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Was haben eine absurde Komödie und große Teile der deutschen Flüchtlingspolitik gemeinsam? Das man sehr oft nicht weiss, ob man angesichts dessen was da geboten wird, lachen oder weinen sollte.

Allerorten hört man von der mangelnden, ja oft geradewegs
verweigerten Integrationsbereitschaft der Flüchtlinge. So oft sogar, dass sich diese Version der Wirklichkeit mittlerweile unter viele andere „so was weiß man doch“ Stammtischweisheiten einreihen darf. Doch ich glaube nicht an die weisheitsfördernde Wirkung des Alkohols und bilde mir lieber selber eine Meinung. Ergo fuhr ich in der letzten Septemberwoche 2017 zum Bürgertag des runden Tisches Flüchtlingshilfe Bad Godesberg, um mir dort zwar nicht zum ersten, vielleicht aber doch vorerst letzten Male mein eigenes Bild von der Lage “vor Ort” zu machen.
Die Anfahrt war zwar kaum der Rede wert, doch wurden mir die letzten paar hundert Meter Fußweg, zum ganz und gar nicht ausgeschilderten Veranstaltungsort, beinahe zur regennassen Schnitzeljagd. Endlich angekommen erläuterte man mir das Prinzip der Veranstaltung wie folgt: Die Flüchtlinge agierten als “lebende Bücher”, man “lieh” sich eines davon aus und sprach mit ihm oder ihr, bis die Seiten keine Lust mehr hatten ihre Geschichte zu erzählen und man zum nächsten weiterging. Unverschämt frech wie ich nun mal bin, setzte ich mich sogleich zu einer kleinen Gruppe, die sich aus drei männlichen Flüchtlingen und einer deutschen Frau gebildet hatte.
Während die Herren, trotz ihrer guten Statur und des “besten erwachsenen Alters” in dem sie sich befanden, die Zeichen von Flucht und Entbehrung nicht vollständig aus ihren Gesichtszügen verbannen konnten, repräsentierte die Frau – sowohl vom Habitus wie auch Umfang her – angemessen den Wohlstand des deutschen Bildungsbürgertums. Und so gab sie recht freizügig Anekdoten ihres einst bewegten Lebens in der Andenregion Südamerikas zum Besten – doch war ich nicht hergekommen, um deutschen Globetrottern zuzuhören, denn ich bin ja selber einer. Was ich wollte, war den Geschichten dieser Flüchtlinge zu lauschen, dem Klang ihrer Stimmen und der Magie ihrer Erzählungen zu verfallen. Der dicken Dame neben mir passte mein Verlangen jedoch so gar nicht ins Konzept: „Jetzt überfordere ihn doch nicht dauernd“, keifte sie anfangs noch, um sich hinterher auf ein verbissenes „ich war aber zuerst hier“ zurückzuziehen.
Doch für mich waren dies keine infantilen Erstklässler, sondern Menschen die Krieg und Vertreibung durchgemacht und Situationen überlebt hatten, bei denen den meisten von uns das Blut in den Adern gefrieren würde. Es waren erwachsene Männer, die selbst entscheiden konnten, worüber sie mit wem reden wollten. Nach ca. 20 Minuten hatte die wohlmeinende Gutfrau neben mir ihr Repertoire an belanglosen Nettigkeiten erschöpft und verabschiedete sich kurz gebunden, um sich auf die Suche nach ihrer besseren Hälfte zu begeben. Jetzt konnten wir endlich loslegen!
Es brauchte nur wenige Augenblicke und zwischen uns hatte sich ein Band der Verständigung entwickelt, wie es nur gemeinsam durchlittenes Leid erzeugen kann. Ob mit Worten oder Händen und Füßen, wir verstanden einander und so erzählten mir Hussein und sein Freund Hassan (alle Namen geändert) die Geschichte ihrer eigenen Flucht und der ihrer Leute aus dem umkämpften syrischen Homs, von den Gärten die – von Generation zu Generation vererbt – einst vor den Toren der Stadt erblühten. Und wie sie dann alles, bis auf das sprichwörtliche Hemd am Rücken, zurücklassen mussten, um Hals über Kopf allein ihr Leben in der Flucht zu retten.
Durch Bürgerkrieg zerstörte Gebäude in Homs (Wikipedia)

