslos allein gelassenen jungen Schwarzen in den USA sich brutalen Gangs oder politisch extremen Splittergruppen anschließen – um endlich die Leitbilder und Anerkennung zu erfahren nach welchen sie sich ihre ganze Kindheit hindurch unerfüllt verzehrten – so hat Harald Weyel sich im fortgeschrittenen Alter nicht nur dazu entschlossen, dieser Suche seine (aus angeblich „politischen Gründen“ gescheiterte) Ehe zu opfern, sondern auch noch gleich den letzten Rest Selbstachtung und gesunden Menschenverstandes hinterher geschickt.
So stellt er sich seiner erzkonservativfremdenfeindlichen Klientel gerne als „optische Täuschung“ vor – ganz so als ob seine Mutter kurz vor der Geburt nur mal eben einen Sonnenbrand zu viel abbekommen hätte. Er verunglimpft die Bundesrepublik Deutschland, welche mit ihrer liberalen Gesinnung und freiheitlich demokratischen Grundordnung seiner und meiner einem das Überleben in einiger Würde überhaupt erst möglich gemacht hat – als „Provisorium“ und „Wirtschaftsform ohne Daseinszweck“ sowie als „DDR 2.0 mit Flachbildschirm“.
Als jemand der die DDR 1.0 in Echtzeit erlebt hat, nehme ich Hernn Weyel diesen Teil ebenso übel, wie seine absolut unverschämte Verharmlosung der deutschen Kolonialgräuel (siehe Boxerkrieg, Maji-Maji Aufstand, Völkermord an den Nama und Herero usw.). Tatsächlich liegt in seiner Verklärung der Realität des Kaiserreichs („wo noch Normalität geherrscht hat“) schon etwas selbstzerstörerisch pathologisches:
Denn im Kaiserreich galten Mischlinge – besonders zwischen Negerburschen und weißen Frauen als “Kinder des Teufels” und Farbige die es wagten sich wie Weiße zu kleiden und zu gebärden wurden als “Hosenneger” verunglimpft.
Harald Weyel mag ja als Wirtschaftsprofessor sein Geld wert sein (hoffe ich zumindest) aber von der Geschichte seiner Ahnen (der schwarzen wie der weißen) hat er so offensichtlich keine Ahnung, dass schon das Zuschauen wehtut: Ein farbiger Mann, der als reinweiß gesehen werden möchte und auch so gerne noch als Krieger fürs tausendjährige Vaterland in die Schlacht gezogen wäre.
Auch mein deutscher Großvater Hugo wurde in das große Völkermorden hineingezogen – direkt vom weltentrückten Acker seiner ostpreußischen Heimat in den Fleischwolf des Kurlandkessels. Er starb, Jahre nach der Kapitulation des tausendjährigen Monstrums, welches meine Mutter und ihre Geschwister als traumatisierte Vollwaisen zurückließ, in einem menschenleeren Winkel des Baltikum und liegt in einem namenlosen Massengrab auf dem Kriegsgräberfriedhof von Beberbeki begraben. Ich habe die letzte Ruhestätte von Großvater Hugo besucht und das einzige Gefühl welches mich dort befiehl, angesichts der grauen Kälte des lettischen Himmels und der stummen Wälder um mich herum, war die Erkenntnis der herzzerreißenden Sinnlosigkeit seines Todes. Wofür war Hugo dort in Elend, Nässe und Kälte krepiert? Wozu hatte man ihn seiner Frau und den Kindern entrissen? Ich empfinde Aussagen, die danach trachten in ein solches Elend irgendein Heldentum hinein zu interpretieren, als Beleidigung des Andenkens meiner Familie. Mein Großvater starb einen sinnlosen Tod auf Befehl eines Regimes welches das eigene Volk ebenso gnadenlos hinmetzeln lies wie alle anderen.
Eigentlich wäre Harald Weyel ein exzellentes Studienexemplar in Sachen Überkompensation von Minderwertigkeitskomplexen und dafür, dass man die seelischen Folgen einer kaputten Kindheit auch durch spätere berufliche Erfolge nicht mehr zu reparieren vermag. Aber dieser selbst ernannte Trittbrettfahrer des Bösen macht sich zum nützlichen Idioten derer, für die Fremdenhass selbst gegen Kinder zum täglichen Geschäft gehört – und da endet bei mir schlagartig jedwedes Verständnis. Wer sich aus eigenem Antrieb zum Sprachrohr der Unmenschlichkeit macht, der kann für sich keinen humanistischen Mitleidsbonus mehr in Anspruch nehmen.
Herr Weyel, sie mögen es politisch zu zweifelhaftem Ruhm gebracht haben, doch als Mensch sind sie gescheitert. Seien sie konsequent und deportieren sie sich selber!