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All posts for the month Juli, 2016

Heute Morgen wurde ich auf dem Weg zur Arbeit Zeuge einer jener Gutmenschlichkeiten, die “guild ridden white liberals” des Öfteren begehen, um damit Leuten wie mir einen Gefallen zu tun. In eben solchen Momenten wünsche ich mir immer inständig, dasss man “meiner einem” aus dieser Ecke bitte keine Gefallen mehr (an)tun möge:
Im Radio unterhielten sich zwei Reporter über die guten Vorsätze, zu welchen sie sich, anlässlich des anstehenden Nelson Mandela Days, selbst verpflichten wollten.
Und wie um jedes Klischee, das über “die Lügenpresse” kursiert, Wahrheit zu strafen, posaunte der eine der Beiden lauthals in die Welt hinaus, dass er von nun an, in seinen Berichten und Nachrichtenbeiträgen, das Wort “Rasse” unter allen Umständen vermeiden werde. „Es gibt ja in Wirklichkeit gar keine Rassen, sondern wir sind doch alle nur Menschen.“
„Jawohl!“, pflichtete ihm sein unsichtbares Gegenüber sofort bei, „das Wort ‘Rasse’ ist definitiv eines jener Worte, dass aus unserem Wortschatz entfernt gehört.“
Ich fuhr mit 180 km/h auf der Autobahn, während ich dieser abenteuerlichen Selbstbezichtigung zweier Journalisten lauschte – sonst hätte ich wohl in jenem Moment angefangen, das Radio in meiner Verzweiflung zu würgen. Ein Journalist soll(te) der Wahrheit verpflichtet sein und nichts anderem. Und wer die Tatsache (verbal) ignorieren will, dass sich große Gruppen von Menschen über ihre Ethnie und Hautfarbe definieren, darf sich nicht mehr Berichterstatter der Wahrheit nennen. Und auch wenn die, im Volksmund oft so verbreitete, Gleichsetzung von Hautfarbe, ja oft sogar von Akzent und Religion, mit “Volk & Rasse” ebenso unwissenschaftlich wie unlogisch ist, so ist der daraus resultierende Rassismus nun mal eine absolute Tatsache des täglichen Lebens.
Ich habe mich oft gefragt, welcher Teufel die Erstberichterstatter, über die unseligen Vorgänge der Kölner Silvesternacht, wohl geritten haben mag, in ihren Kommentaren jedweden Bezug zur geografischen Herkunft der Täter zu verschweigen – und damit eben jene Herkunft, bei der unvermeidbar kurz darauf folgenden Enthüllung dieser Umstände, überhaupt erst zum Thema zu machen. Als ob es irgendeinen halbwegs zurechnungsfähigen Migrantenvertreter oder Fürsprecher für die Sache der Flüchtlinge gäbe, der behaupten würde “meiner einer” sei nicht zu einer Straftat fähig.
Nicht-Weiße sind auch nur Menschen und natürlich gibt es auch unter uns jede Menge Leute, die sich nur so lange an die Regeln halten, soweit sie Angst haben müssen, anderweitig erwischt und bestraft zu werden. Wenn man sich dann noch klar macht, dass das deutsche Strafrecht jemandem, der gerade eben erst einer brutalen Diktatur entronnen ist, wohl eher ein müdes Lächeln abringt, so erschrecken mich zwar die Vorfälle von Köln, aber sie sind mir nicht unbegreiflich.
Der beste Greifer um einen straffälligen Migranten zur Rechenschaft zu ziehen, ist ein anderer Migrant – denn auch unter “Eingewanderten” kennt man seine Pappenheimer. Deshalb wäre der beste Weg Silvester- und andere Nächte sicherer zu machen, nicht die deutsche Sprache farblos, sondern die hiesigen Polizeikräfte farbiger zu machen. Soll heißen, mehr Polizeikräfte mit Migrationshintergrund braucht das Land.