Durch Bürgerkrieg zerstörte Gebäude in Homs (Wikipedia)

Sie berichteten mir von ihren Familien, von denen sie sich irgendwo zwischen dem Libanon und der Türkei trennten, damit wenigstens einer von ihnen die Chance auf ein menschenwürdiges Asyl erhielte, um dem Elend der Lager zu entkommen. Viele von ihnen warten nun schon seit einem Jahr und mehr darauf die geliebten Verwandten erneut in ihre Arme schließen zu dürfen und die meisten werden auch weiterhin vergeblich warten.
Sie zeigten mir Bilder ihrer zerbombten Stadt und berichteten wie daheim die Rückkehrer nur überleben können, wenn sie genug Geld genug haben, um Assads korrupte Milizen zu bestechen.
Dann meldete sich Ahmed aus dem Jemen zu Wort und als wir uns zusammen durch die einstmals so wunderbar verzauberten Gassen des historischen Viertels seiner Heimatstadt Sana’a träumten, da kamen uns allen fast die Tränen.

Ansicht von Sana'a vor Kriegsausbruch (Wikipedia)

Ansicht von Sana’a vor Kriegsausbruch (Wikipedia)

In Ahmeds Heimat tobt seit vielen Jahren einer der blutigsten Bürgerkriege der Neuzeit, vom Westen zumeist vergessen und verdrängt und das obwohl einer der Hauptprotagonisten dieser Menschenschlächterei ein großer Verbündeter und der Hauptöllieferant des Westens ist: das alle Standards moderner Zivilisation verachtende Regime von Saudi Arabien.
Zerstörungen im Süden Sana'as nach Luftangriff (Wikipedia)

Zerstörungen im Süden Sana’as nach Luftangriff (Wikipedia)

