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All posts for the month Juli, 2017

An einem sonnigen Dienstagabend steckte ich hinter einer Kolone aus schon in die Jahre gekommenen Wohnwagengespannen auf einer ebenso engen wie unübersichtlichen Landstraße fest. Der zweite Tag meiner ersten Arbeitswoche auf dem neuen Projekt war lang und die noch folgenden dürften kaum kürzer werden. Im Gegensatz zu den in Ehren ergrauten Familienvätern vor mir, welche mühselig genug versuchten ihren ebenfalls nicht mehr ganz neuen Mittelklassewagen ein Zugvermögen zu entlocken, für das diese nie konstruiert worden waren, rührte meine Verzweiflung nicht vom mechanischen Unvermögen meines Gefährts her, als sie vielmehr der Tatsache geschuldet ist, dass der Gedanke an einen weiteren Monat in irgendeinem Hotelzimmer an wieder so einem gottverlassenen Winkel der Welt in mir nicht die geringste Vorfreude auszulösen vermag.

Dafür habe ich nun also studiert und die Nase an den Wochenenden die Bücher statt ins Cocktailglas gesteckt?“ Und wie so oft war die ernüchternde Antwort auf die mir selbst gestellte Frage: „Ja du Trottel – genau dafür!
Just in diesem Moment fuhr auf der freien Gegenspur ein in knallfarbiger Sommermontur gekleideter Mopedfahrer den kleinen Tross entlang, welchen die sonnige Luft zu fröhlicher Lenkerakrobatik anzuspornen schien. Jedenfalls reckte der muntere Sommerfrischler während der gesamten Steigung den dahinkriechenden Autofahrern seinen ausgestreckten Arm mit flacher Hand zu etwas entgegen, dass ich ansonsten nur als “Hitlergruß” kenne. Wohlgemerkt, der Zweiradakrobat hatte weder ein bestimmtes Fahrzeug gegrüßt, noch mit der Hand gewinkt. In einer Posse wie Adolf auf dem Eierbräter fuhr er gemächlich einen nach dem anderen ab und ich fühle mich befleißigt ihn meinerseits mit dem einzigen Gruß zu antworten, zu dem meine denkerlahmte Großhirnrinde sich aufzurappeln imstande war:

Jeder Führergruß verdient zumindest mal den Stinkefinger und so gab ich meinem Mittelfinger gleich reichlich Gelegenheit zurückzugrüßen – ohne dass es den so bedachten auch nur in der geringsten Art angefochten hätte.
Jetzt könnte ich das alles einfach unter der Rubrik “osthessischen Landleben im ehemaligen Zonenrandgebiet” ablegen und gut ist – aber es ist eben nicht gut, nicht mal ansatzweise. Denn ich bin es leid und mag nicht mehr!

Die vergangenen Wochen habe ich als Gast im Hause eines Buchfans zugebracht, der ich auf einer meiner Lesungen begegnet war. Sie ist die Witwe eines ehemals selbst schriftstellerisch tätigen Musikwissenschaftlers, doch leider erwies sich meine Annahme, dass auch der Rest ihrer Verwandschaft aus intellektuellen Geistesgrößen bestünde, als fataler Trugschluss.
Und so gibt es auch hier einen Dibbuk, den Aufhocker in der Nacht, dem Harmonie und “leben und leben lassen” schon deshalb gegen den Strich gehen, weil er mit seiner eigenen Existenz von Grund auf unzufrieden ist. Ihr Schwager Axel war, nach dem frühzeitigen Exodus des Bruders, seinerzeit nicht nur geografisch hinter dem Eisernen Vorhang zurückgeblieben, er konnte auch, trotz zeitweiliger Anstellung im ostdeutschen Kulturbetrieb, nie eigene Erfolge wirtschaftlicher oder akademischer Art vorweisen.
So hat er sich im Laufe der Jahre zum Abziehbild eines Jammer-Ossi entwickelt – und wie das Klischee es verlangt, sieht er überall Verschwörer, die “sein Vaterland” mit Einwanderern überschwemmen, deutsche Frauen „ungestraft von Asylanten belästigen lassen“ und überhaupt „geht die Gefahr für das Vaterland von den Linken aus. Jetzt kann die Rettung für Deutschland nur noch von der nationalen Rechten kommen!