Auch ich möchte nicht ausschließlich über meine Hautfarbe definiert werden – aber ich bin nun mal nicht wie alle anderen, meine gemischtrassige Abstammung ist so unverrückbar Teil meiner Persönlichkeit, wie es Auschwitz für einen deutschen Juden ist. Mein ganzes Leben wäre anders verlaufen, wäre ich “weiß” geboren worden – und in der Tat es gibt so gut wie keinen Teil meines Ichs, der nicht von davon berührt ist.
Ja ich will, dass man in mir zuerst den Menschen sieht – aber eben einen Menschen mit Vorfahren aus Deutschland und Afrika, aus Schottland und Ostpreußen, mit Wurzeln in Europa, Afrika und Amerika. All das ist Teil von mir und nichts davon möchte ich missen.
Nur das hasserfüllte Gekreische und Gejohle, die rassistisch motivierten Schimpfwörter und kruden Klischees, die wäre ich gerne los. Ich mag “Kartoffel” als Bezeichnung für meine Mitmenschen ebenso wenig hören, wie “Neger” oder “Polake”.
Aber warum sollte ich etwas dagegen haben, z. B. “Afro-Deutsch” genannt zu werden? Denn schämen werde ich mich meiner afrikanischen Wurzeln nie!
Ein wütender Mann schreit seinen Zorn in die Welt:
„Ich bin arm und alleine und hatte nie Geld!“
Ein Anderer prügelt den Nachbarn, weil ihm sein Gesicht nicht gefällt.
Hass ist ein endloses Feuer, das sich selber erhält.

Wer Hass kennt, der weiß, er fühlt sich warm an und gut
und fließt durch die Adern wie wärmende Glut.
Er strömt aus dem Herzen, direkt in die Faust,
dieselbe mit der du dem Nächsten die Fresse einhaust.

Zwischen Worten und Taten steht oft nur noch die Scham,
die mag der Hass nicht, denn sie macht alt und sehr gram.
Doch wo Weltanschauungen goldene Brücken servieren,
kann man sich schamlos und fröhlich die Schnauzen polieren.

Der Mord und der Totschlag, die zwei kennen sich gut.
Wer tötet, muss heiß oder kalt sein, aber braucht wenig Mut.
Wir marschieren getrennt und schlagen zusammen.
Wir sind Kinder der Wut und im Reigen aus Hass auf ewig gefangen.
Während meiner Zeit in England letztes Jahr verbrachte ich sechs Monate auf der Insel der isolierten [Un]Glückseligkeit und war dabei bemerkenswerterweise Teil eines IT-Projektes, dessen Belegschaft kaum internationaler hätte sein können, wenn Kofi Annan die Mannschaftsauswahl getroffen hätte.
Auch wenn die “vor Brexit” Stimmung überall auf den Straßen und in den Medien zu spüren war – und Schande über jeden angelsächsischen Insulaner, der im Nachhinein behauptet vom Ausgang des Referendums überrascht worden zu sein – auf dem Projekt waren wir alle eine fröhlich integrierte multikulti Völkerfamilie.
Moslem saß neben Hindu, saß neben Christ, saß neben Atheist und man unterhielt sich über alle Rassen, Klassen und Kastengrenzen hinweg sprichwörtlich über “Gott und die Welt”.

Der Star unseres Langtisches war ein jung gebliebener Inder in seinen späten Vierzigern, der den für ihn passenden Spitznamen “Jazz” sein eigen nannte. Er war dauernd zu Scherzen aufgelegt, dabei hochintelligent und wissenschaftlich, wie kulturell sehr bewandert. Ja er nahm den nicht zu unterschätzenden Stress auf sich, der schon mit kleinsten Reisen von und auf die Insel verbunden sein kann, um übers Wochenende nach Athen zu fliegen und sich die Akropolis anzusehen.
Ein echter europäischer Kulturreisender und dabei einer, der nicht mal in Europa geboren ward.
Doch gelegentlich stolperte man über seinen ironisch-sarkastischen Humor, bei dem Versuch miteinander über Ernsthafteres als den lokalen Wetterbericht ins Gespräch zu kommen. Eine Art Schutzmechanismus, der oft von denen benutzt wird, die um die Vergeblichkeit wissen sich seriös über allzu vorurteilsbehaftete Themenkomplexe zu unterhalten.
So brauchte es eine Weile, bis wir einander nahe genug kamen, dass er mir sein Religionsbekenntnis offenbarte. Er gab an ein gläubiger Sikh zu sein, doch fiel es mir anfangs schwer dies zu akzeptieren, ja ich hielt dieses Statement nur für einen weiteren seiner vielen Scherze. Denn Jazz trug keinen Turban, hatte seine Kopfbehaarung sorgsam abrasiert, und er hatte auch kein Problem damit, gelegentlich Fleisch zu essen.
Jeder, der sich mit Sikhismus auskennt, weiß das er damit gegen die Grundsätze der religiösen Orthodoxie seines Glaubens verstieß – einer Religionsgemeinschaft, die interessanterweise ursprünglich geformt worden war, um den Menschen des nördlichen Indien eine friedfertige Alternative zu den einengenden Orthodoxien von Islam und Christentums zu offerieren.
Jazz offenbarte mir, dass ihm vor vielen Jahren sein – streng religiöser – Großvater die gleichen Vorhaltungen gemacht hatte. Er jedoch sah nirgendwo in seinem heiligen Buch – dem Guru Granth Sahib – geschrieben, dass langes Haupthaar und ein voller Bart, nebst Turban, zwingend erforderlich seien, um ein guter Sikh zu werden. Damit hatte er zweifelsohne ebenso recht, so wie viele Moslems welche die Vollverschleierung von Frauen ablehnen oder Christen, welche mit Homophobie nichts am Hut haben. Aber was in den heiligen Büchern steht, ist eine Sache, was die Mehrheit der Gläubigen daraus macht ist jedoch eine ganz andere.
So insistierte ich Jazz gegenüber: „Du kannst dich doch nicht als Einzelner gegen die Glaubensüberzeugung der ganzen Gemeinde stellen – da verlierst Du doch!“
In einem seiner seltenen tiefernsten Momente lehnte Jazz sich zu mir herüber und meinte: „Diese Regeln wurden ursprünglich eingeführt damit sich meine Leute in Zeiten von gegen uns gerichteten Feindseligkeiten und Kriegen untereinander erkennen und miteinander identifizieren konnten. Solange ich unbedrängt in einer offenen und toleranten Gesellschaft meinen Glauben unbedrängt praktizieren kann, brauche ich diese ‘Erkennungsmerkmale’ nicht – doch in dem Moment, wo man mir das Tragen des Turbans oder eines Vollbartes verleiden oder gar verbieten wollte, würde ich bis zu meinem Tod dafür kämpfen, weithin sichtbar als Sikh durch die Lande zu schreiten.“

