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Perspektivlosigkeit ist nicht immer von Nachteil, jedenfalls dann nicht, wenn einem erst ein Wechsel der Blickrichtung die Sinnlosigkeit des eigenen Strebens offenbart.
Einfacher formuliert: Der Hamster dreht so lange fröhlich am Rad, wie er noch meint sein Kreisrennen gewinnen zu können. Erst wenn so ein übereifriger Nager aus seiner Exerziermaschine heraus tritt und erkennt, dass er sich, trotzt allen Gerennes, nicht einen Zoll von der Stelle bewegt hat und ergo immer noch im gleichen Käfig gefangen ist, dürften vielleicht bei dem ein oder anderen Exemplar seiner Art gewisse Zweifel ob der Sinnhaftigkeit solchen Tuns aufkommen – oder vielleicht auch nicht.
Auch wenn meine Ernährung nicht aus Mohrrüben und infantilen Streicheleinheiten besteht, so habe auch ich einen Käfig – “Büro” genannt – und drehe darin gleichfalls täglich am Rad, mindestens so viel, wie jeder Hamster der was auf sich hält.
Nach einem derart unerfreulich langen und exquisit unproduktiven Arbeitstag freute ich mich auch heute darauf, wenigstens dem Abend noch einen sonnendurchwirkten Spaziergang abzuringen.
Inmitten des Grenzlandes, zwischen urbaner Vorstadt und kleinbäuerlichem Ackerland, das meine derzeitige Heimstatt auf Zeit ausmacht, nahm ich also meinen vierbeinigen Kumpel an die Leine und zusammen machten wir uns auf den Weg die Waldstraße entlang. Kaum hatten wir die erste Biegung aus der Siedlung heraus hinter uns gebracht, da bemerkte ich auch schon eine ältere blonde Frau, welche uns mit ihrem großen Setterhund entgegenkam.

Wichtel Äffchen – ich hab dich ganz doll lieb
Mein Witbooi ist ein Findelkind, den ich als kleinen Welpen inmitten der Ödnis der Wüstenreservation der Navajos im nördlichen Neu Mexiko fand. Dort halten sich die Einheimischen Hunde als lebende Alarmanlagen, ohne dabei viel Emotion an das Tier an sich zu vergeuden. Und halbe Tage vom nächsten Polizeirevier entfernt, ist es überlebenswichtig, dass die Hunderasse, welche man sich für diesen Zweck heranzüchtet, extremst aufmerksam, neugierig und doch auch allen Fremden gegenüber misstrauisch ist. Zugleich sollten sie aus dem Stand heraus bereit sein, sich jedes Angreifers, egal ob Mensch oder Tier, zu erwehren.
Kurz gesagt, mein kleiner Kumpel ist sehr speziell in der Wahl seiner Freunde und das haben wir zwei gemeinsam. Leider begreift das nicht jeder Couch verwöhnte Vorstadtschoßhund und so halte zumindest ich mich mit ideologischer Inbrunst an die Leinenpflicht in stadtnahen Gebieten. Da ich ihn außerdem in solchen Situationen in Ruhestellung verharren lasse, gäbe es eigentlich keine Probleme – wenn, ja wenn es da nicht immer wieder, neben vielen denen die Leinenpflicht eh am Allerwertesten vorbeizugehen scheint, nicht auch solche gäbe, die meinten, nur weil sie mal drei Folgen vom Hundeflüsterer in Reihe gesehen haben, nun selbst Experten in Sachen Hundeerziehung zu sein.
Nebenbei bemerkt, mein vierbeiniger Freund war bereits in einem guten Dutzend Hundeschulen, sogar in einer, die von einem Adepten von Cesar Millan geführt wird. Dort haben mir alle Experten bestätigt, dass mein Hund weder bösartig noch überhaupt in “Problemhund” sei, sondern einfach nur seiner Natur gemäß agiert. Und in der Tat sind die Vorgärten der Siedlung hier, voll von Kläffern, die regelrecht durchdrehen, wenn ich mit meinem Kleinen ganz ruhig an “ihrem Gartenzaun” vorbeigehe.
Doch sind deren Besitzer gute, weiße Deutsche. Ich dagegen bin, in den Augen vieler, ein Farbiger weiß-der-Geier-was, mit einem schwarz glänzenden Hund, der eine Reihe blitzblank polierter und zugegebenermaßen beeindruckend großer Zähne sein eigen nennt. Dabei ist er von Haus aus weder aggressiv noch kämpferisch veranlagt, aber er besteht darauf zu ergründen, was einer der sich ihm nähert, im Schilde führt – egal ob Mensch oder Tier. Er tut also genau das, wofür seine Vorfahren einst gezüchtet wurden.
Zwar hat sogar mein Vermieter einen noch größeren Hund, mit noch bemerkenswerteren Zähnen, der regelrechte Knurrorgien hinlegt, ohne dass es dafür irgendeines besonderen Anlasses bedürfte. Doch ist sein Herrchen ein Deutscher, der auch so aussieht und er genießt dementsprechend eine größere Narrenfreiheit, als ich sie hierzulande in Anspruch nehmen kann.