Mit derartigen Hirnlosigkeiten überschüttete dieser geistige Tiefflieger des ewig Gestrigen während meines Aufenthalts uns per E-Mail und am Telefon, sobald er überhaupt Gelegenheit dazu bekam irgendetwas von sich zu geben. Mit seinem Fanatismus in dieser Sache ist der Kerl, als begeisterter AfD Anhänger, eine regelrechte Plage und so bin ich auf seine fremdenfeindliche Korrespondenz, welche er regelmäßig mit der Alternativen Oberrassistin Beatrix von Storch austauscht, sogar unter der literarischen Hinterlassenschaft seines Bruders gestoßen. Ebenso wie er unaufhörlich Werbung für das rechte Propagandaportal Junge Freiheit macht und bei den Telefongesprächen bei denen ich selber Ohrenzeuge war, mit seinen fremdenfeindlichen Tiraden derart unerträglich jedem über den Mund fuhr, dass ich dem Kerl am liebsten eine geklebt hätte. Denn trotz seines fortgeschrittenen Alters, sind Anstand und Respekt vor den Gefühlen anderer ein absolutes Fremdwort für diesen Grobian.

Dieser Unmensch hat es doch tatsächlich fertig gebracht einen Satz wie „ich bin doch kein Rassist, ich war doch mal selbst mit einer Negerin zusammen!“ hinauszuposaunen, ohne dabei auch nur ins Stottern zu geraten.
Als mich die alte Dame eines Tages bat ihr zu helfen, Axels ganzen rechten Unflat aus ihrer Inbox zu entfernen, da war ich ebenso überrascht wie entsetzt, ob der menschenverachtenden Natur des Hasses der sich in jeder seiner Mitteilungen ausdrückte. Dies hier ist lediglich ein kleiner Ausschnitt des rechtsradikalen Propagandamaterials, mit welchem er ungefragt jeden zumüllt, bei dem er damit durch den SPAM-Blocker kommt:
Egal ob Farbige, Ausländer oder Asylsuchende, ob ethnische, religiöse oder sexuelle Minderheiten – jede Gruppe deren Hauptmerkmal die Verwundbarkeit ist, die das Ausgegrenzt sein mit sich bringt, sie alle kriegen bei Axels Massenmailings “ihr Fett weg”.
Ja, ich bin nur aufgrund der Bitte der eigentlichen Adressatin, in ihrer Inbox aufzuräumen, über diesen Dreck gestolpert und wäre das Telefon nicht dauernd auf Lautsprecher geschaltet gewesen, hätte ich wohl auch von seinen gesprochenen Hasstiraden wenig mitbekommen. Aber wie bereits zu Anfang erwähnt – ich bin es leid und mag nicht mehr!
Bei jedem meiner Projekte betreue ich Computersysteme und Server die Millionen € wert sind – jetzt gerade wieder befindet sich die die IT eines der größten Logistikdienstleister Europas in meinen Händen. Wäre ich inkompetent – oder gar noch schlimmer ein böser Terrorist und Übeltäter – dann könnte ich Hunderttausende mit einem Kommandozeilenbefehl von ihren Post- und Materiallieferungen abschneiden und damit Folgekosten für die Volkswirtschaft in einem mehrstelligen Millionenbetrag verursachen. Doch in meinen zwei Jahrzehnten als Systemadministrator in der Großrechner IT ist mir dies noch nie passiert – und dass nach einem Berufsleben, welches drei Kontinente und mehr Länder umspannt, als ich hier aufzuzählen Zeit habe. Und auch dieses Mal arbeite ich mit Kollegen aus allen Teilen der Welt zusammen, gerade jetzt sitzt hinter mir ein schwarzer Einwanderer (Axel aufgepasst, deine schlimmsten Albträume werden war!) aus Eritrea und kümmert sich um die Buchhaltung im System.
Wir “Neger” vermehren das deutsche Bruttosozialprodukt seit mehr als drei Jahrzehnten und ich mag es nicht mehr leiden, dass jeder dahergelaufene Verlierer meint, sein Mütchen straflos an meiner einem kühlen zu dürfen.