Ein altes Gesetz der Physik besagt, dass jeder Druck Gegendruck erzeugt – so einfach ist das und doch so kompliziert.

So musste ich heute Morgen an Jazz denken, als ich auf dem Weg zur Arbeit im Autoradio von einem neuen geplanten TV Auftritt des viel gefeierten deutschen Fernsehrüpels Jan Böhmermann erfuhr. Vor vielen Wochen war auch ich entsetzt, als man mir in den Medien davon erzählte, wie ein übler Schurke aus Ankara sich erdreistete, einem deutschen Denker das Dichten verbieten zu wollen.
Meine uninformiert wütende Entrüstung hielt bis zu dem Moment an, da sich ein übereifriger CDU Bundestagsabgeordneter dazu verstieg, besagtes “Gedicht” in voller Länge im Plenum zu zitieren. Und auch wenn ich für mich selbst nicht einmal den Status eines begnadeten Hobby Poeten in Anspruch nehme, so konnte ich doch dieser böhmermannschen Ekeltirade beim besten Willen nichts “künstlerisch wertvolles” abgewinnen.
Die “Freiheit der Kunst” hat bei mir da ihre Grenzen, wo künstlich, krampfhaft darauf Wert gelegt wird, jemand anderen persönlich zu beleidigen. In seinem Schmähtext beschimpft der besagte deutsche Medienstar nicht Erdogan den Politiker, nicht einmal den osmanischen Gernegroß und Möchtegernsultan vom Bosporus – obgleich sich da trefflich anknüpfen ließe.
Nein, Herr Böhmermann legte besonderen Wert darauf, den Menschen Erdogan, mit der türkischen Flagge als Hintergrund, als Päderasten und Sodomiten mit extrem-erotischer Hingabe zum Hornvieh, darzustellen – inklusive der erkenntnisreichen Unterstellung, dass es in Erdogans Unterhose stark nach Döner rieche.
Man stelle sich den Entrüstungssturm im deutschen Blätterwald vor, hätte sich das polnische Parlament derart schützend vor einen Schmähredner von der Weichsel gestellt, welcher Merkel zuvor dichtenderweise als Kinderschänderin abtitulierte hätte.
Ja, auch und gerade in Polen muss man sich als deutscher Politiker viele Demütigungen durch die Medien gefallen lassen – nur erhalten diese keine offiziellen Weihen aus den Reihen des Sejm und bleiben in der Regel auch nördlich der Gürtellinie stehen.

All diese Gedanken gingen mir heute Morgen durch den Kopf – und mir wurde klar, warum ich in Herrn B. jetzt nur noch einen unwürdigen Verbalschmieranten sehe, obgleich ich ihn noch vor wenigen Wochen als Helden „meiner Meinungsfreiheit“ empfand. Es waren die dümmlichen Islamophobien, welche sich auch auf meiner Facebook-Seite austoben wollten – und dabei bin ich nicht mal Moslem und schon gar kein Türke.
Wie gesagt, Druck erzeugt Gegendruck – und so denke ich mittlerweile ernsthaft darüber nach, mal wieder eine Moschee zu besuchen und im Koran zu lesen.