Und so geschah heute – mal wieder – das wohl von Zeit zu Zeit Unvermeidliche:
Ich stand ganz ruhig am Waldesrand, mit meinem ebenfalls ruhigen Hund fest unter Kontrolle und in Habachtstellung und bedeutete der Frau auf der anderen Straßenseite, dass sie bitte einfach nur weitergehen möge. Sie jedoch glaubte sich berufen direkt vor mir anzuhalten, um mich darüber zu belehren, dass mein Hund wohl noch einer entsprechenden Abrichtung bedürfe: „Na, Sozialverhalten müssen wir wohl erst noch lernen, gelle?
Bei diesen Worten sah sie mich an und ihr Hund starrte meinen an – woraufhin Letzterer seiner Natur gemäß reagierte und ich meine liebe Mühe hatte, die Kontrolle zu behalten bzw. nicht selbst die Beherrschung zu verlieren. Dies wiederum spornte Frau Besserwisser dazu an, mir erst recht die Leviten lesen zu wollen, woraufhin ich dann ihr die Grenzen meiner Geduld anzeigte.
Was als problemfreier, sonniger Spaziergang angedacht war, endete beinahe in Geschrei und Gekreische und fand mich mit einem viel höheren Blutdruck den Weg entlang stampfen, als ihn mir all der vorhergegangene Frust im Büro hatte bescheren können.
Warum erzähle ich nun davon? Fürwahr, dies war weder das erste noch wird es das letzte Mal sein, das mir jene typisch teutonische Kombination von sozialer Schnüffelei und besserwisserischer Hysterie den Tag vermiest.

Aber genau das ist es ja – so etwas widerfuhr mir, in meinen vielen Jahrzehnten der Weltenwanderschaft, immer nur in Deutschland. Niemals in England, Schottland, Tschechien, Polen, dem Baltikum, Italien, den USA, Kanada oder Mexiko – ja selbst im hundeunfreundlichen Ägypten ist mir so etwas nicht vorgekommen – und wäre dort wohl auch ziemlich undenkbar.
Denn in solchen Ländern steckt man aus Prinzip seine Nase nicht in anderer Leute Angelegenheiten und gibt Fremden keine “schlauen” Ratschläge, um welche diese nicht zuvor gebeten haben. Und wer es doch macht, der ist auch sogleich als “Busybody” verschrien.
Ein Schimpfwort, für Leute, die sich allzu sehr ob anderer Leute Augensplitter erregen, und ein Begriff, für den es bezeichnenderweise im Deutschen keine rechte Entsprechung gibt – denn hierzulande gilt ein solches Verhalten nicht als verdammenswert.
Im Gegenteil, es herrscht in Deutschland, bei weiten Teilen der einheimischen Bevölkerung, eine kulturelle Blockwartmentalität vor, die einen unnachgiebigen Druck zur Ein- und oft auch Unterordnung des Individuums unter die Verhaltensnormen des Kollektivs für erstrebenswert hält und dabei die Aufgabe der eigenen Persönlichkeit mit “Integration” verwechselt.