Dieser Dresdner Hinterwäldler hat in seinem Leben nichts zu Stande gebracht, außer eine Frau zu schwängern. Mein Vater war Zahnarzt und promovierter Allgemeinmediziner, sein älterer Bruder ist einer der angesehensten Mediziner des Landes und war sogar im Auftrag ihrer Majestät in Übersee tätig. Der jüngere Bruder meines Vaters war Zeit seines Berufslebens Chefingenieur für eine der größten Brauereien der Welt – und das von Lagos bis auf die Bahamas.
In meiner afrikanischen Familie gibt es weder Bettler noch Diebe oder Sozialhilfeempfänger und ich fordere diesen ostdeutschen Lümmel und seine hochnäsig verstorchte Briefreundin öffentlich auf, mir auch nur eine einzige(!) “ihrer” weißen autochthonen Familien zu zeigen, welche der meinige in Fragen von Anstand, Moral oder auch nur einfach persönlich erarbeitetem Erfolg das Wasser reichen könnte.
Ja ich bin ein Mischling und die Hälfte meiner Familie läuft seit jeher schwarz wie die Nacht durchs Leben – und Axel, wir sind alle miteinander besser als du, deine AfD und deine von dir so hoch verehrte Madame Beatrix. Wir haben mehr im Leben geleistet, es weiter gebracht und von dort wo wir die multikulturelle Welt betrachten, da seid ihr einfach nur die politischen Ratten aus der Kanalisation der Gesellschaft.
Ich bewegt euch euer ganzes, vom Rest der Menschheit subventioniertes, Leben verbal in der Gosse weil ihr euch da wohlfühlt. Und noch etwas Axel: Ich war viele Jahrzehnte vor dir steuerzahlender Bürger des freien Teils von Deutschland. Ja wir Farbigen, Schwarzen, Türken, Moslems, Hindus, Asiaten weiss-der-Geier-woher stämmigen MultiKultis – wir alle waren bereits lange vor euch AfD-Ossis hart arbeitende Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Wer zum Shaitan hat eigentlich euch Zuspätkommer der Geschichte dazu berechtigt uns, die wir von Anfang an dabei waren, die Tür zu weisen? Was fällt diesen ewig Jammernden eigentlich ein, knapp 20% der bundesdeutschen Bevölkerung zu unerwünschten Elementen zu erklären?

In aller Welt hat es erneut solche die meinen sich aufgrund einer angeblich besonders “edlen Abstammung” über andere als weniger wertvoll erachtete Ethnien und Kulturen – sogar als Teil des eigenen Landes – erheben zu dürfen:
Egal ob Kaczyński in Polen, Orbán in Ungarn, Erdoğan in der Türkei, Putin in Russland oder Trump in Amerika. Auf allen Erdteilen kommen die rechtsnationalen Nager aus dem Versteck, um ihre schmutzigen Beißer am Gerüst einer von gleichgültigen Eliten im Stich gelassenen Gesellschaft zu wetzen. Aber immer noch werden jeden Morgen die Straßen gefegt, wird die Milch geliefert und die Zeitung ausgetragen, arbeiten Millionen ehrlicher Menschen aus aller Herren Länder – weiß, braun, gelb, schwarz und grün gepunktet – einen langen harten Tag um dieses Land und viele andere am Leben zu erhalten. Ich mag es nicht mehr leiden, dass die ewig gestrigen uns dauernd in die Suppe spucken, nie praktikable Lösungen anbieten, sondern immer nur Hass, Hass und wieder Hass predigen. Dauernd nur Zwietracht säen, Uneinigkeit stiften und den einen gegen den anderen hetzen, weil dessen Eltern woanders geboren wurden, oder „der da“ zum lieben Gott in eine andere Himmelsrichtung betet als man selber.
Die Polkappen schmelzen fast noch schneller als unsere vom Negativzins bedrohten Altersrücklagen, alle Welt erbebt im Waffenkaufrausch, Idioten bedrohen uns von vorne mit Terror, von hinten mit dem Überwachungsstaat und von beiden politischen Extremen her mit Gewaltexzessen und Axel nebst Konsorten fällt die ganze Zeit nichts Besseres ein, als jeden der es nicht hören will vor dem bösen Neger in der Nachbarschaft zu warnen?
Wer so dämlich ist, dass er in brauner Haut mehr Gefahr zu erkennen meint, als in brauner Gesinnung, der verdient das nächste 1945 dreimal über. Aber das Land besteht eben nur zu einem Teil aus solch geistigen Dinosauriern und zum überwiegend anderen aus ehrlichen, anständigen Menschen und ich will, dass sich diese Akteure des Guten nicht länger von den Schreihälsen am Rande des Spielfeldes ins Bockshorn jagen lassen. Die Welt gehört denen, die daran arbeiten sie zu verbessern – jeden Tag ein bisschen mehr – und nicht den Nihilisten des Untergangs, welche immer nur die Apokalypse predigen und im Grunde nur Kaputniks sind, die alles um sich herum genauso fertig gemacht sehen wollen, wie sie es selber sind.

Ich will, dass der Hass ebenso geächtet wird wie die, die ihn verbreiten. Ich will, dass ein Mensch nach seinen Taten und nicht nach seiner Herkunft oder der Gruppe welcher man ihn zuordnet, beurteilt wird. Ich bin Richard Fraysier, ein Individuum und kein identitätsloses Stück brauner Haut. “Wir” stecken nicht alle unter einer Decke und gleich aussehen (oder denken) tun wir schon mal gar nicht.