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Anfang März 2016; Wetter im platten Land Westfalens nördlich des Rheins: Kalt aber züchtig — eine Aussage, die mehr Sinn macht, als der geistige Erguss über welchen ich hernach berichten möchte.

Zu Samsons Zeiten galt eine stattliche Haarpracht als Zeichen ausgeprägter Potenz, daher fragte ich mich, als ich mich heute hier in Rheda auf den Weg zum Frisör machte, in welchem Ansehen damals wohl die Barbiere bei ihren männlichen Kunden standen — denn in Vorbereitung auf mein nächstes Projekt halte ich mich momentan noch in dieser Musterstadt norddeutscher Biedermänner auf. Solch verworrenem Gedankengang zum Trotz war es eine Frau, die mich heute am nachhaltigsten beeindruckte.
Die “magischen Hände” in jenem Frisiersalon hatten zwar allesamt türkische Besitzer, doch waren die junge Mutter und ihr Kind — ein Dreikäsehoch im Vorschulalter, den sie kurz zuvor auf den Kindersitz des Salons platziert hatte — eindeutig germanischen Ursprungs. Und ich sage dies nicht nur weil die kaum 25-jährig erscheinende Frau, ebenso wie der sie begleitende Mann gleichen Alters und ihr gemeinsamer Stammhalter, akzentfreies Deutsch sprachen. Nein, sondern vor allem, weil die leuchtend blonde Erscheinung — sowohl von ihr wie auch die ihres Jungen — dem Hochglanzprospekt eines arischen Herrenmenschenmagazins hätte entsprungen sein können.
Sie bewegte sich mit der unprätentiösen Grazie einer proletarischen Loreley, denn neben den gelben Plastikturnschuhen zu schwarzen Stoffhosen verriet auch ihre sonstige Ausdrucksweise einen “bildungsfernen Hintergrund”, während meine darbende Libido verzweifelt nach der Zeitmaschine suchte, welche mich flugs gute zwei Jahrzehnte jünger machen sollte.
Die gute Frau wollte eine hochgesteckte Ponyfrisur für ihren süßen Sprössling und war sehr darum besorgt, dass jeder Schnitt im Haupthaar ihres Kindes auch richtig platziert sein möge. Ich hatte mittlerweile für meine eigene Kopfrasur direkt neben dem Kleinen Platz genommen und war also nicht überrascht, dass sie mehrmals neben mir auftauchte, um sich in die Regie von Schere und Schneideapparat einzumischen.
Und doch stockte mir der Atem, als eben jener blonde Engel unverbraucht mütterlicher Tugend erneut nach vorne eilte, um dem Frisör beim Zurechtschneiden der Stirnpartie Einhalt zu gebieten: „Halt, nicht so schneiden. Er sieht ja sonst noch aus wie ein Jude“.
Vielleicht habe ich mir die darauf einsetzende beklemmende Stille nur eingebildet, jedenfalls versuchte die junge Mutter ihren Einwand erklärend zu entschuldigen – und machte dadurch alles nur noch schlimmer. Zuerst auf die Stirnpartie ihres Zöglings deutend, zwirbelte sie sich unmittelbar darauf imaginäre Locken entlang der eigenen Schläfen, und meinte, „das sieht ja sonst nachher aus wie bei den Juden. Ich meine, er soll doch gut aussehen, soll doch nicht schlecht ausschauen, mein Junge“. Dabei streichelte ein blonder Engel dem anderen übers Haupt, während mir die Haare geschoren wurden, auch die, die mir mittlerweile schon zu Berge standen.
Nach dem Paradigmenwechsel der Kölner Silvesternacht hatte ich besseres zu tun, als mich mit dem Prototypen des arischen Muttertiers, auf fremden Terrain, in ein Streitgespräch über die Nachhaltigkeit der geistigen Nahrung einzulassen, welche diese dem Spross ihres Schosses da so unverhohlen ins Ohr träufelte. Nur fragte ich mich, was wohl der nächste jüdische Mitschüler des Knaben von diesem zu hören bekommen würde, sollte er es jemals wagen, mit Schläfenlocken zum Unterricht zu erscheinen?
Aber die Frage, die mich am meisten beunruhigte war, ob diese Mutter, die mir plötzlich nur noch proletenhaft und gar nicht mehr betörend schön erschien, bekennende Anti-Semitin oder einfach nur eine praktizierende Ignorantin war. Jedenfalls hatte sie ihrem Jungen an diesem Nachmittag, mit kaum vier Sätzen, ein Geschenk für seinen Weg durchs Leben gegeben, an dem so manch anderer nicht-blonder Mitmensch noch zu knabbern haben dürfte.
Auch wenn gewisse “PöbElnde mitGlieder bIlDungsferner notgemeinschAften” sich von der schreibenden Zunft zu Unrecht verfolgt sehen, so habe ich hinsichtlich dieser Chronisten der “human condition” hier zweifach Gutes zu berichten.
Artikel aus dem Bonner Generalanzeiger: Und sollten sich zufällig einige, jener zuvor erwähnten, fremdenfeindlichen Anhänger des intellektuellen Tiefliegertums auf meine Webseite verirrt haben — was die Zeitung da berichtet ist die lautere Wahrheit, ganz eeehrlich 🙂