Schon als Kind erfuhr ich, dass die Gemeinschaft, die ja angeblich immer alles besser weiß als der Einzelne, glaubte meiner einen besonders intensiv darauf hinweisen zu müssen “wo es lang geht”. Selbst wenn diese Volksgenossen bereits gezeigt hatten, dass sie nicht mal wussten, wo vorne und wo hinten war in ihrem eigenen Leben.
Dabei musste ich auch schon lange vor Gustl Mollath & Co vorsichtig sein, mich mit solchen Beschwerden nicht in die Nähe von paranoiden Verfolgungsängsten zu begeben.
Denn eines der beliebtesten Totschlagsargumente von Protagonisten des konformistischen Status quo war von jeher: „Das bildest du dir alles nur ein!
Nur in Deutschland passiert es mir, dass vollkommen Fremde, vom Dating Portal bis hin zum Spaziergang auf der Straße, absolut unvermittelt meinen, mich ob meines vorgeblichen “Cowboyhuts” zur Rede stellen zu können:
„Auf so einen wie dich haben wir hier gerade noch gewartet …“, war dabei noch eine der gemäßigteren Ansagen, welche ich mir anzuhören hatte. So etwas passiert mir in D immer wieder: Bei der Fahrt im Bus, beim Gang durch die Stadt oder auf der Arbeit auf dem Weg zur Kantine. Hingegen hat sich nie jemand in Assuan, London, Rom, Kopenhagen, Antwerpen oder Glasgow darüber erregt, dass ich einen Hut trage und in Fünf-Finger Schuhen durch die Landschaft schreite. Die “autochthonen Teutschen” tuen dies hingegen mit beständig unangenehm hoher Häufigkeit. Dabei ist offensichtlich, dass sich hierzulande auch viele Weiße einen Hut erlauben, von den krachledernen Urtümlichkeiten bajuwarischer Kleiderfolklore ganz zu schweigen. Nur sind jene anderen Kleiderträger halt “gute weiße Deutsche”.
Von jemandem wie mir erwartet man jedoch, dass ich meine “Loyalität zur Leitkultur” (woraus auch immer diese bestehen mag) durch eine besonders konforme Kleiderwahl und entsprechend devotes Auftreten in der Öffentlichkeit (nebst unterwürfigem Wauwau) kundtue.
Nur gibt es da ein nicht so kleines Problem: Ich kann nämlich Onkel Tom nicht ausstehen und behalte mir das (Menschen)Recht vor, jedem Dumm zu kommen der mir so kommt. Ja, ich bin ein unbotmäßiger “Neger”, denn mich hat niemand gefragt, ob ich in Deutschland geboren werden wollte oder dort aufwachsen möchte. Also habe ich auch wirklich nicht die geringste Motivation, untertänigst meine Dankbarkeit dafür vor mich herzutragen, “hier leben zu dürfen”.
Ich kann hier sein, weil dies mein Geburtsrecht ist – und ein verdammt teuer Bezahltes dazu.

Gestern Abend lief im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mal wieder eines jener “Hart aber (Un)Fair” TV Rituale ab, in denen reflexhaft auf den jeweils zum kollektiven Abschuss freigegebenen Emmanuel Goldstein verbal eingedroschen wird – dieses Mal personifiziert durch einen Testosteron geschädigten Midlife Crisler namens Erdogan, der nicht einmal in Deutschland, sondern im fernen Ankara sein Unwesen treiben soll, und dabei immer noch offiziell, als einer der engsten Verbündeten Deutschlands gilt.
Was man bei anderen Völkern und Weltenlenkern allzu gerne als Heuchelei brandmarkt, wird in Deutschland nun schon seit vielen Monaten mit einem Formalismus praktiziert, der in ekelhafter Weise vorhersagbar ist:
Man pikiert sich über den, immerhin frei gewählten, Mann vom Bosporus, ohne selber auch nur die geringste Ahnung von der Türkei zu haben, obgleich man vielleicht selbst gerade noch im letzten Urlaub dort war und nutzt praktischerweise die Gelegenheit auch noch gleich zum Rundumschlag, gegen alle Burkaträger, Fünfmal-am-Tag-Gottanbeter und dunkelhäutigen Doppelpässler.
Wohlgemerkt, gute, hellhäutige Russen mit Deutschem Schäferhund im Stammbaum (aka “Russlanddeutsche”), dürfen ruhig mit so vielen Pässen, wie es der Zarin gefällt, durchs Leben laufen – denn wahrhaft Deutscher kann nur sein, wer deutschen oder artverwandten Blutes ist.
So was weiß man doch, gelle?!

Ein böser Schelm, wer etwa daran dächte Siebenbürger Sachsen ihre, über die Jahrhunderte sorgsam gepflegte, Integrationsunfähigkleit vorzuwerfen, oder von den USA die Abschaffung der Todesstrafe als Vorbedingung für TTIP und visafreien Reiseverkehr verlangte.
Wer wollte es wagen, katholischen Nonnen das Betreten öffentlicher Plätze in ihrer Ordenstracht zu untersagen, oder ostdeutschen FKK’lern ihren Nacktbadespleen abspenstig zu machen.
Sollte aber einer Muslima der Sinn danach stehen, sich nicht an der neuzeitlich hedonistischen Fleischbeschau a la Vogue und Cosmopolitan zu beteiligen und sich gar per Kopftuch und anderen Bekleidungstücken dem streng urteilenden Blick der Leitkultur zu entziehen, dann, ja dann muss die herrschende Kultur (der Herrenmenschen?) den Beherrschten zeigen, was in Deutschland wahre Freiheit ist.