Ahmed zeigte mir Fotografien der Schule in seinem Ortsteil – zuerst eines mit einem Klassenraum voll fröhlicher Kinder, gefolgt vom Bild eines gespenstisch menschenleeren, dunklen und verwüsteten Gebäudes. Eine Druckwelle schien sämtliche Einrichtungsgegenstände wie Herbstlaub im Sturm durcheinander gewirbelt zu haben, nur die Schiefertafel am Kopfende des Klassenzimmers stand noch. Sie war so sauber gewischt, als habe der Lehrer gerade die nächste Unterrichtseinheit vorbereiten wollen. In ihrer Mitte prangte das kreisrunde Einschussloch eines enormen Projektils, in das wohl drei Männerfäuste kinderleicht hinein gepasst hätten. Leise fragte ich mich, worüber der Lehrer seine Schüler an dem Morgen wohl unterrichten wollte?
Als sich dann noch Aziz aus Afghanistan dazu gesellte, da begannen wir uns auch über die Situation der Geflohenen in Deutschland zu unterhalten und alle wussten sie ähnliches zu berichten: „Die sperren uns im Heim ein, als seien wir Verbrecher. Den ganzen Tag sitzen wir da nur rum, wie in einer Gefängniszelle und haben nichts zu tun“. „Ich musste über ein Jahr lang darauf warten, überhaupt zu einem Sprachkurs zugelassen zu werden – und ich will doch Deutsch lernen!“ „Auf meinem Zimmer war ein Drogendealer, den habe ich immer wieder bei der Heimleitung angezeigt, ohne dass die irgendwas gemacht hätten. Ich will doch mit so einem nicht auf derselben Stube sitzen. Der hatte die ganze Schublade voller Stoff: ‘guckt da einfach mal rein’, habe ich der Leitung des Heimes immer wieder gesagt – vergeblich. Der Kerl hat dauernd laute Musik gespielt und seine Junkie-Kunden bedient, die ganze Nacht und ich wollte doch früh aufstehen um Deutsch lernen zu können. Am Ende habe ich mir ein paar Tüten geschnappt und bin als Obdachloser in den Stadtpark gegangen.“
Am unakzeptabelsten jedoch fand ich den immer wieder beklagten Mangel an Lernmaterial, ausgerechnet im Überflussland Deutschland: „Die geben uns keine Bücher zum mitnehmen, kein Lernmaterial für Hausaufgaben – rein gar nichts!“ „Ja, am Ende muss alles wieder abgegeben werden und während des Unterrichts müssen wir uns zu zweit oder dritt jeweils ein Buch teilen, “ „Und dann sind die Bücher manches mal in einer Sprache, die wir gar nicht verstehen oder der Lehrer selber spricht etwas ganz anderes als wir“
Auf einmal wurde mir klar, welchem Zufall des Lehrkörpers es zu verdanken war, dass einige fast schon perfekt Deutsch sprachen, während andere – obwohl gleichzeitig hier angekommen – kaum mehr als fünf Sätze pro Stunde in dieser Sprache zusammen bekamen. Da entschied ich: Zwar kann ich Homs nicht wieder aufbauen und nicht einmal die wunderbaren Haustore von Sanaa aus dem Feuer retten, aber Do-it-Yourself Sprachkurse in Arabisch und Urdu besorgen, dass könnte ich sehr wohl. Prompt unterbreitete ich meinen Vorschlag dem anwesenden Vertreter des lokalen Flüchtlingshilfevereins, der mich zuerst verdattert anstarrte, um mir dann am Ende – immer noch mehr oder weniger ratlos – seine Visitenkarte in die Hand zu drücken.
„So so, Sprachlernkurse für Flüchtlinge wollen sie spenden? Originelle Idee, so etwas habe ich auch noch nicht gehört“. Irgendwie gelang es mir nicht den Mann davon zu überzeugen, dass es Selbstlernkurse gab, die von namhaften Verlagen speziell auf die Bedürfnisse von Anfängern zugeschnitten waren. Ich gab ihm meine Kontaktdaten und verließ spät am Abend die zu Ende gehende Veranstaltung, nachdem ich meinen neu gewonnen Freunden versprochen hatte: „Hilfe ist auf dem Weg“.
Es verging eine Woche, dann zwei – und niemand rief an oder schickte mir eine eMail. Schließlich rief ich meinerseits bei dem Verein an, nur um am Telefon ein mir bereits bekanntes Hörspiel geboten zu bekommen: „Ich verstehe nicht, was meinen sie, was wollen sie? … Ach, so etwas hatten wir ja noch nie!“ Dann wurde ich belehrt, das *dieser* spezielle Verein sich ausschließlich um Jugendliche im noch schulpflichtigen Alter kümmere, wo man ausreichend Lehrmaterial verfügbar habe: „Die Erwachsenenbildung ist nicht unser Bereich, damit haben wir nichts zu tun. Versuchen sie es doch mal da und da
Also rief ich “da” an – und hinterließ eine Nachricht nach der anderen auf einem Anrufbeantworter, den offenbar nie jemand abzuhören scheint. Ich möchte mich ohrfeigen, dass ich mir damals nicht einfach die Telefonnummern bzw. Adressen meiner arabisch-afghanischen Gesprächspartner aufschrieb, um ihnen das versprochene Studienmaterial gleich selber direkt ins Flüchtlingsheim zu liefern. Die Desorganisation wohlmeinender aber oft eigenbrötlerischer Hilfsvereine, die nicht mal aktuelle Kontaktinformationen gleichgesinnter Gruppierungen einen Ort weiter vorzuhalten vermögen, hat mich nun zum Lügner Menschen gegenüber gemacht, die bereits viel zu oft auf ihrer Flucht belogen wurden – und ich mag mich nicht zum Lügner machen lassen 🙁