Im Lande des Arminius hat jeder Ausländer – oder wer auch nur so aussieht – die “Freiheit” sich bedingungslos unterzuordnen, oder die Koffer zu packen und abzuhauen!

Und gegen Ende der Sendung wurde dann auch noch der sprichwörtlich leisetreterische türkisch-deutsche Jungakademiker vorgeführt, der geziemend devot um Verständnis für seinesgleichen bat.
Da wollte ich schon ausrufen „Allah, wie ekelhaft ist alles das!“ – nur muss man als braunhäutiger Mensch heutzutage vorsichtig sein, den Namen einer imaginären Gottheit, der mit ‘A’ beginnt, allzu laut von sich zu geben.

Warum kroch dieser Nachfahre Süleymans und des großen Atatürk da so unnatürlich zu Kreuze?
Weil er zwar in Deutschland aufgewachsen ist, hier zur Schule ging und seine Steuern zahlt und auch bald schon kränkelnden Schrumpfgermanen helfen soll, ihr Leben zu verlängern – aber eben kein Thilo Sarrazin ist.

Von einem wie uns wird erwartet, dass man die “Leitkulturdeutschen” mit gesenktem Kopf und leiser Stimme anspricht, keinen Stolz auf eigene Leistung oder gar die einer Kultur an den Tag legt, welche der Leitenden suspekt erscheint.
Dabei hätte ich mir gewünscht, dass er der versammelten Runde von teutonischen Weltgenesern – plus einem Alibitürken und dem sprichwörtlich unbedarften Blondinchen – den rhetorischen Fehdehandschuh hinwirft: „Wer seit ihr denn, dass ihr mir meiner einem die Freiheiten in Abrede stellt, die ihr jeden Tag ganz selbstverständlich in Anspruch nehmt? Ich kleide mich und gehe auf öffentlichen Wegen spazieren wie ich will und habe genau dasselbe Recht, darob von aller Welt in Ruhe gelassen zu werden, dass ihr auch für euch in Anspruch nehmt!
Gesetze und Verordnungen zu verabschieden, die eine spezifische Kleiderordnung nur für Angehörige bestimmter Religionsgemeinschaften oder Ethnien kodifizieren, wäre nicht nur diskriminierend, es wiederspräche auch den Prinzipien der freien Religionsausübung und verletzte die grundlegendsten Menschenrechte.
Wer Kutten in der Öffentlichkeit verbieten will, der tue dies für alle Religionen. Wer der Muslima ihre Burka und den Niqab abspenstig machen will – um selbst jene zu “befreien”, die nie um Befreiung gebeten haben – der befreie gleichermaßen auch katholische Ordensschwestern oder trauernde italienische Witwen von deren grottenähnlicher Kluft.
Erst heute Morgen kam mir ein Motorradfahrer entgegen, der seine Gesichtszüge nicht nur vermittels einer extra stark getönten Sonnenbrille, sondern auch noch gleich hinter einem Mad Max artigem Mundschutz nebst Bandana verbarg.
Verstehe ich diese ganzen “Muslimabefreiungsversuche” richtig, dass von nun an jeder (weiße) Mann mit nachtschwarzer Sonnenbrille und tief in die Stirn gezogener Sturmkappe in die Bankfiliale darf, aber eine Muslima mit Kopftuch und – Jesus Christus beschütze uns – Gesichtsschleier, nicht mal mehr an der Gemüsetheke bedient werden soll?
Das also bleibt von Freiheit und Menschenrechten übrig, wenn sich die Leitkultur erst mal der beiden bemächtigt hat.
Da ist mir Erdogan lieber, der ist zumindest ehrlich, was seine Dominanzansprüche anlangt. Aber unterordnen würde ich mich keinem dieser “Herrenmenschen”, denn ich bin nicht so wie alle anderen, war es nie und werde es nie sein.

Ich werde von dieser deutschen Leitkultur an mein Anderssein erinnert, seit ich alt genug zum Laufen bin – und mittlerweile gebe ich den Autochthonen Teutonen in diesem einen Punkt recht, denn:
If you are color blind, then you can’t see me!


PS: Mittlerweile wurde ich von meinem Vermieter informiert, dass besagte “Dame” mich, bzw. meinen Hund, beim Ordnungsamt denunziert hat. Da ich nicht vorhabe, mich solch unprovozierten Anfeindungen unterwürfig zu fügen, wird das ganze jetzt also auch noch ein juristisches Nachspiel haben.